Wie viel Nagel verträgt ein Sonntag? – eine Glosse über die Schrebergartensatzung

Endlich ist Sonntag. An diesem Tag ist soviel Zeit für all die schönen Dinge, wie verstopfte Abflüsse zu reparieren oder das Rollo endlich anbringen, welches schon lange rum liegt. Wie glücklich können sich die schätzen, die ein Stückchen Grashalm besetztes Land besitzen. Mitten in einer idyllischen Gartenkolonie. Zum Rollo anbringen

kleingartenEndlich ist Sonntag. An diesem Tag ist soviel Zeit für all die schönen Dinge, wie verstopfte Abflüsse zu reparieren oder das Rollo endlich anbringen, welches schon lange rum liegt. Wie glücklich können sich die schätzen, die ein Stückchen Grashalm besetztes Land besitzen. Mitten in einer idyllischen Gartenkolonie.

Zum Rollo anbringen fehlt die Lust, weil der gelbe Ball am Himmel die vier Wände auf 60 Grad aufheizt, die Kinder nach Eis jammern? Dann wird die Kühltasche gepackt und ab geht’s zum Freibad auf die Liegewiese. Doch so richtig Sonntag ist das nicht. Die Augen schmerzen von den „Oben Ohne Tarnanzügen“ der übergewichtigen Damen und die Ohren erfahren eine „Rückkopplung“ des Lärmpegels. Das Wasser ist satte 26 Grad warm und ein Eis ohne Wespenfleisch ist schwer zu bekommen.

Beneidenswert sind die, die einen Schrebergarten ihr Eigen nennen können. Zwischen den mediterran gefärbten Sträuchern und Grashalmen findet sich hie und da auch noch ein wenig Grün. Auf den Gänseblümchen und Kleeblüten vergnügen sich die Hummeln und Bienen. Im Teich hecheln drei grüne Quäker nach Luft und der drei Meter große Pool lässt jedem “Lifestylegärtner” das Herz höher schlagen. Nach zehn Minuten Abkühlung im schattigen Nass drängt sich der frische, volle Tatendrang auf. Wäre da nicht diese Satzung. Kein Rasenmähen am Sonntag, kein Umbau, keine laute Musik und viele andere Verbote…

Es ist Sonntag und noch viel zu tun.

Und just, als der Schuppen aufgesperrt wird, sind die bösen Blicke, der sonst ganz netten Nachbarn, im Nacken zu spüren. Vorsichtig und auf leisem Barfuss wird der Gartenschlauch herausgezerrt, um das mediterrane Braun in ein sattes Grün verwandeln zu wollen. Doch es ist Mittagsruhe und hartnäckig besteht das eingefleischte ältere Gartenpärchen von nebenan auf seine Ruhezeit. Eine weitere Möglichkeit wäre, endlich einmal etwas gegen die Ameisen auf der Terrasse tun – das verursacht nun wirklich keinen Lärm. Gesagt und schon getan. Was nun? Es ist doch Sonntag und noch soviel zu tun. Die neidischen Blicke der Laubenpieper Drumherum stören schon seit langem. Dagegen muss etwas unternommen werden. Schließlich wurden die Schilfrollen am Samstag gekauft, um einen Sichtschutz zu errichten. Dann könnte sich jeder in diesem Garten, endlich einmal nackt auf die Sonnenliege schmeißen ohne dass Glotzbart und Neidblick lüstern am Zaun stehen.

Das Blut erstarrt zu Eis.

Frisch ans Werk. Der Hammer wird herausgeholt, der Abstand mit dem Zollstock vermessen, die richtigen Nägel bereitgelegt und ein Tritt zurechtgestellt. Die Mittagsruhe ist mittlerweile vorbei und der Sonntag auch bald. Mit schnellen, kurzen Schlägen wird ein Nagel nach dem anderen in die Holzkonstruktion eingeflammt. So laut ist das gar nicht, weil die Kinder auf zwei angrenzenden Grundstücken die erlaubten Dezibel weit überschreiten. Gerade als das Werk fertig und stolz beäugt ist, die Liege zurechtgerückt auf dem grünen Klee, da stampft das ältere Laubenpieperpaar auf den Zaun zu. Obwohl es mittlerweile 37 Grad heiß ist, erstarrt das Blut in den Adern zu Eis.

„Hallo Frau Nachbarin, Sie dürfen am Sonntag keinen Nagel einschlagen, weil das zu viel Lärm verursacht. Das können Sie doch am Montag zwischen 6 Uhr Morgens und 19 Uhr Abends tun.“ Die Frau weiß nicht, dass man noch kein Rentnerdasein pflegt und in dieser wunderbaren Zeit zwischen 6 Uhr Morgens und 19 Uhr Abends versucht etwas zum Bruttosozialprodukt beizutragen.
Dann redet sich diese Gartensatzungsverfechterin richtig in Fahrt: „ Wir haben vor 20 Jahren, an einem Sonntag einen Kaffee-Geburtstag gefeiert. Es waren nur acht Leute aus der Familie bei uns. Am nächsten Tag hatten wir über unserem ganzen Haus, die schwarze Aufschrift RUHE. Wir mussten die Laube neu streichen. Seitdem haben wir nicht mehr gefeiert.“ Dann holt sie richtig aus, weil es wohl noch nicht beeindruckend genug war. „ Anderen ist sogar schon einmal, wegen zwei Nägeln, die ganze Hütte abgebrannt worden.“ Auch das Entgegnen, dass doch die vielen Kinder Drumherum, beim Tollen auf der Wiese oder das Bellen der vielen Hunde am Zaun viel lauter sei, lässt sie nicht davon abbringen einem den Sonntag zu verderben.

Der Sonntag ist gelaufen.

Zwei Grünflächen weiter baut jemand gerade sein ganzes Gartenhaus neu und macht schon seit Stunden Lärm. Sogar über die Mittagsruhe. Ja sogar die Hauswasserpumpe dieser tadelnden Rentnerin ist lauter als die acht Nägel für den Sichtschutz. Vielleicht wurde der militanten Spießergärtnerin zuviel Sicht auf die, nicht ganz Satzungsgerechten, Anpflanzungen genommen?

Der Sonntag jedenfalls ist so gut wie vorbei – nach zwei Stunden Predigt über das Nagelverhalten von Laubenpiepern seit 1978. Die Nägel sind nun wieder im Schuppen, die Sonne fast weg und der Rasen ist immer noch braun. Zu guter Letzt, beim Abschreiten des heiligen Fleckchens, tritt man noch in eine Hummel – und einen Nagel. Der muss wohl beim einräumen aus dem Schächtelchen gefallen sein und hat sich gleich neben dem Hummelstachel platziert. Schwer verletzt und nicht erholt wird die Heimreise angetreten. Eins ist sicher: Nie wieder nageln am Sonntag.

Geschehen in der Kleingartenkolonie Jägerlust in Hannover…

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