Aus dem Vatikan nichts Neues? – ein Kommentar

Alles bleibt beim alten…, so scheint es angesichts der von deutschen Bischöfen angestellten Vergleiche palästinensischer Lebensbedingungen mit dem Todeskampf der Juden im Warschauer Ghetto. Und daher mag manchem Mitmenschen der kurz vor der Äußerung dieser unsäglichen Vergleiche absolvierte Besuch hoher katholischer Würdenträger an der zentralen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in

wall.JPGAlles bleibt beim alten…, so scheint es angesichts der von deutschen Bischöfen angestellten Vergleiche palästinensischer Lebensbedingungen mit dem Todeskampf der Juden im Warschauer Ghetto. Und daher mag manchem Mitmenschen der kurz vor der Äußerung dieser unsäglichen Vergleiche absolvierte Besuch hoher katholischer Würdenträger an der zentralen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wie eine perfide Scheinheiligkeit vorkommen. Eine verharmlosende Relativierung des unsagbaren Leids der jüdischen Opfer mit einer deutlichen Relativierung der Schuld der Täter wirkt mit bitterem Beigeschmack nach.

Keine allzu große Rolle spielen dabei für die Kritiker dieser bischöflichen Entgleisungen die nachträglichen und allzu leise hingeheuchelten, ausschließlich der medienwirksamen Politraison gezollten Pseudorichtigstellungen, die dem kurzfristig erschreckten Klerus nach einigen öffentlichen Ohrfeigen entschuldigend von den Lippen kam. Damit und mit einem tiefen Seufzer, zu dem einen jüdischen, seit 2000 Jahren auch von den Christen in Anspruch genommenen und oft missbrauchten Gott, könnte man eigentlich zur Tagesordnung übergehen: Nichts Neues also im Vatikan?

Unzulässige Relativierung der Schuld der Täter

Einige Vertreter der Kirche haben mit der aus tiefster katholischer Seele ausgebrochenen Spontaneruption des von großen Teilen der Kirche seit jeher gelebten antijüdischen Ressentiments enttarnend den Eindruck erweckt, dass man sich auf ihre Beständigkeit und doktrinäre Unbelehrbarkeit in puncto ihrer Vorbehalte gegen Juden wirklich verlassen kann. Das - trotz des spürbar kurzatmigen Rückziehers des Kardinals Lehmann – vielerorts und von mannigfacher Seite als manifester antijüdischer Eklat gewertete Verhalten der Bischöfe demaskiert erkennbar dieses allzu vordergründige Problem weiter Kirchenkreise.
Diese Kirche, die bei der Verfolgung ihrer Ziele und Dogmen weitgehend von ihrem obersten Gebot des gepredigten Mitgefühls abgerückt war und die jüdische Herkunft ihres eigenen Gottes immer wieder in der Geschichte beharrlich verschwiegen und geleugnet hat, trägt mit ihrem jahrhundertelang und bis weit in die Neuzeit von ihren Päpsten praktizierten, gelebten, gepredigten und gelegentlich als theologischen Antijudaismus begrifflich getarnten Antisemitismus zumindest eine Mitverantwortung für manch antisemitische Exzesse und Atrozitäten im gesamten Abendland. So ist es dann auch zulässig, der Kirche vorzuwerfen, in diesem dunkelsten aller Kapitel der Neuzeit – dem Holocaust – nicht genügend getan zu haben, den Völkermord an den Juden zu verhindern. Mit ihrer unversöhnlichen Missionarisierungs- und Hegemonialpolitik hat sie historisch nachweisbar nicht selten die Ursachen für viele bis heute weltweit schwelende Konflikte geschürt und am Leben erhalten. Trotz gegenteiliger Behauptung reihen sich die von den deutschen Bischöfen in Israel angestellten Vergleiche der gegenwärtigen palästinensischen Lebenssituation mit dem Leid der Juden in den Ghettos und Lagern des Naziregimes leider fast nahtlos in die von weiten Teilen dieser Kirche nicht abgelegten Feindbilder und Antichrist-Ideologien ein.

Unzureichende Distanzierung von judenfeindlichen Leitfiguren

Die das Verbrechen an den Juden verharmlosenden Vergleiche der kirchlichen Emissäre können aber auch nicht wirklich verwundern vor dem mit allerlei Konzils- und Kirchentagsgaukeleien bewusst vernebelten Hintergrund, dass sich weite Teile der christlichen Kirche insgesamt – der reformierten und der katholischen – von ihren judenfeindlichen Leitfiguren gar nicht oder nicht eindeutig distanziert haben.

Dies gilt in der evangelischen Kirche für deren Begründer, den Reformer und dezidierten Antisemiten Luther, in der katholischen Kirche für die zahlreichen päpstlichen Antisemiten ihrer Geschichte, wie etwa die Kreuzzugs-, Judenstigmatisierungs- Zwangstauf- und Inquisitionspäpste des 12. Und 13.Jahrhunderts, darunter Papst Urban II., Innozenz III. Und Gregor IX. Hierunter fällt ebenso der Juden-Ghettoisierungspapst des 16. Jahrhunderts Paul IV., wie die judenfeindlichen Päpste des 19.Jahrhunderts. Allen voran der von der ganzen zivilisierten Welt – mit Ausnahme der katholischen Kirche – bereits in seiner eigenen Zeit mit Abscheu geächtete Entführer und Zwangsadoptierer des jüdischen Kindes Edgardo Mortara, der Judenhasser und Ghettowiederaufbauer Pius IX. Schließlich ist an dieser Stelle auch keinesfalls der mit den Nazis und deren Judenpolitik sympathisierende Wegsehpapst Pius XII auszulassen, der noch bis zur endgültigen Erkenntnis über die Aussichtslosigkeit des Hitler-Krieges einvernehmlich und vorsätzlich zu dem ihm durchaus bekannten und bewussten Genozid am jüdischen Volk schwieg, während seine Priester in Kroatien bei der Liquidierung der Juden selbst Hand anlegten.

Seine Bischöfe in Deutschland haben sich zwar gegen die Euthanasie an Nichtjuden, aber keinesfalls gegen den Mord an Juden ausgesprochen und seine diplomatischen Emissäre haben noch nach dem verlorenen Krieg Naziverbrechern falsche Pässe zur Flucht vor den Alliierten verschafft. Dies, obwohl sie nicht bereit waren, vorher auch Gleiches für verfolgte Juden zu tun.

Gefeiert und heilig gesprochen

Diese Kirche hat sich bis heute nicht vollständig von dem antijüdischen Morast ihrer Geschichte gereinigt und sich von den geschichtlichen Antisemiten in ihren Reihen nicht nur nicht wirklich losgesagt, etliche dieser Judenfeinde und -verfolger, wie etwa den gegen weltweiten Protest im Jahre 2000 selig gesprochenen Judenhasser Pius IX . auch noch gefeiert, mit Heiligsprechungen ausgezeichnet und unsterblich gemacht.
In weiten Kreisen dieser Kirche lebt der unselige Geist des Antisemitismus von gestern auch heute noch in mannigfaltiger Gestalt und offiziell geleugneter aber ungebrochener Vitalität weiter – trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils und des bei weitem überschätzten Reuegelöbnisses von Johannes Paul II.

Ihre Freundeskreise, wie etwa das Webportal Kreuz.net oder der Arbeitskreis Konservativer Christen, betreiben Internetseiten, die von großen Teilen der Kirche unwidersprochen bereits die halbherzige Entschuldigung der Bischöfe für deren israelische Entgleisung als ein Kleinbeigeben gegenüber den Juden beklagen, oder sich in vaterländischem Stammtischgejohle und Hohmann-Lobreden ergehen.

Verlust von Glaubwürdigkeit und moralischer Kompetenz

Eine solche Kirche, die das Purgatorium predigt, aber an sich selbst nicht vollzieht, signalisiert Unglaubwürdigkeit und moralische Inkompetenz. Ihr einseitiges Urteil oder gar eine Verurteilung des israelischen Überlebenskampfes wirkt daher verdächtig.

Große Teile dieser Kirche fühlen sich – den Aufrechten in ihren eigenen Reihen zum Trotz – von Geistlichen mit dem Geschichtsbewusstsein eines Hanke oder Mixa, die sie systemimmanent zu ihren bischöflichen Vertretern gemacht und nach dem Eklat nicht etwa abberufen haben, offenbar mehr als würdig vertreten. Bezüglich ihrer immer wieder in hoffnungsloser Eigenüberschätzung selbst eingeforderten Anerkennung als allgemeinverbindliche moralische Instanz ist einer solchen Kirche auch angesichts des neu aufgesetzten regenbogenpressefähigen, jovialen Mäusefang-Populismus und des “Wir sind Papst – Geredes” unter den bestehenden Gegebenheiten nicht zu helfen.

Erich Kästner hat sich tatsächlich nicht geirrt: “…. da hilft kein Zorn, da hilft kein Weinen, da hilft kein Beten, die Nachricht stimmt, aus dieser Kirche ist der liebe Gott längst ausgetreten.”

Kommentare

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  1. ( … ) Dazu schrieb in ‘Readers Edition’ R. Korenzecher einen fundierten Kommentar, dem ich für meinen Teil nur zustimmen kann. Erschreckend, daß eine derartige Einstellung auch heute noch in großen Teilen der Bevölkerung vorherrscht und von Meinungsmachern, wie es Bischöfe nun einmal sind, transportiert wird. ( … )

    mehr dazu.