“Angriff auf den Traum” – ein Interview

Hin und zurück, aber nicht nach Hause… Im Mai hat der Berliner Dokumentarfilmer Uli Stelzner während seiner Rundreise durch Zentralamerika Guatemala besucht und dort in Poptún seinen Film über die gefährliche Reise der Wirtschaftsflüchtlinge aus der Region in die USA „Angriff auf den Traum“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Interview, das

pokl.jpgHin und zurück, aber nicht nach Hause… Im Mai hat der Berliner Dokumentarfilmer Uli Stelzner während seiner Rundreise durch Zentralamerika Guatemala besucht und dort in Poptún seinen Film über die gefährliche Reise der Wirtschaftsflüchtlinge aus der Region in die USA „Angriff auf den Traum“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Interview, das bei dieser Gelegenheit entstand, erzählt der Regisseur, wie der Film auf die betroffenen Angehörigen der Migranten wirkt. Ebenso schlägt Uli Stelzner im Gespräch den Bogen zur derzeitigen politischen Szene in Deutschland, wo sein Filmvertrieb im Zuge der Sicherheitsassnahmen rund um das Treffen der G8 in Heiligendamm Ziel einer Polizeiaktion war.

j.m.: „Was bewegte Sie, Ihren letzten Dokumentarfilm „Angriff auf den Traum“ über die Migration aus Zentralamerika durch Mexiko in die USA von Guatemala aus zu drehen?“

u.s.: „Die letzen Filme habe ich auch in Guatemala gemacht. Es waren lange Filme, die alle mit der Geschichte dieses Landes zu tun hatten. Jedes der Projekte hat ungefähr vier Jahre gedauert. Alle waren, was das Geld, die Vorbereitungen und was die Recherchen betraf sehr aufwändig. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen müde und wollte nicht gleich wieder ein neues Projekt starten. Ich lebe ja seit einigen Jahren in Guatemala und irgendwann sah ich dann in einer Zeitung Fotos von relativ jungen Migranten, die auf einem Zug sitzen und durch Mexiko fahren. Das hat mich sofort interessiert. In meinem Umfeld in Guatemala Stadt hatte ich vermehrt Leute getroffen, die angesichts der Verhältnisse in Guatemala und über das, was nach dem Krieg in diesem Land passiert ist frustriert sind und resigniert haben. Dabei handelt es sich hauptsächlich um junge Leute die keine Chancen sehen, hier aus ihrem Leben etwas zu machen. Zum andern lebe ich selber seit einigen Jahren quasi eine Migration. Von daher hat mich das Thema auch interessiert. Ich habe dann relativ schnell erreicht, eine Filmförderung zu bekommen. Über eine Recherche-Förderung ist das Projekt dann gleich in die Produktion gemündet.

„Es ist ein sehr intimer Film“

j.m.: Viele, die den Film hier in Guatemala und in ganz Zentralamerika sehen, haben Angehörige, die in die USA emigriert sind. Können Sie beschreiben, wie sich die Zuschauer zu dem Film geäussert haben?

u.s.: Das Ganze ist ein Prozess. Der Film ist auf die Diskussion angelegt. Auf der einen Seite ist er eine Abbildung der Realität, auf der anderen Seite ist er inhaltlich so zugespitzt, dass er einfach eine Diskussion, auch eine politische Diskussion, auslöst. Das ist sozusagen das Ziel dieses Films. Er will nicht nur die Situation an der Grenze zeigen und die Realität abbilden, es soll auf alle Fälle auch darum gehen, dass die Migration vom Publikum einmal auf eine andere Art und Weise begriffen wird. Es ist ein sehr intimer Film, der Film ist sehr nah an den Migranten dran, und egal wo er gezeigt wurde, die Reaktion war insofern einhellig, dass die Leute sehr geschockt waren von dem was sie sahen. Es ist ein sehr harter Film. Obwohl das Thema der Migration eigentlich ein sehr aktuelles ist, jeden Tag wird dieses Thema in ganz Zentralamerika, in Mexiko und in den USA diskutiert, ist da bei den Leuten erstmal dieses schockiert sein.

Die Reaktionen auf emotionaler Ebene waren eigentlich in allen Ländern die gleichen, die politische Reaktion war jedoch von Land zu Land unterschiedlich. In El Salvador und in Nicaragua waren die Reaktionen sehr von Betroffenheit und auch Trauer geprägt, weil er dort von sehr vielen Leuten gesehen wurde, die Angehörige unterwegs haben von denen sie nicht wissen, ob sie in den USA angekommen sind oder ob sie überhaupt noch leben. Auf der anderen Seite zeigen sie auch eine Wut auf ihre eigenen Regierungen darüber, dass die nicht in der Lage sind, die Grundlage der Lebensnotwendigkeiten der Bevölkerung zu sichern, und die Leute einfach gezwungen sind diesen Weg, so hart der auch immer ist, auf sich zu nehmen. Wir haben während der Tour Flugblätter mit ganz konkreten Tipps darüber verteilt, wie man sich am Besten beim Grenzübertritt verhält, wie man die Polizei- und Militärkontrollen ausschalten kann, die sind weggegangen wie warme Semmeln. Das heisst also, die Leute haben den Film zwar gesehen, auf der anderen Seite lassen sie sich aber von dem was sie gesehen haben auch nicht abschrecken wegzugehen.

„Ihr könnt froh sei, dass ich überhaupt noch am Leben bin“

j.m.: Mir ist bei dem Film aufgefallen, dass viele der Migranten, auch wenn sie verhaftet und dann ausgewiesen werden, es trotzdem wieder und wieder versuchen, illegal in die USA zu reisen. Einer der Migranten erzählt da, er habe es schon dreizehn Mal versucht.

Uli1.jpg. u.s.: Also allein die Tatsache, dass die Leute, obwohl sie mehrere Versuche umsonst gemacht und mehrere tausend Kilometer hinter sich gebracht haben, deportiert wurden, Erniedringungen und teilweise körperliche Verletzungen erlitten haben, so oft diesen Versuch unternehmen, zeigt ganz deutlich, wie hart die Situation in den einzelnen Ländern ist. Die Leute sehen für sich keine andere Chance als auszuwandern. Auch wenn die Migration, wenn der Weg hart und gefährlich ist, sehen sie immer wieder eine individuelle Möglichkeit, dem Ganzen zu entkommen und es vielleicht doch zu schaffen. Das heisst, es ist Hoffung da. Diese Hoffnung steht im Gegensatz zur Hoffnungslosigkeit in den einzelen Ländern. Viele bleiben auf der Strecke, viele haben das Problem, dass sie nicht nach Hause zurück gehen wollen, weil sich in vielen Fällen die Familie verschuldet hat, damit sich Angehörige von ihnen überhaupt auf den Weg machen konnten. Dazu kommt natürlich der verletze Stolz, in den meisten Fällen der Männer, weil sie nicht mit leeren Händen nach Hause kommen wollen. Die Männer werden als diejenigen gesehen, die besonders viel erreichen müssen. Sie tragen die Verantwortung für ihre Familie, und wenn man mit leeren Händen, körperlich geschwächt, im schlimmsten Falle wenn sie vom Zug gefallen sind mit Amputationen, zurück muss, dann ist es natürlich ganz logisch, dass es schwer ist, nach Hause zurück zukommen.

In Tecum Uman [Grenzstadt in Guatemala zu Mexiko, A. d. A.], wo der Film gedreht wurde, da wo er anfängt und wo er aufhört, passierte mir Folgendes: Da war ein Nicaraguanischer Migrant, der nach dem Film zu mir gekommen ist und hat zu mir gesagt mit dem Film in der Hand könne er zurückkehren und gleich am nächsten Tag auch nach Hause fahren, weil der Film einfach zeigt, wie die Realität sei, dass es also kein Spass, kein Zuckerlecken sei, dass es für die Migranten nicht bedeute, sich eine schöne Zeit zu machen, und endlich ohne die Verantwortung für die Familie zu haben, drauf los leben zu können. Mit diesem Dokument in der Hand könne er endlich nach Hause zurückkehren um seiner Familie zu zeigen: „seht mal, so sieht das wirklich aus und ihr könnt alle froh sein, dass ich überhaupt noch am Leben bin.

„Wenn ich jetzt in Deutschland wäre, würde ich an den Protesten zum G8 teilnehmen.“

j.m.: Soweit über Ihren Film „Angriff auf dem Traum“. Im Juni findet in Heiligendamm der G8-Gipfel, das Treffen der Regierenden der Supermächte der Welt statt. Zu dem Anlass hat ein Berliner Kollektiv von Journalisten und Filmemachern, die „Globale 07“, ein kritisches Filmfestival organisiert, an dem Dein Film „Angriff auf den Traum“ auch gezeigt wurde. Wie stehst Du zum G8?

u.s.: Ich selber komme aus einer ganz konkreten politischen Arbeit. Ich war, als ich in Deutschland studiert habe, für zwei Jahre quasi berufsmässig im ASTA angestellt und habe in der Zeit Studentenpolitik, aber natürlich auch nationale Politik gemacht. Wir haben damals auf das Treffen des IWF in Berlin lange inhaltlich zugearbeitet. Wir haben dagegen mobilisiert, gegen die Mächtigen der Welt, die sozusagen das wirtschaftliche System leiten, koordinieren, kontrollieren, und ihre Positionen, ob wir das wollen oder nicht, ihre Interessen dem Rest der Welt aufdrücken. Die G8 sind sozusagen der Motor der formalen Wirtschaft, der Industriemächte. Was soll ich sagen, die Dinge haben sich was den Kreislauf der Waren und was die Zölle betrifft verändert. Und wenn ich das was heute passiert mit 1988, da war glaube ich in Berlin der IWF-Gipfel vergleiche, haben wir heute einen Internationalen Währungsfond der teilweise mit eigenen Studien zugibt, dass dessen Währungspolitik in den einzelnen Ländern gescheitert ist.

Dazu kommt natürlich die neoliberale Privatisierungspolitik, die inzwischen jede Ecke der Welt erfasst hat. Eigentlich steht man vor einem ökonomischen Desaster. Man spricht zwar noch von den Chancen der Globalisierung, sicher gibt es da einige. Letztendlich, und das könnte man jetzt an vielen Beispielen festmachen, hat es zwar eine Entwicklung gegeben, aber die Bresche zwischen Arm und Reich ist inzwischen immer grösser geworden. Im Moment liegt die Konzentration auf dem afrikanischen Kontinent, und da sieht man eigentlich, wie sehr und wo die Entwicklungspolitik und auch die Zoll- und die Finanzpolitik gescheitert sind. Insofern ist meine Position zum G8 eindeutig. Wenn ich im Moment in Deutschland wäre, würde ich an den Gegenveranstaltungen, an den Protesten gegen die G8 teilnehmen.

j.m.: Sind sie in Berlin von der Veranstaltung des G8 in Heiligendamm betroffen?

u.s.: Vor etwa zwei Wochen sind in Berlin Sondereinsatzkräfte der Polizei in vierzig verschiedene Objekte, Wohnungen und Arbeitsprojekte eingedrungen. Dort haben sie von einzelnen Initiativen die eine politische Arbeit machen die Festplatten kopiert. In unserem Falle ist es ein Filmvertrieb, der seit Jahren sozialpolitische Filme als DVD vertreibt. Die Polizei ist da nachts reingekommen und hat die Sachen mitgenommen. Sie nahmen nicht das ganze Filmarchiv mit, aber wie gesagt, die Festplatten mit den ganzen Daten, sowohl der einzelnen Filme, als auch der Kunden, also der Leute und der Gruppen die diese Filme in ihrer Arbeit benutzen. Nebenan, wir haben eine Wohngemeinschaft, da ist eine Initiative die haben ein Fotoarchiv aus der sozialen Bewegung in Berlin und machen gleichzeitig sehr intensive Arbeit mit Migranten in Deutschland. Deren Festplatten sind auch mitgenommen worden. Insofern sind wir von den sogenannten Präventivmassnahmen der Polizei schon direkt betroffen.

„Im November werde ich mit dem Film in den USA unterwegs sein.“

j.m.: Können Sie zum Abschluss noch etwas zu Ihren weiteren Plänen sagen?

u.s.: Jetzt steht noch die zehntägige Tour durch Honduras an, im Oktober-November werde ich mit dem Film genauso wie hier in Zentralamerika in den USA unterwegs sein. Da ist es politisch sehr wichtig, im Zuge der Diskussion um die Verschärfung der Migrationsgesetze den Film zu zeigen. Dieser Film birgt auch die Möglichkeit, die Grenzprobleme zwischen Mexiko und den USA sozusagen zu internationalisieren, das heisst eben aufzuzeigen, dass es nicht nur um diese Grenze geht, sondern auch um die Grenze im Süden von Mexiko zu Guatemala. Ich war mit dem Film schon eine Woche auf einem Filmfestival in den USA. Die Reaktion der Leute dort war insofern umwerfend, dass die meisten der US-Amerikaner, ob das jetzt nativ US-Citizen oder eingewanderte Lateinamerikaninnen und Lateinamerikaner waren, im Prinzip über diese Südgrenze gar nichts wissen. Es macht also sehr viel Sinn, zum Ende des Jahres den Film auch in den USA direkt zu zeigen, weil es da auch ein politisches Interesse daran gibt. Auch hat die lateinamerikanische Community sehr viel Bedarf an solchem Material, um sich selbst auch bemerkbar zu machen und um politisch argumentieren zu können.

Soweit die allernächsten Pläne. Was danach kommt? Es gibt eine Idee, über die neue amerikanische Linke, also zu den politischen Entwicklungen in Bolivien, Ecuador, Brasilien, Venezuela und zum Teil auch in Mexiko einen Film zu machen. Das heisst, das ist ein Projekt wo mehrere Länder involviert sein werden. Ein konkreteres Projekt ist, einen Film über ein Polizeiarchiv in Guatemala zu machen. Dieses Polizeiarchiv wurde vor eineinhalb Jahren entdeckt und ist im Prinzip der Schlüssel zu den gesamten Menschenrechtsverletzungen in dem Land.

j.m.: Herzlichen Dank für das Gespräch und ich wünsche viel Erfolg für die Zukunft.

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