Muss Ostern mangels Fachpersonal ausfallen? Oder erklärt sich gar Rudolph das Rentier bereit den Nordpol zu verlassen, um ganz spontan einzuspringen? Zur Beruhigung vorweg – der Osterhase erfreut Groß und Klein mit Sicherheit auch in diesen Tagen. Doch seinem natürlichen Vorbild, dem “ordinären” Feldhasen Lepus europaeus, stehen weit weniger gute Prognosen zu Gesicht. Das scheue Langohr scheint sich rar zu machen.
Für viele Naturschutzverbände ist deshalb eine Neuregelung des Jagdgesetzes unumgänglich. “Feldhasen sind im Bestand stark gefährdet und gebietsweise vom Aussterben bedroht”, warnt Dr. Helmut Röscheisen, Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR), in Bonn.
Allenfalls lokale Bestandsrückgänge
Hingegen meldet der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) pünktlich zu Ostern, dass es wieder mehr Mümmelmänner gebe und die Population in den letzten fünf Jahren kontinuierlich gestiegen sei. So zählten die deutschen Jäger im vergangenen Herbst bis zu 16 Hasen pro Quadratkilometer. Das seien vier bis fünf Tiere mehr als noch 2002. Die meisten Feldhasen gebe es demnach in Nordrhein-Westfalen (32 Tiere pro Quadratkilometer), gefolgt vom Saarland (26). Im Nordwesten des Landes leben 23 Artgenossen. Dagegen gibt es, mit nur drei bis vier Hasen pro Quadratkilometer, in den ostdeutschen Bundesländern die wenigsten Exemplare. Hintergrund des positiven Trends seien unter anderem “eine schonende nachhaltige Bejagung und intensive Hegemaßnahmen”, so DJV-Präsident Jochen Borchert. Der lange und kalte Winter 2005/2006 habe allenfalls zu lokalen Bestandsrückgängen geführt. Zudem sei das Klima in den letzten Jahren eher günstig für das Steppentier ausgefallen. Der Wehrmutstropfen: Die Verbandszahlen sind zwar hoffnungsfroh, aber umstritten, da Naturschützer die Jäger der Übertreibung verdächtigen.
Zu gern sähen die Waidmänner das für Treibjagden begehrte Niederwild wieder von der Roten Liste verschwinden. Der negative Langzeittrend für Feldhasen bleibt in ihren Augen also weiterhin dramatisch. So kontert der DNR, dass gerade die Jagd auf die putzigen Wald- und Wiesenbewohner einen Grund für den Bestandsrückgang liefert. Zwar üben sich Jäger vielerorts bereits in Nachsicht, doch durch die jagdrechtlichen Regelungen, die einen Abschuss immer noch zulassen, ist Meister Lampe weiter in Gefahr. Das hat sich mittlerweile auch in politischen Kreisen herumgesprochen. Denn seit dem elften März ist – zumindest im Land Berlin – eine neue Jagdzeitenverordnung in Kraft. Als erstes Bundesland beendet es damit nicht nur die Vogeljagd komplett, sondern gewährt auch allen Marderartigen, wie Mauswiesel oder Dachs, sowie dem Feldhasen ganzjährige Jagdverschonung.
Dieser Vorstoß wird von vielen als beispielhaft betrachtet. So betont der DNR in seiner aktuellen Pressemitteilung: “Die Aufhebung der Jagdzeit auf den Feldhasen trägt in hohem Maße den Belangen des Artenschutzes Rechnung, statt wie gewohnt allein jagdlichen Wünschen Vorschub zu leisten und Tatsachen zu ignorieren.”
Ständiger Bestandsrückgang seit 1910
Zuvor standen nicht nur die Löffel des beliebten Tieres auf Sturm, sondern auch die Alarmglocken vieler Naturfreunde begannen zu klingeln. Sein schwindender Bestand gab einigen Anlass zur Sorge. Denn mit seinem mittlerweile geringen Vorkommen zeigte der Hase den Funktionszustand der Landschaft, als auch die ökologische Situation seiner Lebensgemeinschaft an. “Starke Bestandsschwankungen sind charakteristisch für Tierarten wie den Feldhasen”, räumt Röscheisen ein. Doch ist seit dem absoluten Bestandshöhepunkt in den Jahren um 1910 in Mitteleuropa mit vielen Millionen Feldhasen ein ständiger Rückgang der Bestände dieses und anderer Feldbewohner zu verzeichnen. Geradzu als dramatisch ist aber die stark rückläufige Entwicklung dieser so genannten Offenlandarten in den vergangenen drei Jahrzehnten zu sehen. Auf nur noch ein knappes Viertel vormaliger Bestände beziffert sich der Rückgang der Feldhasen.
Die Ursachen sind weitläufig bekannt. Zu ihnen gehören etwa die ständig fortschreitende Mechanisierung in der Landwirtschaft, die Überdüngung der Felder und Wiesen, Pestizideinsatz, Verkehrswegebau und die Zersiedelung der Landschaften. Auch moderne Umwelteinflüsse haben nachweisliche Auswirkungen auf die Population. So sind, nach Angaben des DNR, in manchen Gebieten bis zu einem Drittel der Tiere unfruchtbar. Die neue Verordnung für Berlin bestätigt nun die Bemühungen des DNR und bestärkt ihn in seiner schon lange erhobenen Forderung nach Änderungen im bundesdeutschen Jagdrecht.
Dabei geht es Röscheisen zufolge nicht nur um Änderungen der Jagdzeiten und die dringende Herbeiführung einer ganzjährigen Schonzeit für Vogelarten und Beutegreifern. Vielmehr stehe das seit der Föderalismusreform als Rahmengesetz hinfällig gewordene Bundesjagdgesetz längst auf dem Prüfstand. Der DNR und ihm zugehörige Natur- und Tierschutzverbände würden deshalb die Bundesregierung zur baldigen Neuregelung des Jagdgesetzes drängen, um den ökologischen, wie auch gesellschaftlichen Anforderungen im Umgang mit der freilebenden Tierwelt gerecht zu werden. In diesem Sinne: Rettet den Osterhasen!
(no)
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