Jedes Land pflegt seinen Kapitalismus. Der deutsche Kapitalismus hingegen macht Deutschland allmählich zum Pflegefall. Etwas präziser gesagt, den deutschen Arbeiter.
Vor mir liegt ein nicht mehr ganz neuer SPİEGEL-Artikel mit dem Titel : Die wahre Unterschicht” (NR.14/2.4.07). Es beginnt in der Luftröhre zu klemmen, wenn man daraufhin ein neueres Deutschland-Bild zu entwerfen versucht. Die Eigendynamik überbemühter Gesetzesfindung droht dem paragraphensatten Blähballon Deutschland allmählich das Gas abzudrehen – Politiker im Schwitzkasten der Industrie, Gesetzeshack zugunsten der Fleischwolfmechanik von Wirtschaft und Staat, Arbeitnehmer entsaften rechtskastriert im Mehrschufte-Takt, und CEOs als gesetzlose Ruineure von gut gehenden Betrieben, als höchstbezahlte Gehaltsdiebe und somit Mit-Schöpfer des von Kurt Beck so genannten “Prekariats”.
Während die politischen Beschwichtigungs-Pfarrer das betrübliche Los der Unterschichtler gern wortreich ein- und absegnen, geben sie gleichzeitig ihrem Glauben Ausdruck, dass einer immer der Dumme sein müsse. Dass den deutschen Arbeitern infolge einer nimmersatten Gier von Top-Managern und Vorständen, Mega-Profit-Betrieben und wirtschaftsdevoten Politikern die Lebensbasis allmählich weg-atrophiert, scheint die Hochwürden-Clans keineswegs in Unruhe zu versetzen, vor allem auch nicht zum Denken oder Planen zu veranlassen. Die guten Konjunkturdaten haben jegliche Reformarbeit unnötig gemacht. Die Koalition freut sich mit der blühenden Wirtschaft, von der sie und ihr Weltruf profitieren.
Reform after Reform wurde angedreht, jeder autorisierte Quassel-Star erfand bereits eine “Mutter der Reformen”, Entwürfe wurden gepriesen und gelegentlich umgesetzt, nur um praxistreu zu demonstrieren, dass bei notorischer After-Planung der Schuss naturgemäß nach hinten losgehen will. Jede vermeintliche Reform trifft den Arbeiter erneut in der Substanz. Der deutsche Arbeiter blutet aus. Er hat Feinde im Staat, wo der Staatsfeind Staat&Wirtschaft heißt.
In zuversichtlicher Heiterkeit betreten die Regierungs-Pfarrer täglich ihre Kanzeln und spenden Trost, offensichtlich in Unkenntnis der Arbeits-, Abgabe- und Lohnbedingungen, mit welchen ein in Deutschland arbeitender Mensch Freundschaft schließen muss. Der Hamster-im-Rad-Rhythmus des arbeitenden Bevölkerungsteils beschleunigt sich, wenn wieder einmal die nationale Steuer- und Gehalts-Pfarre salbungsvoll tagt.
Deutschland hebelt seine eigene Basis aus
Ein Kranz von Experten zückt periodisch die Stifte, um dem bundesdeutschen Wulst von Gesetzen und steuerischen Gängelungstumoren ins Schmalz zu stechen, mit dem Ergebnis, dass der Knötchen mehr werden, wovon eigenartigerweise wieder nur die Wirtschaft profitiert. Wie geht das ? Dass man stets versucht, unten durch vermeintlich Gutes-Tun Abhilfe zu schaffen, während es oben großzügig in eines anderen Rachen rinnt ? Zwei inkompatible Organismen ? Der eine giert und schlingt, der andere kriegt dessen Prekärgut lohngeschmiert ? Deutschland hebelt seine eigene Basis aus.
Die arbeitenden Ernährer des gefräßigen Staatskörpers schlittern inzwischen von einer Lohn-Dauerdiät in eine Langzeit-Hungerkur, während sich die Gewinner im Akkord Steuer- und Abgabenentlasten lassen. Was nützen Streiks, wenn kein Gesetz der Welt der Globalisierungs-Grammatik mehr Vorschriften machen kann ? Weltwirtschaft ist unkontrollierbar (geworden), Gesetze sind in ihrer Dichte nicht mehr greifbar, Schutz gibt es nur für das einsturzsichere Glashaus, in welchem aparte Saugnäpfe ihren Stil pflegen. Vorstände, Politiker, Rentner, Pensionäre und Hartz IV-Empfänger sind Bestandteile des Körpers, den der deutsche Arbeiter zu ernähren hat, während er selbst in die Armut abdriftet. Von oben wird nicht einmal zugeschaut. Weil man ihn nicht mehr sehen kann, den Hackler der Vergeblichkeit.
Zeigt sich das Königshaupt eines CEO, wird im Betrieb geköpft. Kopfgeld für jeden Entlassenen. Für Massen-Entlassung wird prächtig bezahlt. Smartes Zerstören und gleichzeitig die Erfolge der Wirtschaft loben. Hinaustrompeten, wie gut man ist, wie gut es einem geht, wieviel man wert ist. Auf wessen Kosten ? Königsgehälter steigen in orgiastischer Schamlosigkeit, der Lohnzettel eines Arbeiters formt sich zum dünnen Feigenblatt. 40-Stunden Hundearbeit für läppische 700-800 Euro ? Eine Partitur der Contractors, Sub-Contractors und – nicht genug – Sub-Sub-Contractors, der gewitzten Entsafter der Arbeitskräfte. Sie rauben der Arbeit den Wert. Entwerter. Die Schaffner der Globalisierung.
Sklaverei – wie weit sind wir davon entfernt ?
Jean Ziegler, von den Giermeistern viel belächelter Provokateur, hat es einmal deutlicher ausgedrückt : “Der Traum jedes Kapitalisten ist die Mafia”. Ließe sich denn in unserem Wirtschafts-Großregelwerk überhaupt noch ein Unterschied zu Mafia-Methoden feststellen ?
Sklaverei – wie weit sind wir davon entfernt ? “Arbeitende Menschen ausquetschen bis auf die Knochen und ihnen möglichst nichts bezahlen”, lautet die oberste Sure im kapitalistischen Katechismus. Droht der Malocher zu krepieren, steckt Gott dahinter. Die Pfarrer der Partei-Diözesen spenden salbungsvoll die letzte Ölung. Die Tröster der Nation beim Zuschauen. Stirbt der Arbeiter (aus), dräut auch das Ende der Politik herauf. Wenn ein Staat nur mehr Fresser und Prasser ernährt, hat er ein Hunger-Problem. Hungerbekämpfung wäre somit die deutsche Agenda der Zukunft. Das Ende der Speckdrohnenschaft ?
@TheRealBook hat offenbar viele Gesichter und einen tief reichenden Hintergrund.
Diese Analyse jedenfalls trifft den Nagel auf den Kopf. Wir erleben in Deutschland eine schleichende Entrechtung ohne Ermächtigungsgesetz. Haben wir denn außer der dritten Gewalt noch eine Hoffnung?