Die Schlacht um den Bronzesoldaten

Die Vergangenheit hat das nördliche Musterländchen eingeholt: Bei Unruhen sind in der estnischen Hauptstadt Tallinn bisher rund tausend Personen verhaftet worden. Es gab einen Toten und über 50 Verletzte. Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Auslöser der Krise war die Abmontierung des gut zwei Meter hohen Bronzedenkmals eines Sowjetsoldaten im Zentrum

denkmalDie Vergangenheit hat das nördliche Musterländchen eingeholt: Bei Unruhen sind in der estnischen Hauptstadt Tallinn bisher rund tausend Personen verhaftet worden. Es gab einen Toten und über 50 Verletzte. Geschäfte wurden zerstört und geplündert.
Auslöser der Krise war die Abmontierung des gut zwei Meter hohen Bronzedenkmals eines Sowjetsoldaten im Zentrum der Stadt in der Nacht zum 27. April. Tiefere Ursache sind wachsende Spannungen zwischen den 800.000 Esten und den Nachkommen jener Russen, die nach zwei von Stalin angeordneten Deportationswellen ab 1947 im Land angesiedelt worden waren.

Eine bewegte Historie

Die Esten sind ein kleines finnugrisches Volk, das in der Geschichte von Dänen, Schweden, Russen und Deutschen regiert worden war. Nach der russischen Oktoberrevolution ist Estland von deutschen Truppen besetzt worden. Mit dem Ende des Krieges kam es zur Erklärung der Unabhängigkeit, die 1919/20 gegen bolschewistische Truppen verteidigt werden musste. Der Vertrag von Tartu vom 2.2.1920 brachte mit einer Grenzziehung auch einen Verzicht auf sowjetische Ansprüche. Estland wurde wie die beiden anderen Baltenstaaten Lettland und Litauen eine unabhängige Republik. Am 24.4.1934 putschte Präsident Konstantin Päts und regierte vier Jahre ohne Parlament.

Im Hitler-Stalin-Pakt hat Deutschland die Baltenstaaten der sowjetischen Einflußsphäre überlassen. Die Sowjets installierten ein Kollaborationsregime und besetzten dann das ganze Land. Schon vorher hatten kommunistische Vertrauensleute Listen von bürgerlichen Personen zusammengestellt, die nun zusammengetrieben und mit Viehwaggons nach Sibirien deportiert wurden. Nach dem Angriff Hitlers auf die UdSSR wurde Estland 1941 von NS-Truppen besetzt. 1944 rückten wieder die Sowjets heran. 75.000 Esten sind damals geflüchtet. Estland wurde eine Sowjetrepublik.

In den Kriegsjahren hat das Land 30 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Im März 1949 kam es zu einer zweiten Deportationswelle. Neuerlich wurden über zehntausend Esten hinter den Ural verschickt. Trotz seiner schweren Verluste hat sich Estland zu der Sowjetrepublik mit dem höchsten Lebensstandard entwickelt.

Erste Unruhen bereits 1987

Schon am 23.8.1987 war es in Tallinn zu einer ersten Demonstration für die Unabhängigkeit des Landes gekommen. Es entwickelte sich die “Singende Revolution“, bei der mit Liedern und Chören ein “Freies Estland” gefordert wurde. Am 19.8.1991 erklärte der “Oberste Rat” in Tallinn – als Reaktion auf den Putschversuch in Moskau – die Unabhängigkeit.

Die russische Volksgruppe stellte sich bald als Belastung heraus. Die im Land lebenden Russen erhielten nicht automatisch die estnische Staatsangehörigkeit. Voraussetzung dafür war unter anderem die Kenntnis der estnischen Sprache, die für Russen extrem schwierig zu erlernen ist. Es bildete sich vor allem in den Städten ein arbeitsloses Jugendproletariat, das schon mehrmals für Unruhen verantwortlich gewesen war. Zu Beginn des Jahres 2007 verabschiedete das estnische Parlament ein Gesetz, durch das alle Denkmäler verboten wurden, die “Feindschaft schüren und Staaten verherrlichen, die Estland in der Vergangenheit okkuptiert hatten”.

In einem weiteren Gesetz wurde festgelegt, dass Überreste von Gefallenen, die an “unpassenden Plätzen” begraben sind, in Friedhöfe umgebettet werden sollen. Die Parlamentsbeschlüsse richteten sich in erster Linie gegen das über zwei Meter hohe Denkmal eines Sowjetsoldaten, das 1947 am Tonismägi-Hügel im Zentrum von Tallinn über den Gräbern von 13 gefallenen Sowjetsoldaten errichtet worden war. Das Denkmal in typischem Sowjetstil steht für Russland und die russische Minderheit des Landes für alle Opfer, die in Estland im Kampf gegen Hitler-Deutschland gefallen sind. Für die meisten Esten ist der Bronzesoldat ein Symbol der Sowjetherrschaft.

Symbol der Sowjetherrschaft entfernt

Die estnische Regierung unter Ministerpräsident Andrus Ansip zeigte wenig Fingerspitzengefühl, als diese die Statue plötzlich entfernen und an einem unbekannten Ort verwahren ließ. Am Hügel selbst wird unter einem Zelt nach den Überresten der Soldaten gegraben. Bereits am 26.4. versammelten sich um den Hügel hundert Demonstranten. Als die Polizei mit übermässiger Härte eingriff, trafen aus den Vorstädten russische Jugendliche ein. Die Situation geriet außer Kontrolle.

Seitdem kommt es jede Nacht zu neuen Unruhen und Verhaftungen. Das russische Parlament drohte Estland Maßnahmen an. Präsident Wladimir Putin erklärte sich bereit, unerwünschte Gräber aus Estland auf den Boden der Russischen Föderation zu transferieren.

Hier ein Ausschnitt des Senders TV3 vom 27. April zu den Unruhen:

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  1. Der Tote ist ein Opfer der Pluenderungen. Er hatte gefilmt. Ist unmittelbar an der Szene dran gewesen. Es hat angeblich darueber noch mit der Familie gesprochen. Das moechte ich nur der Korrektheit wegen anfuegen, da auch das Bild entstehen koennte, er sei bei dem Polizeieinsatz ums Leben gekommen.
    Ansip hat einen politischen Fehler begangen. Das Schlimmste, wenn sie geheime Absprachen in der Regierung gemacht haben, die den offiziellen Verlautbarungen widersprechen. Die Polizei in Estland hat so etwas noch nicht erlebt. Soll ich sagen, sie hat Fehler gemacht.
    Gleichzeitig gibt es Bilder, die zeigen, dass die Politzistinnen an der Nationalbibliothek Opfer der Steiwuerfe wurden. Auch sind aeltere Demonstranten daran beteiligt gewesen, die Videos zeigen deutlich die Gesichter.
    Schwer zu ertragen gestern auch die Dokumentation des Angriffs auf das Lokal Woodstock, das durch die geborstenen Scheiben eine Stunde lang mit Steinen bombadiert wurden, die Gaeste konnten sich mit Hilfe derselben verteidigen. Die Angreifer versuchten auch Feuer zu legen. Wenn das im estnischen Fernsehen läuft und am naechsten Tag immer noch keine Provikation seitens der Esten kommt, kann man das auch honorieren. Polizei ist Polizei, aber die Angst der Alstadtbewohner und Umgebung sitzt tief. Trotzdem kann man in Estland mit den meisten Einheimischen ueber die fehlgeschlagene Integration reden.