Alle Jahre kommt er wieder: der Tag der Wahrheit. Dann, wenn das Kind quasi schon in den Brunnen gefallen ist, nämlich in der Mitte des zweiten Schulhalbjahres, bekommt man auf einem zerknitterten Zettel mitgeteilt, welcher Lehrer kein so rechtes Verständnis für unser Kind aufbringt. Als Ausgleich dazu darf man auch eigene Wünsche äußern, nämlich um ein Gespräch mit jenen Lehrern betteln, für die unser Kind kein Verständnis aufbringt.
Für diesen wichtigen Tag muss man sich sorgfältig vorbereiten. Das Kind wird gelöchert, was es alles für Unverschämtheiten und Versäumnisse zu beichten hat, die bisher verschwiegen wurden. Man lässt sich den Charakter und die Erscheinungsform des Lehrkörpers ausführlich beschreiben, wirft sich in ein sportlich-sachliches Outfit, um nicht gleich als zickige Mutter eingeordnet zu werden und gönnt sich ein leichtes Beruhigungsmittel. Derart gewappnet treffe auch ich ein paar Minuten zu früh im Schulgebäude ein, um mich in Ruhe nach den entsprechenden Räumen umsehen zu können. Mit leisem Lächeln beobachte ich aus den Augenwinkeln andere Mütter und Väter, die hektisch und verschwitzt durch die Gänge stürzen oder mit rotem Kopf aus einem der Klassenzimmer taumeln. Nein, das wird mir nicht passieren, ich bin gut vorbereitet, ich habe den Charme sozusagen gepachtet und werde mich nicht beirren lassen! Außerdem ist unser Kind überdurchschnittlich intelligent, auch wenn das nicht immer gleich erkannt wird. Aber dazu bin ich ja hier, um diesen Ignoranten beizubiegen, mit wem sie es zu tun haben!
Ich setze mich also, souverän grüßend, neben eine verschüchterte Mutter und warte gelassen auf meinen Termin. Nach einer Weile entdecke ich, dass meine Schuhe dreckig sind! Das macht keinen guten Eindruck! Eine schlampige Mutter, oh oh! In der Eile war zum Putzen keine Zeit mehr, also wird ein Tempo rausgekramt und das Gröbste hastig abgerubbelt. Am Ende liegen peinliche Papierfetzen rund um den Stuhl und die Hände sehen auch nicht mehr so frisch aus. Mein Blick schweift suchend nach dem nächsten WC, als die Tür aufgeht und mein Name aufgerufen wird. Ruckartig steigt mir das Blut in den Kopf, und ein Schweißausbruch durchfeuchtet die Unterwäsche.
Verstohlen reinige ich die rechte Hand am Hosenboden und setze mein strahlendstes Lächeln auf. Augen auf und durch! Bevor auch nur die Chance für etwaige Unstimmigkeiten aufkommen könnte, frage ich den Lehrer mitfühlend, unter welchen Unarten unseres Kindes er denn zu leiden habe (haha) und gebe ihm zu verstehen, dass ich ihn nicht um den Beruf beneide. Zur Belohnung bekomme ich die Unzulänglichkeiten unseres Sprösslings in geschönter Form serviert, denn eigentlich sei ja alles gar nicht so schlimm, und mit ein bisschen gutem Willen könne das Schuljahr doch einigermaßen passabel zu Ende gebracht werden. Einige Lehrer geben sich vielleicht etwas mäkeliger, aber schließlich kann ich sie doch überzeugen, dass unser Kind sie heiß und innig liebt und wahlweise Mathe/Deutsch/Englisch usw. das absolute Lieblingsfach ist. Nach der Unterredung sind alle Beteiligten etwas erschöpft und lassen den Tag erleichtert ausklingen, indem sie zu Hause erzählen, wie fantastisch sie sich wieder geschlagen haben.
So dramatisch war es ja schließlich nicht, so wichtig eigentlich auch nicht, oder? Sollte man den Elternsprechtag nächstes Jahr mal ausfallen lassen, hm? Den Stress muss man doch nicht immer haben!
Photo Quelle/ Copyright: Arne Müseler, cc creative commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 (via flickr)
Tja, so wird’s wohl gewesen sein. Der Lehrer trägt am Vortag alles zusammen, was er den Eltern seiner von ihnen unerzogenen Kindern alles entgegenschleudern kann, denn er rechnet schließlich mit strikter Gegenwehr. Vermutlich wird jemand wegen der Mahnung den Kadi bemühen wollen, zumindest aber damit drohen. Was will man erwarten, wenn die Eltern mehr Zeit damit zubringen, den Computer, den MP3-Player, die Skateboards, die… für die Kinder zu verdienen, als sie zu erziehen und zu fördern? Eltern? Wenn’s die überhaupt noch gibt! Wie, sagten Sie, ist Ihr Name. Aha! Ja! Also Ihr Sohn – Entschuldigung, das ist mir jetzt so rausgerutscht. Bei welcher Firma arbeitet Ihr Kind? Nebenverdienst? Tja!
Mit produktiver Anspannung sieht er dann dem nachmittäglichen Stelldichein entgegen, fiebert geradezu, denn jetzt hat er ja endlich echte Gegner. Strategie: Bestes Deo, zweimal aufgetragen! Heute mal den Schlips. Dann der erste Aufruf, möglichst streng, damit gleich der richtige Eindruck entsteht und niemand an Widerstand denkt. Sieht man da im Auge der Mutter das Aufflackern von Aufbegehren? Versteckte Drohung? – Natürlich konzediert man die grundsätzliche Studierfähigkeit des Sprösslings. Das Flackern erlöscht. Diktat: Am … und am … hat
das Kind seine Hausaufgaben nicht vorzeigen können! – Das Gegenüber leckt seine Wunden. Jetzt genügt Standard: Das Kind muss sich regelmäßiger am Unterricht beteiligen! Vor allem aber Ordnung halten, abends die Tasche gründlich packen, nicht erst hastig am Morgen!
Erledigt, der Nächste bitte! Oh, verschwitzte Mutter, eigenartige Papierflocken am Schuh, angeschmutzte Finger, aber strahlendes Lächeln. Ob sie weiß, dass genau das falsch ist? Auf den Psycho-Trick fällt doch keiner mehr rein! Tut mir Leid, leider verloren, beehren Sie uns bald wieder… –
OK, lassen wir doch bei diesen Standards die Sprechtage wirklich ausfallen. Zwischenfrage: Gab’s da nicht auch einen schon im November? Na egal! Also Mitte des zweiten Halbjahres, ist ja eine Glosse.
Wie gut, dass das hier jetzt zwei Glossen sind, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, em… fast nichts zu tun haben, … na ja, zuweilen wenigstens die Fiktion der Glossen übertreffen?
Da wir nun aber alle Verlierer sind (auch Lehrer sind Väter/Mütter), stellt sich eher die Frage nach dem Sinn des Schulsystems als dem des Sprechtages! Mit dem derzeitigen Gezerre um die Schulreform wird nichts verändert, wenn doch, in die falsche Richtung! Die, die nichts davon verstehen, reden drüber, die was vertehen könnten, dürfen nicht drüber reden, es sei denn, sie seien Professoren. Denen hört man aber erst zu, wenn sie ihre Mitteilungen als Kleinkunst (mit Eintrittskarten!) verkaufen. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie immer noch im schiefen Elfenbeinturm von…, wie hieß die italienische Stadt noch … ?