Auswanderer: Die junge Generation flüchtet aus der Heimat

Die Zahlen klingen wie eine üble Überraschung: Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes verließen im Jahr 2006 insgesamt 639.000 Menschen die Bundesrepublik – ein neuer Rekord. Für die Autoren Marita Vollborn und Vlad Georgescu kommt die Entwicklung nicht von ungefähr. Sozialer Abbau, Angst vor der Zukunft und Perspektivlosigkeit angesichts einer

fliegenDie Zahlen klingen wie eine üble Überraschung: Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes verließen im Jahr 2006 insgesamt 639.000 Menschen die Bundesrepublik – ein neuer Rekord. Für die Autoren Marita Vollborn und Vlad Georgescu kommt die Entwicklung nicht von ungefähr.

Sozialer Abbau, Angst vor der Zukunft und Perspektivlosigkeit angesichts einer wenig überzeugenden Politik im Lande seien die Gründe für den Exodus – zudem gehe der angebliche Aufschwung an der großen Masse der Bevölkerung vorbei. Lesen Sie dazu bei Readers Edition einen exklusiven Buchauszug aus dem jüngsten Werk des Duos Vollborn/Georgescu, das im Gustav Lübbe Verlag unter dem Titel “Brennpunkt Deutschland – Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht” erschien.

Anno 2006 sind die typischen Auswanderer jung, gut ausgebildet, hoch motiviert und manchmal auch international erfahren. Zu ihnen zählen Akademiker ebenso wie Handwerker, Landwirte und Arbeiter. Gut die Hälfte ist im besten Rentenzahlalter – also zwischen achtzehn und vierzig Jahre alt.

Die Bedingungen erscheinen denkbar schlecht

Den Wunsch, der allgemeinen schlechten Stimmung im Land zu entgehen, hegen aber Schüler. Sie erleben den PISA-Schock als Versagen des dreigliedrigen Schulsystems, das die Kinder nach dem vierten Schuljahr auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen aufteilt, und so die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts reflektiert, die Ungleichheit vergrößert, ohne den Durchschnitt zu verbessern.

Und sie sehen, dass vieles im Argen liegt. Falls sie studieren wollen, erwarten sie überfüllte Hörsäle, von Etatkürzungen betroffene Arbeitsbereiche, eine mangelhafte Ausstattung, lange Anmeldelisten für Kurse und schließlich Dozenten, die keine Zeit für sie haben. Nicht besser sieht die Lage aus, wenn sie eine Lehre absolvieren wollen. Denn trotz der besseren Wirtschaftslage im Jahr 2006 meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA) noch 194 000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz – im Jahr zuvor waren es mit 183 000 deutlich weniger. Eine Trendwende, wie sie die Politik seit langem ankündigt, ist nicht in Sicht. Einer BA-Berechnung zufolge fehlen allein in diesem Jahr 31.000 Ausbildungsplätze, 28.300 Lehrstellen waren es 2005.

Dass es sich dabei um eine sehr verhaltene Bewertung handelt, machen andere Zahlen deutlich: Laut Gewerkschaften fehlen in Deutschland mehr als 279.000 Lehrstellen. Die Situation wird sich vermutlich auch nicht entschärfen, denn die erfolglosen Bewerber aus dem Vorjahr werden im Folgejahr erneut auf den Markt drängen. So ist verständlich, dass die Jungen, die ihr Leben noch vor sich haben, mit einem Wechsel ins Ausland liebäugeln.

Jeder siebte Absolvent ging ins Ausland

Noch vor Jahren waren es besonders Hochschulkräfte und Studenten, die es in die weite Welt zog. Immerhin jeder siebte Student, der hierzulande seine Promotion abschließt, geht in die Vereinigten Staaten, und 30 Prozent bleiben auf Dauer. Umfassendes weiß man allerdings nicht über die Migration der Hochqualifizierten – nur so viel: Die Datenquellen sind insgesamt nicht sehr ergiebig. Bisher hat sich die Wissenschaft nicht sonderlich für die Motivation der Auswanderungswilligen interessiert; auch gibt es keine Systematik, die deren Bildungsniveau erfasst.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in einer Erhebung festgestellt, dass in den USA rund 40 Prozent der Deutschstämmigen über einen weiterführenden Abschluss verfügen. 15 Prozent von ihnen sind in den neunziger Jahren zugewandert, in der Zeit also, als in Deutschland das erste Mal vom drohenden Braindrain, vom Akademiker-Exodus, die Rede war. Zwischen 1995 und 2000 waren es vier Prozent der deutschen Hochschulabgänger, die sich in die USA aufmachten und ebenso viele mit Promotion. Die Zahl deutscher Wissenschaftler in den USA, die als Deutschgebürtige, “Resident Aliens” oder Besitzer zeitlich begrenzter Visa im hochschul- und hochschulnahen Bereich tätig sind, bezifferte das U.S. Bureau of the Census, das amerikanische Pendant zum deutschen Mikrozensus, im Jahr 2004 auf 15- bis 20.000. Genau weiß das allerdings niemand, da es keine offiziellen An- oder Abmeldestatistiken oder Zu- und Abwanderungslisten gibt. Hinzu kommen etwa 7200 Deutsche im Bereich Science & Engineering, Ingenieure sowie Natur- und Wirtschaftswissenschaftler sowie Soziologen, berichtet die National Science Foundation (NSF). Das International Institute for Education (IIE) unternahm 2003 unter der Bezeichnung “Open Doors” eine Befragung und kam auf 4650 deutsche Forscher. Damit nahm Deutschland unter allen europäischen Ländern eine absolute Spitzenstellung ein und lag insgesamt hinter China (15.206), Korea (7286) Indien (6565) und Japan (5706) auf dem fünften Platz.

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Gustav Lübbe Verlags/ copyright: Gustav Lübbe Verlag

Marita Vollborn, Vlad Georgescu:
Brennpunkt Deutschland. Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht.
ISBN: 3-7857-2282-6

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  1. Wäre nicht mein Ruhestand bereits in Sichtweite, würde ich auch die Koffer packen, zumal ich in den 70er Jahren längere Zeit im Ausland gearbeitet habe und mit nichtdeutschen Gepflogenheiten gut zurecht komme. Heute würde ich aus finanziellen Gründen Deutschland verlassen. Denn Leistung lohnt sich nicht mehr in Deutschland. Zu viele Nicht-Leister hängen am Tropf der staatlichen Vollkasko-Versorgung. Entsprechend (ungerecht) hoch sind die Steuern und Abgaben. Ich gehöre noch einer Generation an, die das Wort Mehrwertsteuer gar nicht kannte. Heute zockt der Staat 19 Prozent ab. Dazu der unsägliche Soli, der längst abgeschafft gehört. Die im europaweiten Alleingang von Rot-Grün eingeführte Ökosteuer ist ein Unfug ersten Ranges.
    Die Abwanderung gut qualifizierter und hochmotivierter junger Leute wird sich noch verstärken. Deutschland bleibt dann auf den ganz Jungen und den Alten sowie auf den vielen Nicht-Leistern sitzen. Wer dann die Renten und die üppigen Beamtenpensionen zahlen wird, steht in den Sternen.
    Nicht nur Firmen können ins Ausland verlagern, auch qualifizierte Menschen können einem Staat Ade sagen, einem Staat, der offenbar unfähig ist, das Motto “Leistung muss sich lohnen” in die Tat umzusetzen.