Wenn’s mal wieder länger dauert - Das deutsche Trauma von der Studiendauer
Artikel von Wolfgang Sobtzick vom 13.04.2007, 17:15 Uhr im Ressort Politik, Vermischtes, Kultur | 9 Comments
Deutschlands Studenten zählen zu den ältesten Europas, wenn nicht gar der Welt. Kaum kommen sie nach vielen Jahren von der Uni, sehnen sie sich schon nach der Rente - so lautet jedenfalls ein gängiges Vorurteil, welches von der medialen Öffentlichkeit, wie auch beifallshungrigen Politikern regelmäßig bedient wird.
Nicht umsonst ist gerade die Ausmerzung der oft mit dem „Bummelstudenten“ gleichgesetzten Spezies des Langzeitstudierenden ein, in deutschen Augen, positiver Effekt des laufenden [1] Bolognaprozesses. Denn letztendlich befinden sich deutsche Universitäten mit ihren Studenten im Kontext der globalen Wissensgesellschaft in einem Konkurrenzkampf um die Qualität der Ausbildung – einem zunehmend wichtigen Standortfaktor moderner Ökonomien.
Doch scheinen die hiesigen Absolventen im internationalen Vergleich hinterherzuhinken. Während ein britischer oder amerikanischer Student statistisch nur drei bis vier Jahre zum Erstabschluss braucht, benötigt ein deutscher Kommilitone hierzu 6,8 Jahre und ist am Ende zwischen 28 und 29 Jahre alt. Doch woher kommen diese Unterschiede? Sind deutsche Studenten wirklich fauler als ihre internationalen Kollegen ?
Der Langzeitstudent – ein deutsches Unikum?
Er scheint ein ziemlich deutsches Phänomen, vergleichbar etwa dem ‚Waldssterben’ zu sein, unser Langzeitstudent. Doch vielleicht auch Resultat einer anscheinend hierzulande verbreiteten Mentalität des chronischen Statistiken-Vergleichens mit dem unvermeidlich folgenden genüsslichen Jammern. In den Wörterbüchern anderer Sprachen sucht man eine adäquate Bezeichnung vergebens, die englischen ‚long term students’ oder ‚professional students’ kommen nicht unbedingt der verbreiteten Vorstellung eines sich “morgens um 13 Uhr” aus dem Bett quälenden fünfunddreißigjährigen Langhaarigen gleich. Dagegen ist der deutsche Langzeitstudent in erster Linie ein gesetzliches Konstrukt, das sich an einer Überschreitung der seit den siebziger Jahren unveränderten, zumeist neunsemestrigen [2] Regelstudiendauer um vier oder fünf Semester orientiert.
Hier zählt allerdings nur die Fachstudiendauer, nicht der Gesamtaufenthalt an einer Hochschule, der sich ja auch in die Länge ziehen kann. Jedoch findet sich eine derartige Regelung in der internationalen Hochschullandschaft nicht, entsprechend sind regelmäßige Statistiken über die reale Studiendauer wie auch Überschreitungen der Regelstudienzeit im Ausland eher rar gesät - und damit gibt es dort zumindest statistisch keine Langzeitstudenten. Die meisten Vergleichsstudien zur alljährlich errechneten Fach- und Gesamtstudiendauer deutscher Absolventen können demnach meist nur auf die offiziell genannte Regelstudiendauer nationaler Abschlüsse zurückgreifen – ein klassischer Vergleich von Äpfel und Birnen.
Unterschiedliche Strukturen
Hinzu kommen noch die bislang großen internationalen Unterschiede in der Studienstruktur wie auch dem Alter der Studienanfänger. So hat zwar ein [3] Bachelor in den USA zumindest offiziell nach etwa vier Jahren seinen Abschluss in der Tasche, doch müsste hier der [4] Master hinzu gerechnet werden, um auch qualitativ mit dem deutschen [5] Diplom oder [6] Magister vergleichbar zu sein. Heraus käme eine in etwa gleich lange universitäre Verweildauer von etwa sechs Jahren – zumindest offiziell.
Auf der anderen Seite des Atlantiks oder des Rheins liegt das Abschlussalter jedoch um Jahre niedriger, allerdings ist auch hier nicht Faulheit der Grund, sondern zu berücksichtigen, dass in Deutschland die Hochschulreife in der Regel ein Jahr später als im Ausland erworben wird und männliche Studierende in der Regel zwischen dem Erwerb der Hochschulreife und der Aufnahme des Studiums ein weiteres Jahr für den Wehr-/Zivildienst aufwenden. Auch eine oft dem Studium vorgezogene Berufsausbildung treibt das Alter der Studenten in die Höhe.
Im internationalen Ranking im Spitzenfeld
Und als wäre das schon nicht genug, unterscheiden sich im internationalen Bereich die Studienangebote drastisch. So trifft man dann wirklich etwa in Finnland oder Spanien auf den Terminus “Langzeitstudium”, doch hiermit werden die Fächer bezeichnet, die eben länger angesetzt sind, als die eines Kurzzeitstudiums.
An dessen Stelle tritt in Deutschland zumeist die berufliche Ausbildung. Dies hat natürlich wiederum Auswirkungen auf die “böse Studiendauer” – denn, die im Ausland seltenen Statistiken zur Gesamtstudiendauer berücksichtigen natürlich alle Studienarten. So nimmt es nicht Wunder, dass die deutsche Gesamtstudiendauer im internationalen Ranking im Spitzenfeld zu finden ist.
Allerdings sei hier nochmals auf die strukturellen Unterschiede der Studiensysteme, gerade im Fall der zweistufigen Studiengänge verwiesen. Die Studie [7] Eurostudent Report 2005 untermauert dies eindrucksvoll. Hier befindet sich Deutschland in Sachen Dauer und Abschlussalter zwar im internationalem Spitzenfeld, doch in trauter Gesellschaft etwa mit Finnland, Österreich und anderen. Von einer wahren Spitzenposition kann keine Rede sein.
Aber zurück zu unseren Langzeitstudenten. Es mag in der, am Humboldtschen Bildungssystem orientierten mitteleuropäischen Hochschullandschaft durchaus mehr Studenten jenseits des 14. oder 15. Semesters geben als im verschulten angelsächsischen System, fehlende Statistiken machen einen Vergleich jedoch unmöglich. Doch von Öffentlichkeit gehetzt und sozial diskreditiert wird der vermeintlich typisch deutsche Langzeitstudent wohl bald auf der Roten Liste erscheinen, zudem ist der Bologna-Prozess zum finalen Schuss angetreten. Ob dieser jedoch wirklich einen beschleunigenden Einfluss auf die Studiendauer hat, ist nach einer Studie des [8] HIS zur Studiendauer in zweistufigen Studiengängen umstritten.
Allerdings - dass wie etwa bei der Formel I oder anderen Wettkämpfen der Schnellste auch gleich der Beste ist, muss in Sachen Studium und Bildung nicht unbedingt Gültigkeit haben.
So sind Persönlichkeitsbildung und fundierter Wissenserwerb nicht von Jedermann in Rekordzeit zu bewerkstelligen. Gut Ding will manchmal eben doch Weile haben, nicht umsonst hat auch so mancher deutsche Spitzenmanager, wie etwa Allianzchef Michael Diekmann ein etwas längeres Studium genossen.
Der deutsche Langzeitstudent – vielleicht werden wir ihn eines Tages schmerzlich vermissen.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2007/04/13/wenns-mal-wieder-laenger-dauert-das-deutsche-trauma-von-der-studiendauer/
Links im Artikel:
[1] Bolognaprozesses: http://www.bmbf.de/de/3336.php
[2] Regelstudiendauer: http://de.wikipedia.org/wiki/Regelstudienzeit
[3] Bachelor: http://de.wikipedia.org/wiki/Bachelor
[4] Master: http://de.wikipedia.org/wiki/Master
[5] Diplom: http://de.wikipedia.org/wiki/Diplom
[6] Magister: http://de.wikipedia.org/wiki/Magister
[7] Eurostudent Report 2005 : http://www.bmbf.de/pub/eurostudent_report_2005.pdf
[8] HIS: http://www.his.de/pdf/pub_kia/kia200502.pdf