Der Kurseinbruch vom Dienstag am New York Stock Exchange kann nur notorische Optimisten überrascht haben. Dow Jones und S&P-500-Index verloren jeweils rund 2% und sanken damit innerhalb einer Börsensitzung um jeweils rund 2%. Dieser Kursrutsch erfolgte bei überdurchschnittlichen Umsätzen, d.h. hinter der Verkaufwelle stehen große Anlegergruppen.
Auch gestern setzte sich zunächst der Kursverfall fort, konnte dann aber zum Börsenschluss gestoppt werden. Auslöser sollen die schlechten Werte über die Bonität einiger Hypothekenbanken in den USA sowie das deutlich gesunkene Verbrauchervertrauen gewesen sein. Heute scheint zunächst ein Tag der Konsolidierung zu sein, falls neue negative Meldungen ausbleiben.
Vielfältige Krisenursachen
Nachdem beim vorangegangenen Kursrutsch die Ankündigung der chinesischen Regierung über eine Spekulationssteuer (Stichwort: China-Crash) sowie eine deutliche Aufwertung des Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro als Ursachen (Stichwort: Carry Trade) benannt wurden, werden jetzt die konjunkturellen Probleme wie das Platzen der Immobilienblase in den USA sowie das sinkende Verbrauchervertrauen genannt. Dabei hätte eine tiefgreifende Krise der Immobilienmärkte in den USA und zahlreichen anderen Industrieländern insbesondere auch in Europa besonders gravierende Folgen, da dort der größte Teil des Privatvermögens großer Teile der Bevölkerung angelegt sind. Auch in Japan waren es nicht die Aktienmärkte, sondern die Immobilienmärkte, die für die lang anhaltende Dauer der Krise der japanischen Wirtschaft verantwortlich waren.
An der Vielfalt der Ursachen wird deutlich, dass die Phase weltweiter Überliquidität infolge der Niedrigzinspolitik insbesondere in Japan und den USA zu Finanzinvestitionen geführt hat, die zwar derzeit noch mit dem Anschein hoher Ertragserwartungen offiziell bilanziert werden, die aber über kurz oder lang sich den Realitäten und damit deutlichen Wertberichtigungen werden stellen müssen.
Die jetzigen Auslöser werden dabei nicht die letzten Krisenherde sein, die zu optimistische Anleger durch schlechte Nachrichten aufschrecken werden. Hedge-Funds und Private-Equity-Firmen haben mittels billigen Geldes sich in immer waghalsigere Leveraged Buyouts engagiert. Die EZB und auch die Fed sowie die SEC haben bereits seit einiger Zeit vor möglichen Zusammenbrüchen in diesem Bereich gewarnt. Hier könnte bald weitere schlechte Nachrichten die Finanzmärkte durcheinanderwirbeln.
Zinssenkungen als Deus ex Machina?
Als Allheilmittel gegen eine Liquiditätskrise werden unter optimistischen Börsianern deutliche Zinssenkungen genannt. Die Fed hat ja das Zinsniveau für die Federal Funds Rate auf zuletzt 5 ¼% angehoben, so dass sie derzeit über genügen Spielraum verfügt, um die Zinsen deutlich zu senken, und, damit in Bedrängnis geratenen Unternehmen insbesondere auch Banken und Finanzinvestoren unter die Arme greifen zu können. Ben Bernanke wird diese Option hinsichtlich seiner Einschätzung, dass die US-Wirtschaft eine weiche Landung hinbekommen wird, im Hinterkopf haben. Allerdings wirken solche zinspolitischen Maßnahmen nicht punktgenau, d.h. es dauert Monate bis ihre Effekte auf die Gesamtwirtschaft insbesondere außerhalb der Finanzmärkte durchschlagen.
Nicht jeder klamme Immobilienbesitzer, der sich mit seiner Finanzierung verhoben hat, wird durch eine baldige Zinssenkung gerettet werden können. Bleibt kurzfristig nur der psychologische Effekt, dass Zinssenkungen einer Panik an den Finanzmärkten unmittelbar entgegen wirken.
Das Ende des Produktivitätswunders in den USA
Der längste Boom der Weltwirtschaft insbesondere auch in den USA stützte sich insbesondere auf den fundamentalen Faktor einer deutlichen Beschleunigung des Produktivitätswachstums ab Mitte der 1990er Jahre. Dieses Produktivitätswunder hat während der vergangen knapp zwölf Jahre gemeinsam mit dem hohen Beschäftigungsniveau den Wohlstand in der Wirtschaft und der Bevölkerung in den USA überdurchschnittlich ansteigen lassen. Nach einer Phase des Jobless-Growth zählte auch die breite Bevölkerung in den USA zu den Wohlstandgewinnern.
Nach den letzten revidierten Zahlen ist nun im vergangen Jahr das Produktivitätswachstum im Privatsektor auf nur noch 1,6% zurückgefallen. Damit hat es sich innerhalb kurzer Zeit mehr als halbiert. Diese Entwicklung, sollte sie sich in den kommenden Jahren fortsetzen, kann nicht ohne nachhaltige Folgen für die US-Wirtschaft bleiben. Löhne und Gehälter werden nicht mehr wie bisher wachsen können und damit die Kaufkraft der privaten Haushalte in den USA unterminieren.
Hohe Verschuldung der privaten Haushalte
Da diese bereits wie auch der Staat hoch verschuldet sind, wird dies zu Kreditausfällen und mithin zu steigenden Kreditrisiken führen. Nicht jede Bank oder Gläubiger wird bereit sein zahlungsunfähigen Schuldner durch Umschuldung oder Zahlungsaufschub vor dem Bankrott zu retten. Höhere Kreditrisiken treiben jedoch insbesondere für diejenigen die Kreditzinsen in die Höhe die besonders weiterer Kreditfinanzierungen bedürften. Die Zinssenkungen der Zentralbank könnten unter derartigen Verhältnissen leicht wirkungslos bleiben, da diejenigen die neue Liquidität benötigen von den Gläubigern als nicht ausreichend kreditwürdig angesehen werden.
Hohe US-Staatsverschuldung
Die Bush-Regierung hat durch seine Steuerpolitik zugunsten der Wohlhabenden, durch massive Steigerung der Rüstungsausgaben im Rahmen des Kriegs gegen den Terror und der Homeland-Defense-Initative und nicht zuletzt durch das Irak-Kriegsabenteuer seine finanziellen Möglichkeiten schon weitgehend ausgeschöpft. Was eigentlich auf der Tagesordnung stünde wäre eine Konsolidierung der Staatsfinanzen. Diese würde jedoch in der derzeitigen Situation prozyklisch wirken und eine beginnende rezessive Phase noch deutlich verstärken. Mithin wäre bereits die Fortführung des derzeitigen Haushaltsdefizits zur Stützung des US-Konjunktur für die Sicherung der nachhaltigen Stabilität der öffentlichen Haushalte ein Wagnis.
Dauerhafte Defizitfinanzierung der US-Schulden durch Ausländer?
Zusätzliche Defizite, die derzeit zu einer überwiegenden Teil durch ausländische Anleger insbesondere asiatische Zentralbanken zur Stützung eines niedrigeren Wechselkurses gegenüber dem US-Dollar gehalten werden, werden auf Dauer nicht als Finanzquelle bereitstehen, da hiermit hohe Wechselkursrisiken verbunden sind, wenn diese Länder ihre Währung endlich doch gegenüber dem US-Dollar aufwerten müssen.
Anpassung auf ein nachhaltiges weltwirtschaftliches Gleichgewicht unausweichlich
Das ganze in seiner Finanzarchitektur bereits marode Kartenhaus könnte dabei zum Einsturz gebracht werden. Dies kann in unkontrollierter Form niemand wollen – darauf hoffen immer noch zahlreiche Spekulanten auf den Finanzmärkten -, aber die derzeitige Fortsetzung kumulativer Ungleichgewichte auf den Weltfinanzmärkten mit den USA als größter Schuldnernation der Welt wird sich auf Dauer nicht fortsetzen lassen. Die Turbulenzen an den Weltbörsen sind nur ein Indikator dafür.
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