Tagebuch – Mein Leben als arbeitsloser Akademiker

14. Mai: mein letzter Arbeitstag als diplomierter Projektmitarbeiter an einer großen deutschen Universität. Von den Kollegen mit denen ich über ein Jahr zusammengearbeit hatte, wurde mir von einigen zwischen Tür und Angel für die Zukunft alles Gute gewünscht. Es war zweifellos nett gemeint, auch wenn ich glaubte, eine gewisse Distanz

boden.jpg14. Mai: mein letzter Arbeitstag als diplomierter Projektmitarbeiter an einer großen deutschen Universität. Von den Kollegen mit denen ich über ein Jahr zusammengearbeit hatte, wurde mir von einigen zwischen Tür und Angel für die Zukunft alles Gute gewünscht. Es war zweifellos nett gemeint, auch wenn ich glaubte, eine gewisse Distanz wahrzunehmen.

Der Übergang in die Arbeitslosigkeit gilt an der Uni im Allgemeinen als wirklich uncool und wird tabuisiert; im Grunde bedeutet es, dass man nicht genügend Artikel geschrieben und/oder sich mit dem Prof. nicht ausreichend gut gestellt und/oder sich nicht rechtzeitig für ein Promotions- oder Habilitationsthema entschieden hat und/oder dass man in seinem Fach schlichtweg ein Loser ist. Oder alles zusammen;

Arbeitslosigkeit jedenfalls ist suspekt und wird bezüglich ihrer Ursachen – wie auch in anderen Gesellschaftskreisen – eher individualisiert. Dies geschieht unter Akademikern allerdings auf statistisch abgesicherter Grundlage, – immerhin entstehen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (2006) für Akademiker trotz steigender Absolventenzahlen wieder mehr Stellen und die Arbeitslosenquote bewegt sich im Bereich von 0 bis 5%. Daher greift ein typischer Mechanismus der Arbeitslosigkeit nun auch bei mir: ich gebe mir selbst die Schuld.

War ich zu unfreundlich? Zu egoistisch?

Habe ich mich nicht genug oder nicht auf genügend aussichtsreiche Stellen beworben? Ich habe in den letzten acht Wochen über 50 Bewerbungen abgesendet und bin bisher nicht einmal eingeladen worden. Hätte ich in ein Karriere-Coaching investieren sollen?
Mich weiter qualifizieren müssen? War ich zu unfreundlich? Zu egoistisch?

Die Gedanken kreisen. Morgen ist Dienstag und ich habe mich vorhin dabei ertappt, wie ich die Aktentasche wie gewohnt mit einer Thermoskanne Kaffee und Schokoriegeln bestücken wollte. Die Schokoriegel werde ich mir nun nicht mehr leisten können, auch die Kaffeemarke sollte ich aus Kostengründen wechseln. Mein Gehalt wird mit Arbeitslosengeld auf etwa ein Drittel zuammenschrumpfen. Um schon jetzt aktiv an meinen Gewohnheiten zu arbeiten, habe ich Kerzen angezündet, um Strom zu sparen. Eine fiel um und brannte ein Loch in den Teppich, somit ist auch meine Wohnung nun tendenziell der zu erwartenden Abwärtsspirale angepasst.

Ich habe die Kerze mühevoll mit dem Absatz meines Pantoffels zertreten um mich in Prekariats-Gewohnheiten zu üben. Der Kühlschrank ist auch leer. Ich könnte eine Pizza bestellen, gehe aber lieber hungrig zu Bett um das Geld zu sparen. Und weiß schon jetzt, ich werde lange nicht einschlafen können.

Kann tatsächlich nicht schlafen. Ärgere mich, dass der Pantoffel nun hin ist. Bestelle Salami-Pizza beim Chinesen (“Nummel Leinundfnüfzig?”) und bekomme nach einer dreiviertel Stunde Thunfisch. Immerhin.

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  1. Willkommen in der Welt der Erwachsenen!

    Dass Sie entweder nicht gut im Schreiben von Bewerbungen sind, oder sich für die falschen Stellen oder bei den falschen Unternehmen bewerben, konnten die Leser nun erfahren. Aber das ist nicht tragisch, das wird sich mit der Zeit verbessern, da bin ich zuversichtlich. Sie sollten jedenfalls die Bewerbungen sorgfältiger behandeln als Ihren Teppich.

    Dass die Kerze umfiel war doch offenbar Ihre Schuld? Was soll die Bemerkung daher über den Mechanismus bei Arbeitslosigkeit? Natürlich sind Sie daran Schuld, wer sonst? Aber wo bitte liegt das Problem? Was ist an vorübergehender Arbeitslosigkeit problematisch, außer Thunfischpizza?