Klicks, Quoten, Reizwörter: [...] Wie das Web den Journalismus verändert (Ausblick)

Wie in den Gründerzeiten des Webs diskutieren Medienexperten und Verlagsmanager derzeit aufgeregt die Demokratisierungspotenziale, die durch das Internet entstünden. Manche loben die aufblühenden, noch unverfälschten »Graswurzel-Foren«. Einige haben so etwas wie einen Netz-Maoismus ausgemacht, das Internet als kulturrevolutionäre Plattform oder – kritisch betrachtet – als Kulmination stumpfen Kollektivismus, wie der

Wie in den Gründerzeiten des Webs diskutieren Medienexperten und Verlagsmanager derzeit aufgeregt die Demokratisierungspotenziale, die durch das Internet entstünden. Manche loben die aufblühenden, noch unverfälschten »Graswurzel-Foren«. Einige haben so etwas wie einen Netz-Maoismus ausgemacht, das Internet als kulturrevolutionäre Plattform oder – kritisch betrachtet – als Kulmination stumpfen Kollektivismus, wie der Internet-Visionär Jaron Lanier feststellt.

Eine wirkliche Revolution in den Massenmedien müsse, so schrieb Enzensberger im Jahr 1970, nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen, sondern jeden zum Manipulateur machen. Dieses Stadium ist erreicht. Wenn aber alle Inhalte produzieren – vom Nachrichten- Portal bis hin zum Blogger, worin besteht dann noch die Legitimation der klassischen Medien?

Verlagsmanager, Wissenschaftler und Journalisten beschwören den qualitativ hochwertigen Journalismus im Netz, die Glaubwürdigkeit der traditionellen Medienmarken. Sie legitimiere die Existenz verlegerischer Nachrichten-Portale. Die Strategie lautet also, journalistische Kompetenzen, die die Medienhäuser und Verlage in der analogen Welt erworben haben, auch im Internet als Kernressource zu betrachten und als Marketingstrategie bezogen auf das Internet einzusetzen. Es gehe darum, den guten Ruf des Muttermediums ins Netz zu übertragen. So fordern die Herausgeber einleitend in einer Aufsatzsammlung über Qualität im Journalismus: »Neben der derzeit verbreiteten Strategie, Kosten zu senken (Kostenwettbewerb), erscheint Qualitätsverbesserung als viel versprechender Weg, sich auf dem Markt zu behaupten.« Der Online-Journalismus stünde längst nicht mehr im Zeichen von immer höheren Geschwindigkeiten und Klickzahlen, behaupten auch Journalisten. »Je wichtiger das Internet als Informationsmedium wird, desto stärker werben auch Online-Angebote um das Vertrauen der Leser«, stellt etwa Wenke Husmann in der »Zeit« fest. Husmann will eine »Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verlässlichkeit« bei den Lesern ausgemacht haben. »Der Bedarf an klassischem Qualitäts-Journalismus wird eher zunehmen «, sagt auch der Chefredakteur von »FOCUS Online« Jochen Wegner.

Die Zukunft der Verlage und klassischen Medienhäuser entscheidet sich offenbar also an der Frage, ob der Internet-Nutzer ihren Redaktionen tatsächlich gegenüber Bloggern, Unterhaltungsportalen, Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Firmensites einen Vertrauensbonus einräumt. Verdienen die Verlage dieses Vertrauen oder ist die gebetsmühlenartige Betonung der vermeintlichen Glaubwürdigkeit, Orientierungs- und Leitfunktion nicht vielmehr ein Selbstbeschwörungsritual der Verlagsmanager?

Gemessen an den strengen Kriterien an Qualitäts-Journalismus, die Verleger und Chefredakteure selber aufgestellt haben, versagen die meisten ihrer Nachrichten-Sites. Kennzeichen des tatsächlich vorherrschenden Nachrichten-Journalismus sind Zweitverwertung, Agenturhörigkeit, Holzschnittartigkeit, Eindimensionalität und Einfallslosigkeit. Gegen das Trennungsgebot von Werbung und redaktioneller Berichterstattung wird systematisch verstoßen. Weder bestimmen Wichtigkeit und Relevanz allein die Nachrichtenauswahl der Websites, noch steht Originalität im Zentrum. Sie machen fast alles, was die großen Unterhaltungsportale auch machen – nur eben etwas schlechter, aufgrund von Geldknappheit und horrenden Kosten für die Aufrechterhaltung der Redaktionen. Generell erscheint es so, als würde der Markt momentan nicht die besten Voraussetzungen für Qualität im Journalismus schaffen. Noch irrlichtern die Verlagsmanager und stehen recht ratlos vor der Herausforderung, »ökonomische Möglichkeiten und publizistische Traditionen in Einklang zu bringen«. Vielleicht sind die Qualitätsmängel nur eine vorübergehende Erscheinung in einer Phase des Umbruchs, ein »Synchronisationsproblem in Zeiten des schnell fortschreitenden Medienwandels « Genauso ist aber auch denkbar, dass sich der Journalismus grundsätzlich in einer Abwärtsspirale befindet, an deren Ende eine Nivellierung auf niedrigerem Niveau steht. Heinrich vertrat schon 1996 die These, dass im Journalismus »der Qualitätswettbewerb eher schlecht funktioniert und das vor allem ein Kostenwettbewerb mit negativen Auswirkungen auf die publizistische Qualität zu beobachten ist«.

“Journalisten geben ohne Not jahrzehntelang bewährte journalistische Prinzipien preis. Sie begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tode.”

Online-Ableger traditioneller Medien, die sich unter dem Druck der Quote der Verquickung von Spaß und Unterhaltung, dem Infotainment verschreiben, verhalten sich aus kurzfristigen ökonomischen Erwägungen wohl richtig. Sie können am Markt gar nicht anders bestehen. Im liberalen Modell von Öffentlichkeit folgen die Medien bei Auswahl und Präsentation ausschließlich den Präferenzen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger. Sie müssen jedoch dafür in Kauf nehmen, auf Dauer jene Merkmale zu verlieren, die sie von Bloggern und Unterhaltungsportalen unterscheiden: Sprachgewalt und Kompetenz bei der Einordnung von Themen, Glaubwürdigkeit und Relevanz der Information. Mehr noch: Liebedienerische, stromlinienförmig am Massengeschmack ausgerichtete Medien geben die ihnen vielfach zugeschriebene Rolle als vierte Gewalt im Staat auf. Infotainment-Journalisten, die dem Volk aufs Maul schauen, taugen nicht mehr als demokratische Aufklärer, Kontrolleure der Regierenden und Mahner der Mächtigen. An dieser Stelle kann sicherlich nicht diskutiert werden, ob dieser Anspruch ohnehin immer Illusion war.

Fest steht aber, dass kein Unterschied mehr zu Laien-Kommunikatoren besteht, sobald Journalisten darauf verzichten, wenigstens theoretisch für sich eine Sonderrolle im Staat zu reklamieren. Wie in Trance folgen die meisten Online-Redaktionen dem Leitmedium »Spiegel Online« und seinem Kanon eines neuen, leichtlebigen, unterhaltenden, tendenziösen Netzjournalismus. Dabei geben die Journalisten ohne Not jahrzehntelang bewährte journalistische Prinzipien preis. Sie begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Denn die meisten werden den Internet-Konzernen nicht Paroli bieten können, selbst wenn sie noch so viele Rätsel, Bildergalerien und Telefon-Tarifrechner auflegen. Das Massengeschäft gehört längst Google und den Unterhaltungsportalen. Das ambivalente Beispiel »Spiegel Online« zeigt, dass selbst das unangefochtene Leitmedium zu Taschenspielertricks greifen muss, um gegen die unjournalistischen Unterhaltungsportale bestehen zu können. Kleinere journalistische Sites haben die Schlacht bereits verloren, weil ihnen mit der Reichweite bald auch die finanzielle Grundlage entzogen wird. Ansprüche und Grundsätze des klassischen Qualitäts-Journalismus werden in der Folge weiter erodieren. Dieser Prozess kann noch drei, fünf oder acht Jahre dauern. Dann spätestens werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites der Unterhaltungsportale und ihrer journalistischen Klone.

Sie werden sich neue Angebote suchen, um sich fernab des Mainstreams und Massengeschmacks zu informieren und auszutauschen. Sie werden diese Inhalte finden in den Blogs einiger Kolumnisten, in hochspezialisierte Branchen-Newslettern und auf
kleinen, semi-kommerziellen Websites. Qualitativ hochwertige Berichterstattung wird also weiterhin ihr Publikum finden. Allerdings werden die Erlöse nicht reichen, um große Verlagsapparate zu finanzieren. Es lohnt sich, für den Qualitäts-Journalismus im Internet zu kämpfen. Ein Anfang lässt sich machen durch Dokumentation und Offenlegung all jener Entgleisungen, Hütchenspielereien und Manipulationen, die auf den verlegerischen Websites tagtäglich anzutreffen sind und denen sich viele Redaktionen unter Verweis auf die Quote nur zu gern unterwerfen. Im neuen Weblog Werkkanon (http://werkkanon.blogspot.com/) wollen wir dazu einen Beitrag leisten. Der Erfolg des medienkritischen BILDblog stimmt
hoffnungsfroh, dass dieses Projekt funktionieren kann und zur Renaissance des Qualitäts-Journalismus beiträgt.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Studie “Klicks, Quoten, Reizwörter:
Nachrichten-Sites im Internet – Wie das Web den Journalismus verändert.” welche die beiden Wirtschaftsautoren Steffen Range (Springer/Welt) und Roland Schweins (Handelsblatt) im Auftrag der Friedrich Ebert- Stiftung erstellt haben. Die gesamte Studie als PDF-Format zum Downloaden gibt es hier: klick

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: BlogMedia » Das Weblog – zwischen Gegenöffentlichkeit und Karaoke-Journalismus