Die Katholiken in Kreuzberg

„Wir wollen Euch hier nicht!“ Eine Gruppe Jugendlicher skandiert dazu etwas, dass mit urinieren zu tun hat und wohl als Aufforderung zum sofortigen Ortswechsel gedeutet werden muss. „Sind ja gar nicht bloß alte Leute! Auch Kinder!“, kräht ein eben solches wahrheitsgemäß und man ahnt, was die jungen Eltern kurz zuvor

128976038_77840e4569.jpg„Wir wollen Euch hier nicht!“ Eine Gruppe Jugendlicher skandiert dazu etwas, dass mit urinieren zu tun hat und wohl als Aufforderung zum sofortigen Ortswechsel gedeutet werden muss. „Sind ja gar nicht bloß alte Leute! Auch Kinder!“, kräht ein eben solches wahrheitsgemäß und man ahnt, was die jungen Eltern kurz zuvor konstatiert haben. „Was ist denn das hier?“ Der Mann auf dem Fahrrad blickt in die an ihm vorbeiziehende Menge. Einer gibt Auskunft: „Bußgang.“ – „Bußgang!“, wiederholt der Fahrradfahrer. Es hört sich an wie eine ansteckende Krankheit.

Für gläubige Katholiken mit ausgeprägtem religionssoziologischen Interesse war der Bußgang der Berliner Katholiken am Nachmittag des 17. März ein lohnendes Ereignis. Zum einen wegen der gelungenen Liturgie, die von den Honoratioren der katholischen Kirche Berlins zelebriert und von zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern in- und ausländischer Gemeinden bzw. Missionen vielsprachig gestaltet wurde. Hier war die Weltkirche eindrucksvoll erfahrbar, verschieden im Ausdruck, aber geeint durch das Kreuz, das zu diesem Anlass durch die Straßen Kreuzbergs getragen wurde. Zum anderen wegen der Eindrücke, die man bekommt, wenn man sich als Religionsgemeinschaft in den öffentlichen Raum wagt. Diese Eindrücke können Studien der empirischen Sozialforschung nicht ersetzen, aber doch ergänzen. Eines scheint demnach klar: Sich in der deutschen Hauptstadt zum Katholizismus zu bekennen, hat eine ähnliche Wirkung wie nackt durch die Straßen zu gehen.

Clash of Civilzations?

Als Christ könnte man geradezu stolz sein ob soviel Empörung, Spott und Hohn, wie er in den eingangs geschilderten Fällen zum Ausdruck kommt. Ist es doch gerade das, was Jesus seinen Anhängern in Aussicht stellt. Doch dieser Opfermythos ist eitel. Die eigene Religiosität sollte unabhängig sein von der Zahl derer, die sie gut oder schlecht finden. Zu Ehrenrettung der Kreuzberger: Die meisten reagierten nicht aggressiv oder offen spöttisch, die meisten wussten wohl schlicht und ergreifend nicht, wie sie das, was sie da sahen, einzuordnen haben. Katholisch? Komisch!

Nein, hier soll es nicht um die Kultivierung eines selbstmitleidigen Verfolgungswahns gehen. Dagegen sprechen schon die Fakten: Die Katholiken dürfen gehen, die Polizei schützt sie dabei. Es ist ihre Pflicht, das Demonstrationsrecht zu gewährleisten, ob beim Bußgang oder an Fronleichnam. Dafür sorgt das Grundgesetz. Nein, es geht hier vielmehr um die Frage, ob es gelingen kann, im toleranten Miteinander einer multikulturellen Gesellschaft friedlich zusammen zu leben und sich als Religionsgemeinschaft nicht nur hinter dem Recht verschanzen, sondern auf Offenheit und Wohlwollen hoffen zu können. In Anbetracht dessen, was sich abseits des Zuges tut, drängen sich in diesem Zusammenhang unangenehme Gedanken auf: Hat Samuel Huntington am Ende doch Recht? Ist der „clash of civilizations“ unvermeidlich? Beginnt er in unseren Straßen? Hat er schon begonnen? Bleibt er, wenn er unvermeidlich ist, wenigsten friedlich? Fragen ohne Antwort. Vorerst.

Eine Polizei im Innern

Die Notwendigkeit interreligiöser Verständigung, aber auch die eines Dialogs zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen ist offensichtlich. Wäre es doch schade, in einer Gesellschaft zu leben, in der man mit allseitigem Verständnis rechnen kann, solange man für höhere Löhne oder gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen demonstriert, gleichzeitig aber bestenfalls belächelt wird, wenn man in einer „Demo“ wie dem Bußgang die Notwendigkeit zur eigenen Umkehr betont.

Am Ende des Zuges kommt es noch zu einem netten Dialog über die Bedeutung der Buße. Zwei junge Männer im Gespräch. Der eine, äußerlich als gläubiger Muslim erkennbar, erklärt, dass Buße immer dann nötig wird, wenn man etwas gemacht hat, das nicht in Ordnung ist. Das sei dann wie eine Polizei, die eingreift. Eine Polizei im Innern. Der andere zieht die Mundwinkel nach unten, nickt bedächtig und urteilt: „Nich’ schlecht!“ Find’ ich auch.

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  1. Zur Klarstellung: Bei der auf dem Foto abgebildeten Prozession handelt es sich nicht um den Bußgang der Berliner Katholiken, sondern vermutlich um eine katholische “Semana Santa”-Prozession in Spanien (Sevilla?).

    Josef Bordat