So traurig es in den Ohren der Fans klingen mag, der jetzt noch kleine Eisbär Knut ist ein potentieller Kannibale. Einmal ausgewachsen und hungrig geworden, ist er in freier Wildbahn durchaus in der Lage, einen schwächeren Artgenossen zu töten und zu verzehren. “Geological Survey 2006” berichtet, dass man in den Erdgasgebieten Kanadas immer wieder Reste von Weibchen gefunden hat, die von den größeren Männchen gefressen worden waren.
Der natürliche Lebensraum wird eng
Durch die Anlagen zur Ausbeutung von Erdöl und Gas samt Infrastruktur und Verkehrswegen wird der Lebensraum des “ursus maritimus” immer mehr eingeschränkt. Auch die Erderwärmung und der Rückgang des Polareises machen diesen Tieren schwer zu schaffen. Eskimos haben beobachtet, wie Bären auf dem dünnen Eis einbrechen und ertrinken, obwohl sie gute Schwimmer sind.
Die Ureinwohner schreiben dem Bären magische Kräfte zu. Sie nennen ihn “Nanuq”. Er tritt als Helfer ihrer Schamanen auf. Nanuq wird auch oft als Schutzgeist angerufen.
Eisbären sind geschickte Jäger
Nahrungsmangel hat die Tiere dazu gezwungen, die Stadt Churchill in Nordost-Kanada regelrecht zu belagern. Dort musste ein Eisbären-Warndienst eingerichtet werden. Aufdringliche Tiere werden eingefangen und kommen für einige Zeit in eine Art Gefängnis, bis an den Küsten wieder Robben auftauchen. Dann werden die Bären mit dem Hubschrauber ausgeflogen und freigelassen. Bei der Robbenjagd nutzen sie ungemein geschickt ihr weisses Fell, um sich über das Eis an die Beute heranzuschleichen. Da sie ihre schwarze Nase verraten könnte, bedecken sie ihr Riechorgan mit einer Pranke. Oft lauern sie an den Eislöchern, in denen Robben auftauchen, um Atem zu holen. Dann genügen ein Schlag oder ein Biss.
Auch ein Zusammentreffen mit Menschen kann gefährlich werden. Hungrige Jungbären können, wenn sie gereizt oder verwirrt werden, Menschen anfallen, töten und dann fressen.
Eisbären sind Einzelgänger, deren Jagdgebiet einen Radius von rund 150 Kilometer hat. Nach der kurzen Paarungszeit zieht sich das Weibchen in eine Art Geburtshöhle zurück, wo es mit dem Nachwuchs den ganzen Winter über bleibt. Mit dem Frühjahr beginnt die Bärin ihren Jungen zu lehren, wie man Robben jagt. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass die Bärin ihre Jungen tötet und auffrisst.
Knuts “Konkurrenz bleibt unbeachtet
Da hat der kleine Knut im Berliner Zoo noch einmal Glück gehabt, dass ihn seine Mutter Tosca nur verstossen und nicht gleich verspeist hat. Nun badet der kleine Bär in einem Meer von hyperventilierender Publizität. Er ist von der schwarzen Nase bis zum Stummelschwanz durchkommerzialisiert. Generell wird alles Jungvolk, ob bei Mensch oder Tier, mit einem Sympathievorschuss ausgestattet. Hilflosigkeit und Tolpatschigkeit wecken den Schutzinstinkt.
Im Berliner Zoo bleiben dagegen die Schwarzwaldrinder Werner und Wanda samt ihrer Jungtiere unbeachtet. Gleich neben Knuts Gehege ist Nachwuchs bei den Malaibären eingetroffen, den aber auch niemand sehen will. Deren Fell ist braun. Doch – Weiss sticht Braun. Knut hat außerdem rundliche Konturen, eine Supsnase, kleine Ohren und Knopfaugen. Er spielt so lieb mit seinem Pfleger und tappt unbeholfen im Gehege herum.
Das genügt, um die Medien in einen Taumel zu versetzen. Da es sonst kaum Positives aus Deutschland zu vermelden gibt, muss man sich nun schon im Tierreich umsehen.
Knut löst nicht nur Medienrummel aus
Atemlos vermelden seriöse Blätter, dass Knut wegen steigender Temperaturen bald im Freien übernachten wird. Die Volksbank Berlin hat eine “Knut EC-Karte” ausgegeben. E-Bay hat bis zum 12. April genau 422 Angebote mit Knut im Programm. “Sparen Sie 75 Prozent bei Knut-Produkten” wird angeraten. Schultaschen, Gürtel, Lampen und sogar Rausfallschutz bei Hochbetten werden “knutisiert”. Die Firma Steiff hat kleine “Knuddel-Knuts” auf den Markt geworfen. Umweltsminister Sigmar Gabriel hat die Patenschaft über den kleinen Bären übernommen. Da können auch Gesangskünstler nicht lange warten. Frank Zander singt: “Hier kommt Knut!”. Und die neunjährige Kitty aus Köpenick piept in ihrem Song: “Knut, Du bist ein Kuschelbär./ Du wirkst immer putziger./ Laufen kannst Du auch schon gut./ Weiter so, nur Mut!”
Natürlich hat Knut eine eigene Website. Auf “www.YouKnut.com” dürfen die Fans, die nichts anderes zu tun haben, Meinungen und Kommentare über den Eisbären austauschen. Auch die ARD hat reagiert. Ab sofort läuft im Kinder-programm eine Serie “Knut der Eisbär“. In vorerst zehn Folgen. Wo Prominenz ist, kommt immer mehr Prominenz hinzu. Knut thront nun auch auf der letzten Ausgabe des Glamourmagazins “Vanity Fair“. Der Berliner Zoo hat zwanzig Knut-Marken beim Patentamt angemeldet. Klingeltöne der Handys künden, dass es Knut ist, der anruft. Die Firma Lindt spendete glatt 15.000 Goldhasen, wiewohl Schokolade nicht zur Nahrung von Eisbären gehört. Die Firma Haribo war schon vorher bekannt für ihre Gummibärchen. Nun nutzte sie den Heimvorteil und warf eine Sonderedition von “Knuddel Knutsch” auf der Markt: 10 Euro für ganze 150 Gummibärchen. Auch eine DVD ist zu haben : “Knut: Aus der Kinderstube eines Eisbären“.
Die “Knutisierung” kommt
Dass der Berliner Zoo bei rund 100.000 Knut-Besichtigern allein über Ostern stark gestiegene Einnahmen hat, dürfte andere Tiergärten zur Nachahmung verleitet haben. Der Hagenbeck Zoo in Hamburg meldet die Geburt eines kleinen Elefanten, der sofort als “Knutifant” annonciert wurde. In absehbarer Zeit soll auch eine “Knutiraffe” das Licht der Welt erblicken. Indes kommt der Name knut aus dem Althochdeutschen und bedeutet als “chnuz” soviel wie “waghalsig” oder “verwegen”.
Während die Knutisierung der Welt fortschreitet, wird der kleine Eisbär im Berliner Zoo jeden Tag 200 Gramm schwerer. Im November dürfte er ein Gewicht von rund 100 Kilogramm erreicht haben. Und dann genügt ein gar nicht ernst gemeinter Tatzenschlag, um seinen Pfleger eine schwere Verletzung zuzfügen. Knut ist eben nicht gut. Er ist weder gut noch böse. Er ist ein Tier!
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