Ruanda – Was kam nach dem Überleben?

Ich, Maria 30, öffne gerne mein Herz. Alle sollen meine Gedanken kennen, aber niemand soll wissen, wer so denkt, da meine Mutter total anders denkt. Ich kenne die Mörder meiner so innig geliebten Familie und trotzdem habe ich mich entschieden zu vergeben, es war sehr schwierig. Ich überlebte 1994 das

ruandaIch, Maria 30, öffne gerne mein Herz. Alle sollen meine Gedanken kennen, aber niemand soll wissen, wer so denkt, da meine Mutter total anders denkt. Ich kenne die Mörder meiner so innig geliebten Familie und trotzdem habe ich mich entschieden zu vergeben, es war sehr schwierig.

Ich überlebte 1994 das Gemetzel allerdings ohne Ehemann als Versorger der Familie. Mehrere meiner Kindern sind getötet worden oder verhungert. Ich hatte kein Haus in dem wir leben konnten. Als wenn das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, habe ich auf der ständigen Flucht den Verrat und die Entweihung unserer Kirchen gesehen. Als strenge Katholikin glaubte ich an den heiligsten Ort in jeder Kirche, das konnte ich danach nicht mehr glauben.
Die erste beste verlassene Hütte habe ich mit meinen Kindern nach der Rückkehr in unser Dorf belegt, ohne zu beachten, dass ich dadurch Claire als Nachbarin bekam. Ihr Mann war im Gefängnis wegen Teilnahme am Völkermord. Früher waren wir gute Nachbarn. Jetzt konnten wir uns nicht mehr in die Augen schauen. Ich fühlte mich verraten und Claire fühlte sich schuldig. Nach dem Tod meines Mannes flüchtete ich nach Burundi. Meine Erlebnisse auf der Flucht haben mich äußerlich schmutzig gemacht und innen lassen sie mein Herz bluten. Ich sehnte mich nur noch nach Ruhe, Frieden und Zusammengehörigkeit.

Einladung zu Gott

Die einzige Person, unser Pater, konnte das überhaupt schaffen. Alle glaubten an seine Sauberkeit. Der Pater half als erstes uns überlebenden Frauen. Wir hatten Glauben und Hoffnung an das Leben total verloren. Der Pater hat uns immer wieder zum Gebet eingeladen. Aber immer, wenn er uns überzeugen wollte, dass Gott uns noch liebt, musste ich an den Verrat der Kirche denken. Wir alle konnten nicht glauben, dass er wünschte, dass wir in die Kirchen zurückgehen sollten, die die Mörder zu Schlachthäusern gemacht hatten. Wir haben ihn einfach stehen gelassen. Die Geduld von unserem Pater hatte aber kein Ende. An einem Wochenende nach dem anderen versuchte er ein paar Leute in die Kirche zu locken. Bei einer Handvoll von Witwen hatte er Gott sei Dank Erfolg. Das war für mich der Anfang einer langen Reise. Am Ende sollte die Versöhnung im Dorf erreicht werden.

Härter wurde es, wenn sich Frauen und Kinder verdächtiger Täter und überlebende Frauen und Witwen und ihre Kindern im Dorf trafen. Nicht selten haben die Leitragenden mit Beleidigungen attackiert und aus Wut und Hass mit den Füßen gestampft. Der Pater hat geduldig weiter aus der Bibel vorgelesen und gebetet: Möge Bitterkeit, Zorn, Ärger, Gezänk und üble Nachrede von euch ferngehalten werden. Seid einander zugetan, weichherzig und vergebt euch gegenseitig. Mutig mischte der Pater in seine Gebete – Worte des Trostes. Er bat die Überlebenden z. B. in kleinen Gruppen zu diskutieren, was sie wünschten, das er für sie tun solle. Natürlich kamen wir zu keinem Ergebnis. Am ersten Tag der Zusammenkunft tauschten wir unsere Sorgen, Probleme und Erfahrungen aus und alles endete in Tränen. Für mich waren die Gespräche sehr entspannend.

Ausgestoßene mit Liebe empfangen

Der Pater führte für die Überlebenden regelmäßige Bibelstunden ein, die wir aktiv mitgestalten mussten. Es dauerte nicht lange, da baten die Frauen der Verdächtigen den Pater ebenfalls um solche Zusammenkünfte. Der Sinn war klar, die Ausgestoßenen wollten mit uns zusammen die Bibelstunden besuchen. Das war aber alles nicht so einfach. Wir waren total verwirrt und verstört als der Pater versuchte, unsere Runden zusammenzulegen. Für uns wenigen Überlebenden war klar, deren verdächtigte Ehemänner warteten nur darauf uns auszupeitschen und zu vergewaltigen. Wir waren sehr entmutigt, aber unser Pater bat uns, die Ausgestoßenen mit Liebe zu empfangen und neben uns einen Platz anzubieten. Das war unmöglich für uns Überlebenden. Keiner von uns konnte so etwas für möglich halten. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder mit diesen Frauen zusammenzusitzen oder gar zu sprechen. Doch die Geduld unseres Paters machte sich bezahlt und Gott wandelt auf geheimnisvollen Wegen.

Die Kinder waren schon trainiert

Es dauerte gar nicht lange, da brach in unserem Distrikt eine Hungersnot aus. Der Pater bat die überlebenden Frauen, die knappen Nahrungsmittel mit den Frauen der Verdächtigen, die Männer waren im Gefängnis, zu teilen. Wütend und aufgebracht, hätten wir den Pater beinahe in Stücke gerissen. Alle sahen wir ein erneutes Gemetzel zwischen den überlebenden Frauen und den Frauen der Verdächtigten ausbrechen. Wir hatten unsere Kinder schon trainiert, Steine auf diese garstigen Frauen zu werfen und sie als unsere Feinde betrachtet.
In diesem Durcheinander hielt unser Pater weiterhin die Bibelstunden und pumpte die christliche Lehre der Liebe uns förmlich ein. Wir sollten erkennen was geschehen war und niemals wieder geschehen durfte.
Und siehe da, die Dinge änderten sich sehr schnell. Wir begannen die Dinge positiver zu sehen. Wir fühlten, dass wir statt der Spannungen zwischen uns bessere Dinge pflegen konnten und am Ende siegte die Liebe. Ich bin seit langer Zeit wieder einmal glücklich und von einer schweren Last befreit.

Claire 40, die als Ausgestoßene jetzt von mir wieder beachtet und angenommen wird, geht es ebenso, obwohl ihr Ehemann noch im Gefängnis ist. In unserem ersten Gespräch nach 1994 hat sie mir klar gemacht, dass sie sich schuldig fühlt. Ihr Ehemann hat am Völkermord teilgenommen und sie hat niemanden gewarnt und auch keine Kinder in Schutz genommen.

“Oft musste ich alles fallen lassen und um mein Leben rennen.”

“Ich war in der Lage etwas zu tun, habe aber aus Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit nicht gehandelt. Ich weiß nicht, ob mein Bedauern ausreicht. Viele Leidtragende waren unsere Nachbarn und wir haben gut zusammen gelebt. Ich hätte zumindest einige Kinder retten können, aber ich war aufgehetzt und unwillig. Ich habe nie verstanden, warum ich nicht wenigstens den Kindern geholfen habe. Mein Ehemann ist sofort nach dem Krieg ins Gefängnis gekommen und damit war das Leben für mich genauso schwer wie für die Überlebenden. Es war unheimlich schwer, das Haus zu verlassen, für Nahrung zu sorgen und meinen Ehemann im Gefängnis zu versorgen. Die Kirche, die die überlebenden Frauen besuchten lag direkt neben dem Gefängnis. Immer, wenn ich dort vorbeikam, wurden Steine nach mir geschmissen. Oft musste ich alles fallen lassen und um mein Leben rennen.

Nach vielen Versuchen hat der Pater es geschafft, die verfeindeten Frauengruppen zusammenzubringen. In vielen Gesprächsrunden hörten wir zu und schütteten unsere Herzen aus. Wir entdeckten unsere Gemeinsamkeiten wieder und können heute gemeinsam über unsere Situation und die Geschehnisse sprechen und schreiben. Das ist alles eine große Hilfe.

Unter Anleitung der Kirche arbeiten wir heute Hand in Hand zum Vorteil unserer Familien und unserer Gemeinde. Wir helfen uns heute gegenseitig im Ackerbau und erreichen Überschüsse für den Markt. Ich habe Nähen gelernt und vom Pater eine Nähmaschine bekommen. Unsere Frauen-Kooperative hat einen Minibus gespendet bekommen und betreibt damit erfolgreich einen Taxi-Dienst. Die Einkommen werden auf der Microfinance Bank deponiert. Verwendung finden sie für den Gesundheitsdienst, die Schulgebühren und die Weiterentwicklung.

Die Frauen, die früher Steine nach mir geschmissen haben, helfen mir heute bei der Versorgung meines Ehemannes im Gefängnis.
Ich habe erfahren, wenn ich Verantwortung übernehme und dann um Vergebung bitte, dann wird sie mir auch gewährt. Ich gestehe mein Fehlverhalten ein und erkenne, dass mein Ehemann ein Ungeheuer gewesen ist.

Nun leben wir in Frieden, indem Hass in Liebe und Feinde in Freunde umgewandelt wurden mit der Hilfe unseres Paters.”

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