Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) ist tot. Der Bruder des ehemaligen Bundespräsidenten verstarb nach Angaben seiner Familie am Samstag im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Starnberg. Er zählte zu den bedeutendsten Intellektuellen Nachkriegsdeutschlands.
Sein Leben und sein Wirken sind so facettenreich, dass selbst eine bloße Aufzählung seiner Stationen, Werke und Preise den Rahmen eines Nachrufs sprengt. Der häufig zu findende Titel “Universalgelehrter” mag an dieser Stelle genügen, um eine wage Vorstellung von der immensen Schaffenskraft des Wissenschaftlers zu bekommen. Auch ist viel von dem übergroßen Bogen die Rede, den er in seinem Leben aufgespannt hat, von seinem Weg vom Atomphysiker zum Friedensphilosophen. Auf diese letzte, zugleich herausragende Station sei hier das Augenmerk gelenkt.
Er wusste, wovon er sprach
Dass Physiker unter dem Eindruck dessen, was mit ihrer Forschung geschieht, zu Friedensaktivisten werden, ist nichts ungewöhnliches – Einstein hatte es gleich nach dem Zweiten Weltkrieg überzeugend vorgelebt. Doch das Engagement, das von Weizsäcker insbesondere nach seiner Emeritierung (1980) unter dem Motiv eines “radikalen Pazifismus” zeigte, war in Tiefe und Breite einzigartig für einen Wissenschaftler seiner Reputation. Und es war hilfreich für die junge Friedensbewegung, die in der Hochphase des Ideologiekonflikts und der atomaren Aufrüstung eine prominente Leitfigur hatte, die nicht allein aus einem diffusen Gefühlsempfinden argumentierte, sondern mit unvergleichlichem Sachverstand. Wenn Carl Friedrich von Weizsäcker das Wort “Atom” in den Mund nahm, wusste er, wovon er sprach.
Die Unterscheidung von Entdeckung und Erfindung
Zudem hat er in der Schnittmenge von Physik, Philosophie und Friedensethik, in der Wissenschaftstheorie, die bahnbrechende Unterscheidung von “Entdeckung” und “Erfindung” vorgenommen, welche Grundlagenforschung ermöglicht (diese führt zu “Entdeckungen”) und zugleich die Frage der moralischen Verantwortlichkeit nicht ausblendet, denn, so von Weizsäcker, es komme darauf an, was mit den Entdeckungen geschehe (also auf die “Erfindungen”).
Damit begegnet er einer radikalen Wissenschaftsfeindlichkeit ebenso, wie dem Anspruch der Industrie auf ethisch unreflektierte Verwendung der Forschungsleistungen. Nicht das Wissen an sich stellt also das moralische Problem dar, sondern der Umgang mit dem Wissen, insbesondere dessen Umsetzung in der Technik.
Stark religiös geprägtes Spätwerk
Interessant ist bei diesem Diskurs um Wissen, Technik und Verantwortung, dass das philosophische Spätwerk von Weizsäckers stark religiös geprägt ist. Ein Umstand, der sich bei vielen seiner Kollegen aus der Physikerzunft wiederfinden lässt. Man denke etwa an das Diktum seines Lehrers Werner Heisenberg: “Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.”
Von Weizsäcker nimmt die Christen in die Pflicht
Von Weizsäcker sieht in der Religion offenbar eine Kulturinstanz, mit der sich das pazifistische Programm realisieren lässt. Hier nimmt er insbesondere die Christen in die Pflicht. Doch ist dieses religiöse Denken bei von Weizsäcker nicht spezifisch christlich orientiert oder gar dogmatisch verengt, sondern eher von einer mystisch anmutenden Universalität gekennzeichnet, die hoffnungsvoll von der Überwindung kultureller Differenzen und des Egoismus spricht und der man – wüsste man nicht um ihren Ursprung – schnell das Etikett “naiv” aufdrücken würde. Zumal aus der Perspektive einer Zeit, in der das Gewaltproblem auch und gerade “religiös” oder religiös verkleidet auftritt.
Sein Denken bleibt hochaktuell
Carl Friedrich von Weizsäckers Denken bleibt trotzdem (oder gerade deshalb) auch nach Überwindung der bipolaren Weltordnung und der unmittelbaren atomaren Bedrohung Europas hochaktuell. Die “neuen Kriege” und die “neue Aufrüstung” (insbesondere – aber nicht nur! – im Nahen und Mittleren Osten) machen Vordenker und Vorbilder eines (im wahren Sinne) radikalen und (im weitesten Sinne) religiösen Pazifismus nötig. Vielleicht nötiger denn je. Auch, wenn es etwas pietätlos klingen mag: Carl Friedrich von Weizsäckers Tod ruft das friedensethische Werk des großen Denkers zur rechten Zeit in Erinnerung.
Ich würde gerne eine Biographie über Carl Friedrich von Weizsäcker lesen. Hat jemand eine Empfehlung?