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Alphablogger: Sascha Lobo - digitaler Bohemien und Blogvermarkter

Freitag, den 30. März 2007 um 16:50 Uhr von Peter Turi
Sascha Lobo,
Photo: Anarchoshnitzel

Alphablogger (4) – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn. Heute: Sascha Lobo (www.riesenmaschine.de) sagt, warum er eine Professionalisierung und Kommerzialisierung der Blogs für dringend notwendig hält.

Sascha Lobo fällt auf. Zumindest seit er einen feuerroten Irokesen zum Anzug trägt. Das scheinbar Unvereinbare zusammenzubringen, zeichnet Lobo aus: Einerseits betreibt er eine Werbeagentur, andererseits gilt er als glaubwürdiger Blogger. Einerseits erfindet er den Begriff „digitale Bohème“, andererseits schuftet er für den Aufbau des Werbenetzwerkes Adical.de, in dem er zusammen mit Johnny Haeusler (www.spreeblick.com) über 30 Top-Blogs als Werbeträger etablieren möchte. Lobo wurde bekannt als Co-Autor des Buches „Wir nennen es Arbeit“, wo er zusammen mit Holm Friebe die freie, ungebundende Projektarbeit in Internet, Medien und Marketing als ideale Erwerbsform preist.

Turi: Lieber Sascha Lobo, herzliches Beileid für Deine neue Aufgabe. Als Geschäftsführer des neu gegründeten Werbevermarkters für Blogs Adical.de willst Du Anzeigen für deutsche Blogs zu verkaufen. Willst Du’s nicht lieber doch mit Kühlschränken am Nordpol probieren?

Lobo: Ich möchte an dieser Stelle nicht mit Worten antworten, sondern adical an Taten messen lassen und bitte insofern um ein paar Wochen Geduld. Abgesehen davon ist adical (noch) eine GbR, da trifft das Wort Gesellschafter eher als Geschäftsführer. Der Witz mit
“Kühlschränke am Nordpol verkaufen” gehört zu den ältesten, die ich kenne. Besser wird er dadurch nicht.

Turi: Blogleser sind weder konsumfreudig noch einkommensstark, sie sind noch nicht einmal sehr zahlreich. Wie willst Du diese Zielgruppe den Anzeigenkunden schmackhaft machen?

Lobo: Diese Frage zeugt von großer Unkenntnis verschiedener, anerkannter Studien, etwa der ACTA 2006 und der Blogstudie der Universität Leipzig 2007. Da stehen differenzierte Daten drin, die zum Teil das Gegenteil dieser Behauptungen nahelegen, und zwar auf der Basis von quantitativen Analysen, nicht auf der Basis von Bauchgefühlen. Interessieren würde mich in diesem Zusammenhang, ob das Blog turi2 so einkommensschwache und wenige Leser hat, dass Du von Dir auf andere schließt.

Turi: Ich weiß nur, dass diejenigen meiner Freunde, die zum Beispiel bei der SAP hart für ihr Geld arbeiten, eher selten turi2, Spreeblick oder Riesenmaschine lesen. Blogger selbst sagen: Der einzelne Blog ist unbedeutend, die Blogosphäre als Ganzes und ihre Verlinkungen sind wichtig. Wie kannst Du das den Werbekunden begreiflich machen?

Lobo: Das ist eine Betrachtungweise. Meine ist, dass Blogs ein sehr machtvolles und immer größer werdendes publizistisches Instrument sind. Und mit der Bedeutung eines Mediums wachsen auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Natürlich ist die Gesamtheit wichtig, deshalb haben wir auch ein Netzwerk gegründet und nicht etwa nur Spreeblick und Riesenmaschine zusammengeschlossen.

Turi: Ihr seid in die Vermarktung gleich mit einem dicken Klops eingestiegen: Du hast zum „Handelsblatt“ gesagt, die meisten Adical-Blogs hätten über 2.000 Leser am Tag. In Wahrheit sind es nur sechs oder sieben, als nur jeder fünfte. Kennst Du Deine Zahlen nicht?

Lobo: Es ist sehr schade, dass so unglaublich viele Menschen glauben, dass Dinge, die in der Zeitung stehen, immer exakt so passiert sind und gesagt wurden - jetzt mal unabhängig von diesem Fall. Beim Interview mit Thomas Knüwer gab es ein Missverständnis, das durchaus durch ungeschickte Ausdrucksweise auf meiner Seite entstanden sein kann - ich habe das aber so, wie man es aus diesen Zeilen lesen muss, nicht gesagt. 2.000 Kontakte je Blog im Schnitt, das ist die Größenordnung, in der wir tatsächlich spielen, bzw. eigentlich sogar mehr. Kontakte sind hier auch die Maßeinheit der Vermarktung, was bedeutet: wenn man über konkrete Einnahmen spricht, dann muss man von Kontakten sprechen, nach denen bezahlt wird. Man kann mir nicht allen Ernstes vorwerfen, ich würde Zahlen hochschummeln, die zwei Klicks weiter durch jeden überprüfbar falsch sind. Wenig später habe ich dem ORF ein Interview gegeben, wo das steht, wie ich es seit Wochen jedem erzähle, der es nicht hören will.

Turi: Warum ist die Blogosphäre in Deutschland eigentlich so unterentwickelt?

Lobo: Die erste gute Frage. …

Turi: Danke für das positive Feedback…

Lobo: Vielleicht wurden Blogs hier noch nicht in dem Ausmaß als medialer Umbruch und Explosion der Möglichkeiten erkannt, wie das in anderen Ländern der Fall ist. Gleichzeitig ist die Blogosphäre zwar deutlich kleiner als in anderen Ländern, hat dafür aber einen höheren Anteil an guten Inhalten, zumindest, was die großen Blogs angeht. Die Toplisten in anderen Ländern sind oft mit Society- und Konsum-Getaumel durchwirkt. Das finde ich nicht schlimm, ein solches Blog in groß fehlt hier sogar - ich ziehe aber ein gutes Watchblog oder General-Interest-Blogs vor. Dazu kommt, dass es in anderen Ländern bisher leichter möglich ist, mit Blogs Geld zu verdienen. Allein über die Zeit, die man deshalb zusätzlich hineinstecken kann, kann sich eine qualitative Verbesserung ergeben.

Turi: Brauchen Blogs überhaupt Werbung?

Lobo: Nein. Aber diese Möglichkeit sollte es geben.

Turi: Warum?

Lobo: Wenn ein Medium nachgewiesen so starke Einflüsse auf die Meinungsbildung im Netz und damit in der Gesellschaft hat, dann ergibt sich zwingend eine Professionalisierung und
Kommerzialisierung. Wir haben adical auch gegründet, damit dieser Prozess von Bloggern gesteuert wird und nicht von einer im Zweifel nicht ganz so wissenden oder sensiblen Agentur, die mit dem großen Geldsack durch die Blogosphäre geht und Schaden anrichten würde. Abgesehen davon kann bei Blogs die Qualität stark steigen, wenn man die Zeit, die man investiert, bezahlt bekommt.

Turi: Zerstört das nicht die aufklärerische, antiautoritäre Haltung der Blogs?

Lobo: Die meisten negativen Vorurteile gegenüber Blogs wie etwa “Klowände” oder Tagebuchschrott sind falsch - dieses positive Vorurteil ist es auch. Denn nicht die Haltung der Blogs ist aufklärerisch, sondern die Wirkung ihrer bloßen Existenz. Wenn jeder publizieren kann, kostenlos und ohne Zensur, dann ist eine Gesellschaft imprägniert gegen Totalitarismus, meiner Meinung nach. Das Etikett antiautoritär kann ich mit Blogs nicht nachvollziehen -
oder das Wort “Haltung” ist hier falsch angewendet worden.

Turi: Für welche Veränderung stehen Blogs?

Lobo: Ich verweise auf Bertolt Brecht, der mit seiner Radiotheorie bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren die Blogosphäre antizipiert hat. Seine Schlussfolgerung war, dass ein solches Instrument, bei dem jeder gleichzeitig Sender und Empfänger ist, die Gesellschaft verbessert. Anfang der dreißiger Jahre war sein trauriges Resümee, dass die Gesellschaft noch nicht reif sei dafür. Inzwischen scheint sie es zu sein, deshalb kann ich brechtgestützt und leicht pathosgeschwängert sagen: Blogs verbessern die Gesellschaft und damit die Welt.

Turi: Welche Blogs fehlen Dir noch in Deinem Vermarktungs-Netzwerk?

Lobo: Alle Blogs, die eine bestimmte Konstanz, Mindestgröße und Qualität mitbringen. Das heißt: regelmäßiges Schreiben über einen längeren Zeitraum und Bloggen nicht ausschließlich um des Geldes Willen, sondern aus Interesse am selbstgesetzten Sujet. Allerdings haben wir im Moment aus organisatorischen Gründen Aufnahmestopp bei adical - was sich wohl erst im Spätsommer ändern wird - außer für die Blogs, mit denen wir bereits in Verhandlung stehen oder standen.

Turi: Wo steht Adical in in fünf Jahren?

Lobo: In fünf Wochen wissen wir, wie die erste Kampagne läuft. In fünf Monate wissen wir, ob adical von der Werbewirtschaft in dem Maß angenommen wird, wie wir glauben. In fünf Jahren wissen wir, ob Blogs ihr großes Potenzial von medialer Durchschlagskraft ausschöpfen können. adical spielt dann je nach Antwort der ersten Fragen eine große Rolle im Bereich Online-Werbung - oder keine.

Quelle Photo: Anarchoshnitzel

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Aus der Serie ‘Alphablogger – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn’ lesen Sie hier Teil 3: klick

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7 Reaktionen zu “Alphablogger: Sascha Lobo - digitaler Bohemien und Blogvermarkter”

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  1. XiongShui

    am 31. März 2007 um 11:39 Uhr | Link | Kommentar melden

    Versteht sich diese Kolumne eigentlich als Werbetrommel für sowieso allseits bekannte Blogs, die zwischen den verschiedenen Medien herumgereicht werden?

    Wieder so ein überflüssiger Artikel, von dessen Inhalten sich der an der Blogszene Interessierte längst selbst ein Bild gemacht hat.

    Wie wärs mal mit einer Darstellung kreativer Blognewcomer, die durch pfiffige Ideen auffallen, statt stets das sattsam bekannte wiederzukauen?

  2. Fred

    am 31. März 2007 um 13:02 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ein “klassischer” Turi eben. Schlechte Fragen, keine journalistische Sorgfalt. Obwohl, man muss dankbar sein. Diesmal war kein Versuch dabei, seinen selbsterdachten “Motzblog” Unfug zu erwaehnen.

  3. medienlese » Blog Archiv » 6 vor 9

    am 2. April 2007 um 08:54 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Alphablogger: Sascha Lobo - digitaler Bohemien und Blogvermarkter (readers-edition.de, Peter Turi) Sascha Lobo fällt auf. Zumindest seit er einen feuerroten Irokesen zum Anzug trägt. Das scheinbar Unvereinbare zusammenzubringen, zeichnet Lobo aus: Einerseits betreibt er eine Werbeagentur, andererseits gilt er als glaubwürdiger Blogger. Einerseits erfindet er den Begriff „digitale Bohème“, andererseits schuftet er für den Aufbau des Werbenetzwerkes Adical.de, in dem er zusammen mit Johnny Haeusler (www.spreeblick.com) über 30 Top-Blogs als Werbeträger etablieren möchte. Lobo wurde bekannt als Co-Autor des Buches „Wir nennen es Arbeit“, wo er zusammen mit Holm Friebe die freie, ungebundende Projektarbeit in Internet, Medien und Marketing als ideale Erwerbsform preist. […]

  4. Readers Edition » Alphablogger: Johnny Haeusler – Veteran und Netzwerker

    am 26. Juli 2007 um 19:37 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Alphablogger (5) – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn. Heute: Johnny Haeusler vom Spreeblick über die Zukunfsaussichten deutscher Blogs. […]

  5. Themenriff » Blogstöckchen - Wer inspiriert mich?

    am 10. Januar 2008 um 00:22 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] bei dem Wort “Angestellter” kann ich nur an Sascha Lobo denken, danach bin ich blockiert… […]

  6. Capt. Slow

    am 14. Mai 2008 um 15:26 Uhr | Link | Kommentar melden

    Laangweilig!

  7. Readers Edition » Fundstücke aus dem Netz V

    am 25. März 2009 um 06:56 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] “Internetüberlebenskünstler” Sascha Lobo und Journalistin Kathrin Passig haben sich genau dieses Themas angenommen. In ihrem neuen Buch “Dinge geregelt kriegen” propagieren sie schlicht das beherzte Anpeilen der eigenen Regeln, wie es die Frankfurter Allgemeine Zeitung ausdrückt. “Wer will jetzt noch seine Lebensaufgabe darin sehen, zu so etwas wie einer geregelten Existenz zu kommen? Geregelte Existenzen sind unwahrscheinlich geworden, spätestens seit in diesem Krisenherbst auf die Regeln kein Verlass mehr ist”, heißt es dort. Neues Denken fordern die Autoren, “ein Herauskommen aus nicht mehr gedeckten Gewohnheiten”. Denn, so das Credo: “Fristenbewusstsein ist wichtiger als Problemewälzen”. […]

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