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“Welt”offenheit und Toleranz bei Springer und den 68ern?

Donnerstag, den 17. Mai 2007 um 19:33 Uhr von Stephan Reber
Die 68er Bewegung scheint wohl nicht so viel erreicht zu haben, wie oftmals gerne angenommen? Photo: screenshot

Viele Blogger regen sich auf über das Löschen von Alan Poseners Angriff in Welt-Debatte auf Kai Diekmann von der Bildzeitung. Darüber berichteten schließlich auch die traditionellen Medien. In der Attacke (bei Bildblog nachgezeichnet) ging es nur vordergründig um Diekmanns bald erscheinendes Buch zu den Auswüchsen der 68er. Leider kümmert sich derzeit niemand über die eigentlichen Thesen des Buches. Von diesen scheint sich Alan Posener mindestens unterbewusst verletzt zu fühlen, wie so viele andere 68er, wenn sie an die eigenen Dummheiten bis hin zur Verehrung von Massenmördern wie Mao denken.

Das Wunschbild von den 68ern

Obwohl oft vom 68er-Bashing die Rede ist, wird trotzdem nicht in einer breiteren Öffentlichkeit, erst recht nicht in der verkümmerten bzw. unterentwickelten deutschen politischen Blogosphäre, diskutiert, welche negativen Auswirkungen die 68er-”Kultur” hatte. Genauso wenig stellen die Blogger in Frage, welche der scheinbaren Errungenschaften der 68er nicht wirklich auf deren Konto gehen. Die zunehmende sexuelle Freiheit, übrigens bereits im Berlin der goldenen 20er gut entwickelt, hatte unter Umständen mehr mit der Erfindung der Pille als mit den 68ern zu tun. Starke radikaldemokratische Strömungen gab es auch im 19. Jahrhundert in der Zeit des Vormärz.

Kulturpessimismus und Bevormundung der Bürger

Noch davor, Anfang des 19. Jahrhunderts trat in der Romantik eine starke Hinwendung zur Natur auf. Schon damals fühlten wohl viele die Morgendämmerung der Industrialisierung, die in England viel weiter fortgeschritten war, und bekamen davor Angst. Diese Angst - vor der Atombombe, der Umweltzerstörung, einer neuen Diktatur in Deutschland zur Zeit der 68er - war es unter anderem auch, die neue romantische und irrationale Verhaltens- und Denkweisen bei den 68ern hervorrief. Bis heute sind wir in Deutschland etwas langsamer als Franzosen, Engländer und vor allem Amerikaner, was die Akzeptanz neuer Technologien angeht. Zuerst suchen wir regelmäßig das Zerstörerische und Negative bei neuen Erscheinungen.

Alan Posener, dessen Vorbehalte gegenüber der Bildzeitung ich vollkommen teile, verwechselt jedoch Ursache und Wirkung im konkreten Fall und übersieht, dass gerade eine liberale und pluralistische Gesellschaft die Bildzeitung mit ihren “Wichsvorlagen” aushalten muss. Denn die Bildzeitung liefert “nur” das, was Millionen von Deutschen gerne haben wollen und was diese sich sonst in anderen Medien und aus dem Internet holen. Insofern wird die Bildzeitung von dem Geschmack eines nicht kleinen Teils der Bevölkerung produziert. Der Ruf nach Erziehung und Bildung dieser “primitiven Massen” übersieht, dass es zu jeder Zeit Menschen geben wird, die nicht regelmäßig ins Theater gehen und anspruchsvolle Bücher lesen, sondern sich lieber den materiellen und hedonistischen Verlockungen des Lebens hingeben.

Hedonismus und Konsumfreude der 68er

Genau das wurde übrigens auch von den 68ern mitgefördert, die bekanntlich nicht die Erfinder des asketischen Lebens waren, sondern ohne es zu merken die Popkultur und die Konsumorientierung so richtig gepusht haben. Die “Vorkämpfer für eine liberale und von Zwang befreite Gesellschaft” wollten ja nicht so steif und verknöchert der bürgerlichen Sparsamkeit, Selbstbeschränktheit und Bescheidenheit nachfolgen. Man betrachte sich nur die Lebensweise bekannter Alt-68er wie Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine, Joschka Fischer und Co. In einer liberalen Gesellschaft sei ihnen jedoch diese Konsumfreude vergönnt.

Zwischen Zensur und Bildpressefreiheit

Zumindest sollte demnach auch jeder, der konsequent weiterdenkt, überlegen, wo denn dann die Grenze des Zulässigen gezogen werden muss. Der Schritt einer - kulturell vielleicht durchaus berechtigten - Zensur mancher Stories in der Bildzeitung weg von der pluralistischen hin zu einer prüden und verknöcherten Gesellschaft der 50er Jahre, die übrigens nicht von Adenauer so produziert und konserviert wurde, wie manche es gerne darstellen, ist dann nicht mehr so weit. Obgleich das vielen Eiferern für eine ungezwungene Debattenkultur und gleichzeitig Gegnern der “Bildmedienfreiheit” nicht bewusst ist.

Links zum Verfolgen des “Zensurskandals” bei der Welt:

Turi2
Blog Age

Quelle: http://liberalkonservativersozialismu.blog.de

Photo/Quelle: ids-mannheim

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2 Reaktionen zu ““Welt”offenheit und Toleranz bei Springer und den 68ern?”

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  1. Heinz-Peter Tjaden

    am 18. Mai 2007 um 12:04 Uhr | Link | Kommentar melden

    Es ist schon erstaunlich, dass man sich immer noch den Kopf heiß redet über die so genannten 68er und immer wieder aus dem Blick verliert, dass diese Generation keinesfalls als homogene Masse auf den Barrikaden der Spießbürger gestanden hat. “Bild” und “Welt” taten nur so, als bestünde diese Gefahr…Dann fiel in Berlin ein Schuss, ein Student war tot - und der Schah fuhr putzmunter wieder nach Hause, der Regierende Bürgermeister stellte sich vor die Polizei und die Springer-Presse hetzte weiter mit Lügen, Verdrehungen und Schmutz sondergleichen. Heinrich Böll musste sich wegducken, weil er im “Spiegel” auch für Terroristen ordentliche Prozesse gefordert hatte, Willy Brandt war als Frahm immer noch irgendwie ein vaterlandsloser Geselle und die SPD-nahe Organisation “Die Falken” schlug in dunklen Wäldern Zelte zum Zwecke des Missbrauchs auf. Dieses Zerrbild ist bis heute erhalten geblieben, man bekommt es aus den Köpfen nicht heraus. Man spielt eben auch weiterhin nicht mit den Schmuddelnkindern, zu denen seinerzeit auch ein Kabarettist aus Hannover gehörte, der sich vom Polizeichef während einer “Rote-Punkt”-Aktion sagen lassen musste: “…vor Jahren waren sie noch ein Mensch!”

  2. Limited

    am 18. Mai 2007 um 16:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ach herrje, wieder mal die Konstruktion einer Globalkategorie um ein Feindbild zu zementieren.
    Diesmal halt die “68er” - die neu/alten Buhmänner und frauen der Nationalkonservativen.

    Wie bei jeder gesellschaftlichen Strömung gab es bei diesen “68ern” halt nicht nur Gutes zu berichten. Insgesamt für mich (68 geboren) jedoch eine Phase, in der mit autoritätshörigen verknöcherten Strukturen gebrochen wurde - eine Phase der Liberalisierung, die ich insgesamt positiv bewerte.

    Und bezüglich der Ernsthaftigkeit und der durchaus hohen moralischen Ansprüchen einiger “68er”, dazu sollte ein Bild Chefredakteur mit seinen Tiraden und Dreckauswürfen sich nun wirklich jeden Urteils enthalten - da hat Herr Posener meines Erachtens sehr treffende Worte gefunden.

    Er ruft m.W. auch nicht zu einem Verbot der BLÖD Zeitung auf, wie es o.g. Artikel suggeriert. Er benennt nur die übliche bigotte Doppelmoral und sieht die BLÖD durchaus als Element einer pluralistischen Presselandschaft.

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