Ein Buch das ich nicht aus der Hand legen konnte…

“Ich habe die Mädchen zu ihrem Job gebracht und sie wieder nach Hause gefahren. Ich habe das Geld von ihnen kassiert und es mit der Agentur abgerechnet. Im Auto habe ich immer Kondome gehabt, fünf Stück für einen Euro, für den Fall, dass sie einem Mädchen ausgehen. Und halterlose Strümpfe,

cover.jpg“Ich habe die Mädchen zu ihrem Job gebracht und sie wieder nach Hause gefahren. Ich habe das Geld von ihnen kassiert und es mit der Agentur abgerechnet. Im Auto habe ich immer Kondome gehabt, fünf Stück für einen Euro, für den Fall, dass sie einem Mädchen ausgehen. Und halterlose Strümpfe, braune und schwarze…”

Das war Martin Auers Alltag – fünf Monate lang. Das Werk des Wiener Autors umfasst in der Regel vor allem Kinder- und Jugendbücher, aber auch manches aus dem Bereich der “Erwachsenenliteratur”. Sein Ende 2006 erschienenes Buch Hurentaxi – Aus dem Leben der Callgirls ist wohl weniger für Kinder geeignet. Dafür ist der Text aber ausnehmend spannend. Als Fahrer für eine der größten Wiener “Callgirl-Agenturen” war er, wie es so schön heißt, mitten drin. Sein Job, die Prostituierten zu ihren Kund(Inn)en zu bringen und später wieder abzuholen, verschaffte ihm einen tiefen Einblick in das Milieu – und auch in die Geschichten der “Mädchen”…

Keine „Ausschlachtung der Erlebnisse“

Wenn ausgerechnet ein Mann ein Buch über Prostitution schreibt, kann das auch schief gehen. Hier aber wirft der Autor keineswegs einen voyeuristischen, sensationsgeilen Blick auf die Leben der “Mädchen”, sondern geht sehr einfühlsam auf sie ein. “Wenn ich ein Mädchen zum Job gebracht habe, dann habe ich mich in ein Café oder in ein Wirtshaus gesetzt und Tagebuch geführt auf meinem Handheld PC. Ich habe kein verstecktes Tonband mitlaufen lassen. Ich habe nur versucht, hinterher möglichst genau aufzuschreiben, was gesagt worden ist”, erzählt er weiter. Das Buch gibt viel Persönliches über Martin Auer preis, so dass ein Gefühl der “Ausschlachtung” der Erlebnisse und Realitäten der beschriebenen Prostituierten gar nicht erst aufkommt. Er hört ihnen zu, versucht ihr Leben zu verstehen, fühlt mit und vor allem – verurteilt sie nicht.

“Manuela habe ich am dritten Tag kennen gelernt. Von den jungen Mädels bei Belvedere-Escort war sie die einzige Österreicherin. Sonst waren da noch Mara, die Domina, und Mona, die Sklavin. Auf der Homepage ist gestanden: Wienergirl Manuela, Lolitatyp, 18 Jahre! Topservice! Sehr jung, sehr nett, sehr zufriedenstellend! Nur beste Kundenbewertungen! Und fünf Sterne. Auf den Fotos hat sie ihr Gesicht abgewandt oder hinter den braunen Haaren versteckt. Ihr Busen ist silikonverstärkt. Wenn sie auf dem Rücken liegt, im Schottenrock, mit offener Bluse, schauen die Brüste auf dem zarten Jungmädchenkörper aus wie zwei lächerliche Ballons. Mit Manuela bin ich nicht oft gefahren. Sie hat meistens nur in der Nacht gearbeitet und ich bin als Tagchauffeur eingeteilt gewesen. Und sie hat nicht mehr als zwei Jobs am Tag gemacht, höchstens drei, auch wenn sie mehr hätte kriegen können…”

Mitreißende Erzählung mit harten Fakten

Der packend geschriebene Erlebnisbericht, der auch eine tiefgreifende Sozialstudie über die “Mädchen”, ihre Freier und die Verhältnisse im Milieu ist, erschien in der Reihe “Feldforschung” des Lit-Verlags. Das Vorwort übernahm der angesehene österreichische Kulturwissenschaftler Roland Girtler, der sich ebenfalls mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat.

Die mitreißende Erzählung, in der vieles als direkte Rede wiedergegeben ist, wird von einem kurzen “wissenschaftlichen” Teil abgerundet, der noch einmal Hintergründe und harte Fakten erläutert. Übrigens, die Besitzerin der Agentur befindet sich inzwischen wegen mutmaßlichen Menschenhandels in Untersuchungshaft und manche “Mädchen” haben bereits andere Möglichkeiten gefunden, (dauerhaft) ihren Lebensunterhalt zu verdienen, häufig sogar in ihrem Herkunftsland, nahe bei ihren Familien und FreundInnen. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen!

Martin Auer, 1951 in Wien geboren, ist mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er im Jahr 2000 den Lesetopia Literaturpreis, 2002 den Titel schönstes Buch Österreichs für „Von den wilden Frauen“ und 2005 den Berufstitel „Professor“. Zu seinem umfassenden Werk gehören etwa das kürzlich erschienene “Type egg or loo! – Google poetry. Die Giganten der Weltliteratur gegen den Giganten des Internets” (2007), “Stadt der Fremden” (2003) oder “Von Pechvögeln und Unglücksraben” (2005).

Martin Auer: Hurentaxi. Aus dem Leben der Callgirls, Lit-Verlag, Wien 2006, 312 Seiten, EUR 24,90 (Österreich)

Einen Vorabdruck des Buches gibt es auf dieser Seite … und zwar hier: klick

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  1. Es geht tatsächlich noch immer primitiver. Bald haben wir das NIVEA der USA erreicht. Absicht, oder nur zugelassen?

    Wann erfahren wir, wie es unseren Mainzelmännchen so geht, und ob sie auch gegen die Preiserhöhungen und das Wetter sind?

    Fortsetzung folgt? Ehem, ich bin Promoter des obigen Verlages …
    Turbo