“Vor Tränengas schützen lange Klamotten.”

Am Samstag, dem 19.5.2007, fand im Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein öffentliches Blockadetraining statt. Geübt werden sollte, wie man sich als Blockade-Teilnehmer verhält, falls eine ganze Horde von Polizisten versuchen sollte, diese aufzulösen. Aufgerufen dazu hatte die Gruppe FelS (Für eine linke Strömung), Teil der Interventionistischen Linken, einem

aufh.JPGAm Samstag, dem 19.5.2007, fand im Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein öffentliches Blockadetraining statt. Geübt werden sollte, wie man sich als Blockade-Teilnehmer verhält, falls eine ganze Horde von Polizisten versuchen sollte, diese aufzulösen. Aufgerufen dazu hatte die Gruppe FelS (Für eine linke Strömung), Teil der Interventionistischen Linken, einem bundesweiten Netzwerk aus verschiedenen Gruppen, dass sich an der Gipfelmobilisierung beteiligt.

Beim G8-Gipfel, der vom sechsten bis zum achten Juni in Heiligendamm bei Rostock stattfinden wird, wollen sie mittels gewaltfreier Sitzblockaden die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm abschneiden und somit “praktisch delegitimieren”. Mehrere Organisationen haben sich unter dem gemeinsamen Label “Block G8″ zusammengeschlossen. Ihr Motto: “Bewegen. Blockieren. Bleiben.

Vor allem Menschen, die noch nie an Blockadeaktionen beteiligt waren, sollen zum Mitmachen ermutigt werden. Man distanziert sich offiziell gegenüber militanten G8 Gegnern, auch und insbesondere in Erinnerung an Genua 2001, wo die Gewalt eskalierte und ein jugendlicher Demonstrant durch die Kugel eines Polizisten starb.

Eine kostenlose und nützliche Schulung in zivilem Ungehorsam

Die Veranstaltung beginnt fast pünktlich am frühen Nachmittag. Eine schwüle Hitze liegt an diesem Samstag über der Stadt. Ein großes blaues Transparent definiert das Motto des Treffens: “Blockade-Training gegen den G8-Gipfel! 6.-8. Juni Heiligendamm”

Vielleicht 100 Menschen haben sich zusammengefunden. Eine Sprecherin stellt in kurzen Worten das Tagesprogramm vor. Alles wirkt noch ein wenig unbeholfen.

[youtube owlsUjavmdg]

Die Pressekonferenz findet etwa zweihundert Meter entfernt statt, auf dem Gehweg einer vielbefahrenen Hauptstraße. Überraschend viele Kamerateams sind anwesend, ZDF, ORF, RBB… – sie hängen mit ihren Mikrofonen begierig an den Lippen zweier Block G8-Sprecher. Fragen nach Sinn und Zweck der Veranstaltung werden routiniert beantwortet. Danach trottet der Troß der Kameraheiligen zurück zum Schlachtfeld im Park.

[youtube OqLZHyQKaIk]

Eine beliebte Verzögerungstaktik: Das deaskalative Streicheln

Nach ein paar Stunden hat sich die Zahl der Menschen auf einige hundert erhöht. In einer Diskussionspause werden die ersten Kamerateams unruhig, sie wollen endlich Bilder machen von der angekündigten Übung des Verteidigens einer Blockade. Zunächst aber demonstriert ein Sprecher die unterschiedlichen Möglichkeiten des Verhaltens bei Sitzblockaden. Eine kostenlose und nützliche Schulung in zivilem Ungehorsam also, um die TeilnehmerInnen auf eventuell auftretende Konflikte mit der Polizei vorzubereiten: Arme fest um die Knie verschränken oder sich einfach zurücklehnen und sein Körpergewicht schwer machen sind etwa Methoden der Verzögerung, um die Polizisten von der schnellen Räumung einer blockierten Zufahrtsstraße zu hindern. Noch eine weitere Taktik der Verzögerung gibt es: Das “deaskaltive Streicheln” (siehe Videoclip). Die an langen Teleskopstäben befestigten Pressemikrofone bilden sofort einen dichten Wald und kreuzen sich unter dem strahlend blauen Maihimmel. Das Medieninteresse ist groß, die Kameras werden beliefert mit kleinen Häppchen Blockadekultur- und insiderwissen.

Verletzungsgefahren werden angesprochen, wenn Polizisten mit ihren Schlagstöcken brutal die Armee ineinander verschränkter Arme aufhebelten. Gezeigt wird auch ein beliebter tückischer Griff an die Halsschlagader, der schnell zu Schmerzen und dadurch schließlich zur Aufgabe zwingen kann.

[youtube YpicmDcuWUI]

Vor Tränengas wird gewarnt und wie man sich davor schützen kann. Erstens: Lange Klamotten schützen deine Haut vor Tränengas. Zweitens:Trage keine Cremes oder Schminke auf, da sich das CN/CS vom Tränengas in den Fetten anreichert. Drittens: Was du mitnehmen solltest: Eine Schwimmbrille zum Schutz der Augen gegen Tränengas und Pfefferspray.

“SAMSTAGS FREI FÜR DIE POLIZEI!”

Dann endlich beginnt die eigentliche Blockade-Übung. Eine Gruppe spielt Sitzblockade, die andere Polizisten. Medienwirksam werden die Blockierenden weggetragen, einer nach dem anderen, unter simulierten Sprechchören: “HAUT AB; HAUT AB!” und “SAMSTAGS FREI FÜR DIE POLIZEI!”. Alle laufen durcheinander, organisiertes Chaos unter johlendem Beifall der Umstehenden. Ein wenig grotesk ist die Situation auch, denn dazwischen wuseln unzählige Kamera- und Tonleute herum, die mit dankbaren Mienen ihre Objektive auf das Geschehen richten. Endlich bekommen sie was sie wollen, die Anreise hat sich für sie gelohnt.

[youtube RQlevRSTM1g]

Danach kehrt Ruhe ein. Wir befragen Tim Laumeyer, Mitglied der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) und einer der Sprecher der Veranstaltung in einem kurzen Interview zu Absicht und Ambitionen des geplanten Unterfangens der Blockade…

[youtube BdbjKGJq9Fc]

Zur Bilderserie geht es hier: klick

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Weitere wichtige Tips, die man bei einem Ausflug nach Heiligendamm im Hinterkopf haben sollte (eine Auswahl):

“Überlege Dir statt deiner Kontaktlinsen lieber eine Brille zu tragen. Bei Tränengaseinsatz sind Kontaktlinsen ziemlich unpraktisch und nach Kontakt mit diesem meist nicht mehr zu verwenden.

Was du mitnehmen solltest:

Genügend Wasser, zum Trinken und Augen ausspülen (bei Tränengas- oder Pfefferspray-Einsatz)

Telefonkarte und Kleingeld, um die dir zustehenden Anrufe bei einer Festnahme zu machen.

Was du nicht mitnehmen solltest:

Jegliche Dinge, die persönliche Dinge über dich oder andere Menschen preisgeben (z.B. Adressbücher, Kalender usw.)

und nicht zuletzt:

Sei ausgeschlafen und körperlich fit, mäßige dich beim Feiern am Abend vorher und frühstücke gut.”

(Frank Herrmann/ Felix Kubach)

Kommentare

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  1. Ich find den Artikel echt interessant und vor allem wegen der journalistischen Distanz sehr gelungen. In den meisten Beiträgen zum Thema wird dagegen leider oft aus einer Überidentifizierung heraus einseitg berichtet. Gänzlich unabhängig, wie man zu solchen Vorbereitungen zivilen Widerstandes gegen neoliberale Finanzeliten steht – die Aufgabe von R.E. ist es aber gerade nicht, zum Forum für politische Polemik zu werden, sondern vorurteilsfreien Journalismus zu ermöglichen.