In Estlands Hauptstadt Tallinn hat sich die Lage nach mehrtägigen Gewaltausbrüchen wegen der Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals vorerst beruhigt. Der Streit um die Demontage des Denkmals für die Sowjetsoldaten im Zentrum der estnischen Hauptstadt eskalierte am vergangenen Wochenende. Nachdem die estnischen Behörden bereits am Donnerstag die Abbrucharbeiten vorbereitet hatten, kam es in der Nacht zum Freitag, bei Beginn der Arbeiten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zumeist jugendliche, russischstämmige Bürger des Baltenstaats prügelten sich mit der estnischen Polizei.
Unruhen fordern erstes Todesopfer
Die Jugendlichen zogen durch das Zentrum Tallins, schlugen Schaufenster ein, setzten Geschäfte in Brand, stürzten Mülltonnen und Briefkästen um. Bei Handgreiflichkeiten wurde ein Jugendlicher erstochen. Der 19-Jährige verstarb noch in der Nacht im Krankenhaus. Insgesamt wurden bei den Krawallen 200 Menschen verletzt, etwa 1000 wurden festgenommen. Derartige Ausschreitungen hat es in Tallinn noch nie gegeben.
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Das offizielle Russland reagierte empört auf die Vorfälle in Estland. Bereits im Vorfeld hatte sich der russische Außenminister Sergej Lawrow über die geplanten Abbrucharbeiten entrüstet. „Die Demontage des Soldaten-Denkmals muss sich auch auf unsere Beziehungen zur NATO und zur Europäischen Union auswirken, Organisationen, die ein Land aufgenommen haben, das Werte sträflich mißachtet, auf denen etwa die EU gründet, ja die europäische Kultur und Demokratie insgesamt“, verkündete er.
Schluss mit dem Spott!
Die russische Regierung hatte das Vorgehen der estnischen Sicherheitsbehörden scharf kritisiert. Die Polizei habe «übermässig Gewalt angewendet» und dadurch Dutzende friedlicher Demonstranten verletzt, hiess es in Moskau. Auch der russische Föderationsrat, die Versammlung der Vertreter der Regionen, sprach mit plakativen Worten seine Mißbilligung aus. „Genug des Spotts über die Verstorbenen. Genug des Spotts über das Denkmal für die Verstorbenen des Zweiten Weltkriegs!“, verkündete Rats-Sprecher Sergej Mironow bei der heutigen Sitzung und erntete anhaltenden Beifall. Mironow schlug vor, eine Resolution zu verabschieden, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin die Einstellung der diplomatischen Beziehungen zu Estland fordert.
Vor der estnischen Botschaft in Moskau versammeln sich derzeit Demonstranten. Sie schwenken Fahnen der kremlnahen Jugendorganisation „Molodaja gwardija“ (Junge Garde) und skandieren Losungen, wie: „Pack die NATO am Schwanz. Hände weg vom russischen Soldaten!“ oder „Hitler – Vorbild Estlands!“.
Streit schwelte schon lange
Der Streit um das Denkmal für die gefallenen Sowjetsoldaten kochte bereits mehrere Monate – bisher allerdings auf kleiner Flamme und von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt.
Der Konflikt war vor allem über russische und estnische Medien ausgetragen worden. Aus russischer Sicht stand das Denkmal für den Sieg über den Faschismus, für einen Teil der Esten war es Symbol einer jahrzehntelangen Fremdherrschaft. Estland war 1940 aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes von der UdSSR annektiert wurden. 1941 wurde das Land von der Wehrmacht besetzt, 1944 von der Roten Armee zurückerobert. Ob es tatsächlich zur Überführung des Denkmals und der auf dem Gelände beerdigten Sowjetsoldaten kommen würde, war bis zum Schluss nicht klar. Entsprechend leicht nahm die breite Öffentlichkeit die Auseinandersetzung.
Gegenwärtig scheint sich die Lage in Estland einigermaßen beruhigt zu haben. Es wurden zwar keine Krawalle registriert, dennoch wurden in der letzten Nacht 125 Personen festgenommen, teilte der Pressedienst der Polizei mit. Allein in Tallinn gab es 45 Festnahmen. Das Zentrum der estnischen Hauptstadt befindet sich weiterhin unter ständiger Kontrolle der Polizei. Personen, die Polizisten verdächtig vorkommen, werden auf der Straße durchsucht.Dis Situation bleibt also weiter gespannt. Auch in Hinblick auf die Feierlichkeiten des 9. Mais – an dem so genannten „Tag des Sieges“ feiern die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken die Kapitulation Hitlerdeutschlands.
Es ist natürlich immer schwierig für Aussenstehende, solche Vorgänge zu kommentieren, doch scheint es, als habe man die Empfindlichkeiten, sowohl des russischen Bären, als auch seiner seit Generationen im Lande lebenden Kinder unterschätzt.
Sicher hätte sich diese Eskalation vermeiden lassen, wenn man im Vorfeld mit Konsultationen nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht hätte, um die Belange beider Seiten in der Lösung des Konflikts zu berücksichtigen.
Vielleicht beötigen beide jetzt, nachdem das Kind im Brunnen liegt, einen geschickten Unterhändler der hilft, eine solche, für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden.
Die Estländer sollten sich bewusst sein, daß eine große Minderheit, die schon allein wegen sprachlicher Probleme schwer zu intergrieren ist, anders behandelt werden muss, als eine Minderheit mit der die Kommunikation leichter fällt. Dazu kommen dann natürlich die Animositäten, die sich aus der alles andere als konfliktfreien Geschichte der beiden Staaten ergeben und die prekäre Lage der Jugendlichen denen keine Perspektive geboten werden kann.
Vielleicht müsste sich Brüssel hier wirklich ins Mittel legen.