Die russische Opposition in den westlichen Medien

Berichte über die Zusammen- stöße zwischen Miliz und Demonstranten am Wochenende in Moskau und St. Petersburg avancierten zu Top-News in den meisten westlichen Medien. Von FAZ bis taz konnte man über die Ereignisse lesen. Für den Russlandinteressierten prinzipiell nicht das Schlechteste, könnte man denken. Doch die Lektüre der verschiedenen Berichte

nationalbolschewisten.jpgBerichte über die Zusammen- stöße zwischen Miliz und Demonstranten am Wochenende in Moskau und St. Petersburg avancierten zu Top-News in den meisten westlichen Medien. Von FAZ bis taz konnte man über die Ereignisse lesen. Für den Russlandinteressierten prinzipiell nicht das Schlechteste, könnte man denken. Doch die Lektüre der verschiedenen Berichte und Schlussfolgerungen hinterlassen auch Zweifel.

Reflexhafte Parteinahme angesichts schlecht recherchierter Zusammenhänge

Wenn man die Erkenntnisse der westlichen Medien subsumiert, ergibt sich ein doch recht einheitliches Bild von den Zusammenhängen. Auf der einen Seite steht das autokratische „System Putin“, auf der anderen Seite die idealistischen Kämpfer für Demokratie der „Unzufriedenenmärsche“. Der Kampf Letzterer gegen die Obrigkeit wird, durchaus berechtigt, deutlich als von Repressionen und Schikanen begleitet gekennzeichnet. Das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte wird ausführlich und mit offener Entrüstung geschildert. Die Rollen scheinen klar und die Sympathien eindeutig verteilt. Dennoch machte mich die uneingeschränkte Parteinahme für die Demonstranten ein wenig stutzig. Nicht allein aus der Erfahrung, dass vergleichbare Vorfälle in anderen, nicht post-sozialistischen Ländern selten ein so einmütiges Bekenntnis der westlichen Medien erfahren. Mich irritierte besonders die reflexhaft anmutende Unterstützung der Oppositionsbewegung angesichts der Zusammensetzung derselben.

Dies ist natürlich auch dem Umstand zu verdanken, dass eine gewissenhafte Analyse der Dachorganisation „Anderes Russland“, welche die stattgefundenen „Unzufriedenenmärsche“ initiiert, in den meisten Berichten über die Konflikte zwischen Staatsmacht und Opposition selten zu finden ist. (Oben gelinktes Wiki hierüber ist erst seit kurzem im Entstehen!) Oftmals greift man sich die, in westlichen Ohren angenehm klingenden Namen wie Kasparow oder Kassjanow heraus und erwähnt, dass es sich bei dem Bündnis um eine breit angelegte Allianz der „verschiedensten“ politischen Kräfte handele. Aber kann man tatsächlich guten Gewissens von einer „Unterstützung der Demokratie“ sprechen, wenn man bedenkt, dass sich in besagtem Bündnis auch Nationalbolschewisten engagieren? Partiell gewaltbereite Anhänger einer Gruppierung, die als Sammelbecken für so ziemlich jede radikale politische Idee fungiert und für die die Ablehnung der Demokratie zentrales Moment ist? Die Nationalbolschewisten waren in diesem Zusammenhang keineswegs nur eine Randnotiz, wie viele westlich Medien glauben machen wollten. Sie trugen erheblich zur zahlenmäßigen Stärke der „Nichteinverstandenen“ in Moskau und Sankt Petersburg bei und prägten oftmals Erscheinungsbild und Wirkung der Demonstrationen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Die Reaktion des Staates in Moskau und St. Petersburg auf die „Märsche der Unzufriedenen“ ist auf das Schärfste zu verurteilen. Eine Veränderung, die Russland weniger Staat und mehr Demokratie bringen würde, ist Russland in jedem Falle zu wünschen. Die entstehende Oppositionsbewegung in Russland ist in dieser Hinsicht auch positiv zu beurteilen, da große Teile der Demonstranten hierfür in der Tat auf die Straße gingen und gehen werden. Ich werde an dieser Stelle auch weiterhin versuchen, diesen Prozess in Russland beschreibend und kommentierend zu begleiten. Ich plädiere hier nur für mehr Sorgfalt. Denn jegliche Berichterstattung sollte sich bemühen, auch bei außergewöhnlichen Ereignissen den Kontext, in dem jene stehen, nicht zu vernachlässigen.

Bereits auf diesem Video, ein Zusammenschnitt eines “Unzufriedenenmarsches” im Dezember lezten Jahres in Moskau, ist die Präsenz der Nationalboschewisten unübersehbar!

[youtube CTVFp-jCnvY]

Kommentare

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  1. Ein guter Artikel!

    Das selektive Wegsehen der Medien habe ich auch schon angemahnt:
    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/116/das_andere_russland

    Gerade deutsche Kommentatoren sollten aus ihrer eigenen Geschichte wissen, daß man sich nicht nur unglaubwürdig macht, wenn man zusammen mit den Faschisten für Demokratie kämpft, sondern letztendlich Gefahr läuft, daß der Schwanz mit dem Hund wedelt und die demokratischen Kräfte nur Erfüllungsgehilfen für die Faschisten sind.