Alphablogger (5) – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn. Heute: Johnny Haeusler vom Spreeblick über die Zukunfsaussichten deutscher Blogs.
Johnny Haeusler ist beides: Legende und Frontmann der neuen deutschen Blogbewegung – und Symbol für ihre relative Erfolglosigkeit. Kein anderer Blogger in Deutschland hat mehr Fans, Leser und aktive Kommentatoren als der ehemalige Rockmusiker und Radiomoderator, keiner hat mehr getan für die deutsche Blogosphäre als er. Und doch ist Johnny Haeusler auch ein Symbol für die seltsame Kraft- und Perspektivlosigkeit in Deutsch-Kleinbloggersdorf: Sein 2005 groß angekündigter Versuch, mit neuen Autoren und Themen aus seinem Blog Spreeblick.com einen gut verdienenden Blog-Verlag mit funktionierendem Anzeigengeschäft zu machen, ist gescheitert – die Leser mieden die assoziierten Blogs, Anzeigenkunden belegen nur sehr vereinzelt Johnnys Blog, geschweige denn die ehemals kooperierenden Blogs. Jetzt nimmt Johnny einen neuen Anlauf, sich und seinen Blog-Kollegen ein geregeltes Einkommen zu schaffen: Das Werbe-Netzwerk adical will über 30 Blogs als Paket vermarkten. Im Interview mit „Readers Edition“ sagt Haeusler, warum die Wirtschaft in Blogs Werbung schalten soll und warum er sich ein „Gala“-Blog wünscht.
Turi: Warum ist Deiner Meinung nach die Zeit reif für das Werbe-Netzwerk adical?
Haeusler: Sie war sicher auch vor einem Jahr schon reif, sie wäre es auch nächstes Jahr noch. Erst jetzt aber sind wir selbst so aufgestellt, dass wir die anstehende Arbeit leisten können.
Turi: Welche Werbekunden hast Du konkret im Auge? Die breite Masse der Konsumgüter-Hersteller wird wohl kaum auf Spreeblick werben.
Haeusler: Natürlich gibt es jede Menge Produkte, die sehr gut bei Spreeblick und in anderen Blogs beworben werden können. Musik, Filme, Bücher, Veranstaltungen, Technik, Spiele, Software, Organisationen, Hardware, Services … ist das die “breite Masse”?
Turi: Blogleser sind weder konsumfreudig noch einkommensstark, sie sind noch nicht einmal sehr zahlreich. Wie willst Du diese Zielgruppe den Anzeigenkunden schmackhaft machen?
Haeusler: Ich kenne deine Quelle für solche Aussagen natürlich nicht, aber allein auf Grundlage der Umsätze, die monatlich bei Spreeblick über die wenigen amazon-Links gemacht werden, wage ich sie anzuzweifeln. Blogleser sind keine Aliens. Sie sind Zeitungs-Leser, sie sind amazon-Kunden, sie leben in Wohnungen, haben Familien. Manche von ihnen besitzen sogar ein Handy und gehen ab und an auf Konzerte oder zum Sport. Viele von ihnen leben, habe ich mir sagen lassen.
Turi: Der erste Versuch, Spreeblick als Verlag mit verschiedenen asoziierten Blogs zu vermarkten ist ja gescheitert. Woran lag’s?
Haeusler: Als Verlag arbeitet Spreeblick ziemlich erfolgreich, u.a. verlegen wir die Musik von Toni Mahoni. Was die Vermarktung der Blogs angeht, gab es diverse Faktoren: Wir haben die Arbeit und den personellen Aufwand unter-, die den Lesern zur Verfügung stehende Lesezeit überschätzt. Vielleicht waren wir sogar ein bisschen zu früh dran, ganz sicher aber haben wir es uns zu einfach vorgestellt, neue Blogs zu etablieren. Die Idee war: Fokussierte, themenspezifische Blogs mit sehr guten Autoren zu etablieren und Spreeblick als “Verteiler”, sozusagen mit einer Art “Premium-Blogroll” zu nutzen. Die Autoren waren und sind klasse, aber das Verteilen hat nur funktioniert, wenn wir in einem Artikel direkt auf ein Posting eines anderen Blogs hingewiesen haben. Dass kann und will man natürlich nicht dauernd machen, damit macht man sich lächerlich, egal wie gut die anderen Blogs sind. adical baut daher keine neuen Blogs auf, sondern arbeitet mit bestehenden, oft schon gut etablierten Blogs zusammen.
Turi: Was ist eigentlich von größerem Schaden für die Fortentwicklung der Blogs: nicht geschaltete Anzeigen oder geschaltete Anzeigen?
Haeusler: Die größte Hilfe für die Fortentwicklung von Blogs sind toll geschriebene Artikel, originelle Postings, gut erzählte Geschichten, fundierte Meinungen, schnelle Infos und Links und unterhaltsame eigene Inhalte. Blogs werden sich mit oder ohne adical weiterentwickeln, das tun sie seit Jahren und das tun sie täglich. Sollte adical komplett scheitern, werden wir von denen, die vorher immer alles besser wissen und können, es aber selten tun, ausgelacht. Und bloggen weiter. Scheitert adical nicht, nimmt die jetzt schon kaum zu bewältigende Menge an Mails von Bloggern, die gerne bei adical dabei sein wollen, noch einmal zu. Und in beiden Fällen gibt es für ein paar Blogs wieder viel zu tippen.
Turi: Blogger selbst sagen: Der einzelne Blog ist unbedeutend, die Blogosphäre als Ganzes und ihre Verlinkungen sind wichtig. Wie kannst Du das den Werbekunden begreiflich machen?
Haeusler: Der Block. Das Blog. Die Frage ist, wie man “Bedeutung” definiert. Blog-Autoren geht es um Inhalte und Meinungen, dem Werbekunden geht es um die Frage, wie viele Leute sich mit diesen Inhalten beschäftigen. Wenn adical ein paar der Blogs bündeln kann, die relativ hohe Zugriffe und Verlinkungen haben, dann ist das für einen Werbekunden bedeutend genug.
Turi: Warum ist die Blogosphäre in Deutschland eigentlich so unterentwickelt?
Haeusler: Schaut man sich Zahlen an, interessieren sich in Ländern wie den USA, Frankreich oder England für Blogs als Medium prozentual gesehen mehr Leute als in Deutschland. Das mag mit der Geschichte des gesellschaftlichen Stellenwerts der freien Meinungsäußerung der einzelnen Länder zu tun haben, aber ich bin weder Soziologe noch Historiker, kann da also nur vermuten. Vielleicht ist das Fernsehprogramm in Frankreich auch noch beschissener als in
Deutschland, ich weiß es nicht. Dennoch sehe ich Blogs in Deutschland nicht als unterentwickelt an, ich denke, wir sind einfach ein bisschen langsamer, was nicht immer schlimm sein muss. Da kommt noch was, ganz sicher.
Turi: Brauchen Blogs überhaupt Werbung?
Haeusler: Grundsätzlich: Nein.
Turi: Warum nicht?
Haeusler: Weil viele Blogs aus purer Leidenschaft betrieben werden, nicht aus ökonomischer Motivation heraus. Das sorgt für die wichtige und gesunde Vielfalt, denn ansonsten gäbe es keine Blogs, die sich mit Randthemen beschäftigen und denen Leserzahlen völlig schnuppe sind. Die sind es aber eben auch, die eine spannende Sphäre ausmachen.
Turi: Zerstört das nicht die aufklärerische, antiautoritäre Haltung der Blogs?
Haeusler: Ich schere Blogs schon lange nicht mehr so über einen Kamm, wie du es in jeder zweiten Frage tust. Haben DSDS-Blogs, technische Blogs, Blogs über Videopiele, Inneinrichtungen oder das Leben als alleinerziehender Vater immer und automatisch eine aufklärerische, antiautoritäre Haltung? Ich glaube nicht. Und es sind dennoch Blogs. Blogs sind ein publizistisches Werkzeug, aber keine Selbsthilfegruppe, keine Partei und auch kein Verein. Man sollte langsam aufhören, Blogs auch immer sofort inhaltlich zu klassifizieren. Für mich persönlich mag z.B. wirres.net ein klassisches Blog sein, wie ich es liebe. Aber andere Blog-Leser haben eine andere Sicht der Dinge.
Turi: Welche Blogs fehlen Euch noch in Eurem Vermarktungs-Netzwerk?
Haeusler: Ein großartig geschriebenes, witziges Gossip-Blog mit exklusiven Fotos, die “Gala” der Blogs sozusagen. Gibt’s aber nicht.
Turi: Wo stehen adical und Spreeblick in fünf Jahren?
Haeusler: Im Internet.
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Aus der Serie ‘Alphablogger – Peter Turi fühlt den Protagonisten der deutschen Blogosphäre auf den Zahn’ lesen Sie hier Teil 4: klick
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