Alphablogger der deutschen Blogosphäre. Heute: Thomas Knüwer, Grenzgänger
Artikel von Peter Turi vom 20.03.2007, 09:04 Uhr im Ressort Web & Technik | 14 Comments
Alphablogger (2) - Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn. Heute: Thomas Knüwer, der Grenzgänger zwischen klassischen Medien und Blogosphäre, der dem deutschen Journalismus „Qualitätsverlust“ und „weichgespülte Langeweile“ vorwirft.
Thomas Knüwer, 37, ragt mit seinen Einsfünfundneunzig nicht nur optisch aus dem Kreis seiner Kollegen hervor, Knüwer ist der Vorzeigeblogger unter den Journalisten und der Vorzeigejournalist unter den Bloggern. Der festangestellte Redakteur bei der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ hat sich als Grenzgänger zwischen klassischem Journalismus und der wachsenden Blogosphäre mit seinem Blog [1] http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/ einen Namen gemacht. Dort spießt er unbarmherzig die kleinen und großen Unzulänglichkeiten der Branche auf. Künftig wird Knüwer auch im „Handelsblatt“ vorwiegend über das Internet und Web 2.0 berichten.
Videolink 1 - Thomas Knüwer über neue Chancen für Journalisten im Web 2.0:
[2] http://www.onlinejournalismus.de/2006/12/13/einschaetzungen-fuer-2007-heute-thomas-knuewer/
Videolink 2 – Thomas Knüwer von Lukasz Gadowski interviewt:
[3] http://www.gruenderszene.de/?p=44
Turi: Thomas, Du begrüßt die Besucher Deines Blogs mit dem Agatha-Christie-Zitat: „Ich habe Journalisten nie gemocht. Ich habe sie alle in meinen Büchern sterben lassen. Sterben Journalisten im Zeitalter des Web 2.0 aus?
Knüwer: Nein. Sie werden mehr. Aber viele von ihnen arbeiten nicht mehr auf festen Stellen bei klassischen Medien.
Turi: Sind Journalisten tatsächlich so unsympathisch? Warum hast Du dieses Motto gewählt? Du bist doch selbst Journalist.
Knüwer: Das Motto ist ein Wink, dass wir Journalisten uns nicht immer so ernst nehmen sollten.
Turi: Und deshalb müssen wir alle sterben? Sind Blogger die besseren Journalisten?
Knüwer: Der Erfolg von Bloggern ist eine Reaktion auf den Qualitätsverlust der klassischen Medien. Auf Dauer werden sie eine Kontrollfunktion erfüllen und bei mangelhafter Qualität einen öffentlichen Druck aufbauen, der langfristig entweder zu einer Qualitätssteigerung der klassischen Medien führen wird – oder zu noch größeren Problemen.
Turi: Was machen Blogger besser als Journalisten?
Knüwer: Eine alte journalistische Regel ist: Schreib, wie Du sprichst. Das haben Journalisten aber verlernt. Kommentare sind oft weichgespülte Langeweile, es gibt keinen Mut zu ungewöhnlichen Wortkreationen. Blogger sind oft die unterhaltsameren und deftigeren Schreiber. Und das vermissen viele Menschen in den klassischen Medien. Außerdem haben Blogger keine Probleme damit, es sich mit jemand zu vergrätzen – im Gegensatz zu Journalisten. Und schließlich ist das Wissen vieler Journalisten in Sachen Internet desaströs – und das bei der Technologie, die unsere Welt so schnell verändert hat, wie keine zuvor in der Menschheitsgeschichte.
Turi: Aber nicht nur zum Besseren. Viele Blogger sind noch ahnungsloser, eitler, hämischer und selbstreferentieller als Journalisten.
Knüwer: Sind sie das? Wir können ja mal ein Scoring-Modell erarbeiten und dann eine Rangliste erstellen. Dürfte spannend werden.
Turi: Können wir uns auf den Satz einigen: „Alle Pauschalisierungen sind falsch – einschließlich dieser“? Was können Blogger von Journalisten lernen?
Knüwer: Nicht jedes Gerücht zu glauben.
Turi: Was können Journalisten von Bloggern lernen?
Knüwer: Dass Kommunikation mit dem Leser befruchtend ist.
Turi: Was hast Du in den beiden Jahren als bloggender Journalist gelernt?
Knüwer: Wenn Journalisten nicht zu althergebrachten Tugenden wie hoher Unabhängigkeit zurückkehren und zum Mut, Unbequemes auszusprechen – dann wird sich ihr Arbeitsplatz auf Dauer erledigen.
Turi: Bist Du ein Motzblogger?
Knüwer: Was’n das? Ich kritisiere, wenn mir etwas nicht gefällt. Ich lobe, wenn mir etwas gefällt.
Turi: Ein Motzblogger ist ein Mensch, dem es ein Bedürfnis ist, vor anderer Leute Tür zu kehren und der anderen gern die Meinung geigt - oft sehr hämisch und besserwisserisch. So wie Du mitunter.
Knüwer: Ich weiß nicht das meiste besser. Nur manches.
Turi: Arbeitest Du nach der Devise: Schön brav im „Handelsblatt“, kräftig motzen im Blog?
Knüwer: Jein. Klar ist, dass das „Handelsblatt“ eine andere Klientel hat. Und auch andere Leseumstände. In Print ist allein schon der Platz begrenzter als online. Wer aber meine Kommentare über Sportwetten im gedruckten „Handelsblatt“ gelesen hat, der weiß, dass ich auch da kein Freund von Langeweile bin.
Turi: Sind Blogger Para-Journalisten, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz meint? Also Möchtegern-Journalisten, die’s noch nicht in die echten Medien geschafft haben?
Knüwer: Ach, der Herr Bolz. Die Mehrheit der Blogger will ja bewusst nicht als Journalist bezeichnet werden. Was auch eine Menge über das Ansehen unseres Berufsstandes sagt. Unter den Bloggern gibt es eine Reihe, die es in die „echten Medien“ (ist das Internet unecht?) geschafft haben. Viele, die es gar nicht schaffen wollen. Solche Kategorisierungen stammen von Menschen, die sich die Vorstellung abgewöhnt haben, dass es in einem demokratischen Land einen Diskurs geben könnte. Einst hätte Bolz wahrscheinlich behauptet, die Teilnehmer der Diskussionssalons des 19. Jahrhunderts seien alle Para-Christiansens.
Turi: Viele der führenden Blogger in Deutschland sind Journalisten ohne feste Anstellung und ohne großen Erfolg im Markt. Warum bloggen in Deutschland so wenig andere Top-Journalisten?
Knüwer: Das mit dem „ohne großen Erfolg“ unterschreibe ich in vielen Fällen aber nicht. Die spannende Frage ist: Warum schreiben fest angestellte Journalisten so grauenvoll langweilige Blogs? Ich fürchte, es ist – wie auch bei Corporate Blogs – eine Frage des Betriebsklimas. In vielen Redaktionen ist eine offene Stellungnahme und das Herauslehnen aus der Masse nicht gewünscht. Deutsche Journalisten sind noch dazu eine Personalisierung nicht gewöhnt. Während im angelsächsischen Raum Kolumnen und ihre Autoren verehrt werden, gibt es in Deutschland kaum eine Kolumne, die den Namen überhaupt verdiente. Das Wort „Ich“ ist für deutsche Journalisten ein Tabu. Leider.
Turi: Hilft Bloggen Deiner Karriere?
Knüwer: Angesichts dessen, was ich über manche Verlage, Blätter, Redakteure oder Verlagsmanager schreibe, dürfte eher das Gegenteil zutreffen.
Turi: Einspruch! Die Medienbranche ist süchtig nach Kritik, deftiges Austeilen ist der einfachste Weg, sich einen Namen zu machen.
Knüwer: Seit wann ist die Medienbranche empfänglich für Kritik? Das war einmal. Heute wagen Medienblätter nicht mehr, kritisch über bestimmte Verlage zu schreiben, weil sie um deren Anzeigen fürchten. Wer einen Verleger angeht, kann damit rechnen, dass der den Verleger des Arbeitgebers anruft – und dann donnert’s. Nein, kritische Medienberichterstattung ist in Deutschland kaum noch vorhanden.
Turi: Kannst Du anderen Journalisten das Bloggen empfehlen?
Knüwer: Ja! Nicht jeder muss bloggen. Aber jeder sollte es zumindest mal versuchen – und sei es privat und unter Pseudonym. Vor allem aber: Jeder Journalist sollte Blogs aus seinem Themenfeld lesen.
Turi: Wie multimedial muss der Journalist der Zukunft sein?
Knüwer: Journalisten müssen gute Arbeit abliefern, das ist das Wichtigste. Und es bedeutet auch: Jeder sollte seine Arbeit für die Kanäle zuschneiden, die ihm liegen. Nicht jeder kann ordentlich in ein Mikro sprechen, nicht jeder ist kameratauglich – das macht ihn nicht zum schlechteren Journalisten.
Turi: Immer wenn es um das Unternehmen geht, bei dem Du angestellt bist, um die Holtzbrinck-Gruppe, wirst Du sehr schmallippig. Zur verschenkten Wirtschaftszeitung „Business-News“ hast Du beispielsweise gar nichts gesagt. Fällt Dir das schwer?
Knüwer: Ja.
Turi: Möchtest Du bis ans Ende Deiner Tage als abhängig Beschäftigter arbeiten? Oder träumst Du manchmal davon, Dich der digitalen Bohème anzuschließen und selbstständig zu werden?
Knüwer: Ich träume davon, im Lotto zu gewinnen und dem SC Preußen Münster mit dem Geld in die Bundesliga zu verhelfen. Ansonsten kann ich mir meine Träume nie merken. Aber ernsthaft: Ich hätte mehrmals in meiner Berufslaufbahn wechseln können, aber ich glaube an das Konzept einer starken Wirtschaftszeitung für Deutschland. Ich bin bekennender Handelsblättler. Und bisher hat mich dieses Haus auch meist gut behandelt.
Turi: Wird es künftig auch in Deutschland Blogger geben, die vom Bloggen leben können?
Knüwer: Schwer zu sagen, ob das für Einzelblogs funktionieren wird. Das größte Problem sind leider die Geldgeber, die nur Billig-Kopien in den USA schon nicht doll laufender Web-Service-Unternehmen sehen wollen. Obwohl beispielsweise ein Modell wie Digg.com, das es in Übersee schon nicht zu Qualität und gerade mal einer Million Nutzer gebracht hat, ganz sicher kein deutsches Gegenstück verträgt. Redaktionell getriebene Angebote dagegen haben eine dauerhafte Chance, weil sie nicht auf schwindsüchtige Communities und kurzfristige Interessen setzen.
Turi: Was genau meinst Du, kommt da auf uns zu?
Knüwer: Es gibt eine Reihe von Bereichen, für die es in Deutschland bisher mittelmäßige Online-Angebote gibt. Zum Beispiel Sport: Da werden die Möglichkeiten nicht mal ansatzweise ausgeschöpft. Oder Geldanlage. Oder Glamour. Oder Medien.
Turi: Du hast jetzt die Chance, drei Blogger zu nennen, von denen Journalisten was lernen können. Welche drei Blogs sind das – und was können Journalisten dort lernen?
Knüwer: Von Don Alphonso die Hartnäckigkeit und tiefe Recherche. Von Jeff Jarvis das Nachdenken über die Welt der Medien. Und von Madame Modeste das Schwelgen in Sprache.
Turi: Machen Blogs die Zukunft besser? Oder wenigstens die Medien?
Knüwer: Hoffentlich.
Turi: Was würdest Du machen, wenn Du König von Deutschland wärst?
Knüwer: Ein neues Stadion für Preußen Münster bauen.
Turi: Was würdest Du machen, wenn Du Stefan von Holtzbrinck wärst?
Knüwer: Ein neues Stadion für Preußen Münster bauen.
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Aus der Serie ‘Alphablogger – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn’ lesen Sie hier Teil 1: [4] klick
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
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Links im Artikel:
[1] http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/: http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/
[2] http://www.onlinejournalismus.de/2006/12/13/einschaetzungen-fuer-2007-heute-thomas-knuewer/: http://www.onlinejournalismus.de/2006/12/13/einschaetzungen-fuer-2007-heute-thomas-knuewer/
[3] http://www.gruenderszene.de/?p=44: http://www.gruenderszene.de/?p=44
[4] klick: http://www.readers-edition.de/2007/03/19/alphablogger-der-deutschen-blogosphaere-heute-robert-basic-
messias-wider-willen