Sieg der Ästhetik über die Hässlichkeit?

Stellen wir uns einmal New York ohne Times Square oder Tokio ohne Ginza vor… Eine Stadt ohne Werbeplakate oder Leuchtreklame – das ist für die meisten Bewohner solcher Metropolen nur schwer vorstellbar. Viele würden sagen: Das gibt’s doch gar nicht! Doch denen wird man nun entgegen halten müssen: Oh doch!

pauloStellen wir uns einmal New York ohne Times Square oder Tokio ohne Ginza vor… Eine Stadt ohne Werbeplakate oder Leuchtreklame – das ist für die meisten Bewohner solcher Metropolen nur schwer vorstellbar. Viele würden sagen: Das gibt’s doch gar nicht! Doch denen wird man nun entgegen halten müssen: Oh doch!

São Paulo
, die größte Stadt Südamerikas, hat drastische Schritte gegen Werbe-Overkill und visuelle Überflutung eingeleitet. Obwohl sie das größte industrielle Ballungsgebiet in Lateinamerika besitzt, ist sie eine der ersten Städte, die seit kurzem völlig frei von kommerzieller und visueller Umweltverschmutzung sind. Seit dem ersten Januar dieses Jahres verbietet ein neues Gesetz nahezu sämtliche Außenwerbung. Bereits im September 2006 wurde es mit nur einer Gegenstimme erlassen. Wer jetzt dagegen verstößt, muss mit einer Strafe von bis zu 4500 Euro rechnen.

Was die Bevölkerung froh stimmt, ist der Werbewirtschaft ein Dorn im Auge

Dalton Silvano, in der entsprechenden Branche tätig und einziger Gegner im letzten Jahr, meint, „Ich denke die Stadt wird ein traurigerer, tristerer Ort werden. Werbung ist sowohl eine Kunstform, als auch, wenn man alleine im Auto oder zu Fuß unterwegs ist, eine Form der Unterhaltung, die hilft, Einsamkeit und Langeweile zu lindern.“ Und er steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Die freie Meinungsäußerung würde verboten, Arbeitsplätze geopfert und die Sicherheit auf den Straßen durch die dann fehlende Beleuchtung aufs Spiel gesetzt, argumentieren die Werber weiter. “Dieses radikale Gesetz verstößt gegen die Regeln einer Marktwirtschaft”, empört sich Marcel Solimeo, Chef-Ökonom des Werbeverbands, der stolze 32.000 Mitglieder umfasst.

Die Bevölkerung dagegen begrüßt die Änderungen größtenteils und kann die Empörung unter den Werbefachleuten nur schwer nachvollziehen. Denn dies ist nicht der erste Versuch, die unkontrollierte Werbeflut einzudämmen. Bürgermeister Gilberto Kassab zufolge wurden vorherige Absprachen, die die Werbung unter Kontrolle halten sollten, nicht eingehalten. Die Stadt hätte nicht die Kapazitäten, entsprechende Regulierungen im Detail zu kontrollieren. Also blieb nur ein vollständiges Verbot. “Unsere Philosophie ist, dass Umweltverschmutzung auch in den großen Städten bekämpft und durchaus besiegt werden kann. Hier zählt sie zu den größten Problemen – auch die visuelle Umweltverschmutzung, welche die Stadt regelrecht verschluckt. Doch jetzt räumen wir auf, sagen allen: Schluss damit!”

Werbung schüttet die Stadt zu

Einige Werbefirmen geben zu, dass der öffentliche Raum teilweise missbraucht wurde, und dass ein Großteil der geschätzten 13.000 Anzeigentafeln in der 11-Millionen-Metropole illegal installiert wurde. „Die Wahrheit ist, hier sind so viele Banner, Billboards, Plakate, Zeichen und Poster verteilt, dass sie ihre Wirkung verloren haben und ich sie kaum beachte. Was ist der Sinn für den Hersteller, für die Bewerbung eines Produktes zu bezahlen, wenn es nicht mehr als meine Sicht versperrt und mich verwirrt?”, fragt dagegen Livia Okamoto, Zahntechnikerin, in der New York Times.

Ebenso sieht es die Leiterin der Behörde für Umweltschutz und Stadtlandschaft, Regina Monteiro. Die Architektin und Urbanistin hat das Gesetz namens ” Cidade Limpa” formuliert. “Immer wieder wird kritisiert, dass die Stadt hässlich sei. Ich dachte mir, das darf nicht so bleiben, das müssen wir radikal ändern. Sao Paulo ist doch voller pulsierendem Leben, ist Lateinamerikas Kulturhauptstadt. Doch die Werbung schüttet die Stadt regelrecht zu, tötet den städtischen Raum”, erklärt sie bestimmt. Ihr gehe es um die Ästhetik der Stadtlandschaft, um mehr Lebensqualität.

Eine komplette Veränderung der Kultur

Dieses Gesetz sei ein seltener Sieg öffentlichen Interesses über das Private, von Ordnung über das Chaos, der Ästhetik über die Hässlichkeit, von Sauberkeit über Müll, triumphiert auch Roberto Pompeu de Toledo, São Paulos Stadtchronist, im brasilianischen Wochenmagazin „Veja“. Und Monteiro pflichtet bei, indem sie sagt: “Wir müssen Paradigmen brechen – unsere Idee ist tatsächlich revolutionär, ein Beispiel für die ganze Welt.” Auch Städteplaner, Architekten und Umweltschützer feiern das Gesetz, das São Paulo dem Ideal einer urbanen Utopie näher bringt. Roberto Tripoli, Vorsitzender des Stadtrats, lässt deshalb seiner Vision freien Lauf: “Wir zielen auf eine komplette Veränderung der Kultur.”

Ganz ausgetilgt wird die Außenwerbung indes nicht – lediglich stark reduziert. Auch die Schilder an den Frontseiten von Geschäften, Fabriken oder Banken werden schrumpfen. Doch an Bushaltestellen, großen Digitaluhren mit Temperaturanzeigen und an Zeitungskiosken wird Werbung weiterhin erlaubt sein. Allerdings, nach Angaben Monteiros, genauestens kontrolliert.

Photo Quelle/Copyright: naftalina007, cc creative commons, Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 (via flickr)

Eine Flut von Werbetafeln bedeckte das Land – durch das neue Gesetz sind solche visuellen Überflutungen nun passé…

[youtube -TFIiRItDtU]

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: Contutto » Archiv » Stadt ohne Außenwerbung — das wäre mal was…