Bühne frei für Hugo

Nirgends knallen die Farben so prächtig wie in Venezuela, wenn Präsident Hugo Chávez, stets bestens gelaunt, über die nationalen Bildschirme fegt. Er hat letztens geschafft, wovon jeder passionierte Darsteller heimlich oder unheimlich träumt: Bildschirme, Bühnen und Mikrophone gehören ihm. Ihm allein. Mit der Abschaltung des ältesten Fernseh-Senders des Landes hat

hugoNirgends knallen die Farben so prächtig wie in Venezuela, wenn Präsident Hugo Chávez, stets bestens gelaunt, über die nationalen Bildschirme fegt. Er hat letztens geschafft, wovon jeder passionierte Darsteller heimlich oder unheimlich träumt: Bildschirme, Bühnen und Mikrophone gehören ihm. Ihm allein. Mit der Abschaltung des ältesten Fernseh-Senders des Landes hat Hugo neulich seine Entertainment-Ambitionen allerdings etwas überzogen. Nicht gerechnet hat er mit der Vehemenz landesweiter Proteste, die ihm Abschaffung der Meinungspluralität vorwerfen. Venezuela tobt. Nicht im Samba-Taumel, sondern heute in Anti-Hugo-Rage. So nicht, feister Mann! Andere wollen auch eine Meinung haben (dürfen)!

Hugo hat Programm… und mächtige Freunde

Welche Meinung? Die Meinung der Meinungspluralisten kann der Präsident derzeit nicht gebrauchen, zu Großes schwebt ihm vor. Hugo Chavez ist ein Hoffnungsträger, ohne Zweifel. An Zivilcourage kaum zu überbieten, geht er furchtlos in Frontstellung gegen den “Patron der Welt”, die Vereinigten Staaten und deren Hegemonialbestrebungen, gelungen personalisiert von George W. Bush, dessen Gegner zu sein heute allgemein unendliche Popularität genießt. Es gehört fast zum guten politischen Ton.

Dass verbal-theatralischer Anti-Amerikanismus allein nicht als politisches Programm herhalten würde können, darüber braucht sich Hugo Chavez keine Sorgen zu machen. Hugo hat Programm: Verstaatlichung der Ölindustrieen, Venezuela als Antipode zur neoliberalen Ökonomie, sozio-politische, wirtschaftliche und humanitäre Aufwertung der Unterschichten, Sozialprogramme von kaum erreichter Großzügigkeit und Umsicht (freier Zahnarzt!), politische und wirtschaftliche Stärkung des lateinamerikanischen Kontinents und seiner linken Kräfte. Eine mächtige Agenda.

Hugo hat Freunde. Raffael Correa und Daniel Ortega, die beiden 2006 neugewählten Präsidenten Ecuadors und Nicaraguas, sowie Evo Morales, Präsident Boliviens, der den US-Amerikanischen Kapitalismus als den “schlimmsten Feind der Menschheit” bezeichnete, darüber hinaus unterhält Chavez freundschaftliche Beziehungen zum wiedergewählten liberalen Präsidenten Brasiliens, Lula da Silva und genießt weltweit Sympathien und Verehrerschaft. Genug, um Visionen von einer hemisphärischen Einigkeit zu nähren?

Hugo triumphiert!

Die Popularität G. Bushs mutiert weltweit zum Sinkbegriff, unglücklicherweise erst recht daheim im Bush-Land, während die Ikone Hugos dramatisch an Wert und Aufmachung steigt. Misserfolge amerikanischer Außenpolitik, derzufolge sämtliche auswärtigen militärischen Großoperationen zu “missons impossible” degenerieren, amerikanischer Pfusch, der zu oft irreparable Schäden und Ausweglosigkeit hinterlässt – eine Nation reduziert sich auf Stärke. Hugo triumphiert.

Es ist unmissverständlich Wesensart der Politik geworden, den Kontakt zur Bevölkerung zu ignorieren, die Augen hybrid zu schließen und die Ohren taub zu stellen gegenüber dem Herzschlag der Basis. Das prostitutive Charakterwesen globalen Wirtschaftens kennt kein Volk. An dieser Formel wird dieses Modell auch einst zerbrechen. Hugo tickt anders. Seine außenpolitischen Allianzen lehren den kapitalistischen Westen allmählich das Grauen: Ahmadi-Nedjad, mit dem er die “VenIran”- Joint Venture eingefädelt hat, intensive diplomatische Verbindungen mit Syrien, China, Russland und Weißrussland – alles eher schlimme Buben im Verzeichnis der Definitionsmacht über Gut und Böse.

Darüber kocht Hugo daheim eine scharfe rhetorische Suppe, deren Duft streng in die Nasen der ungeliebten Imperialisten dringen soll. Lässt man Hugo Chavez gewähren? Wie lange? Des Spektakelns nicht müde, hat sich der Präsident eine Ein-Mann-Show ausgedacht, in welcher er wort- und körpergewichtig auftritt. Gestenreich malt er den Feind, verarscht ihn gekonnt, und witzelt die mächtigsten Gestalten zu müden Hamplern nieder. Gegnerschaft ist Hugos Hauptrolle, eine Performance, wie man sie lange nicht erlebt hat, zumindest nicht als fidele Staatskunst.

Die Operette lässt grüßen….

Droht der “Sozialismus des 21. Jahrhunderts”, wie ihn Präsident Chavez einst propagierte, zu einer “Brot-und-Spiele”-Show zu verkommen? Die verarmten Massen Venezuelas und vieler anderer lateinamerikanischer Länder erleben wiederum einen Präsidenten, der sich tatsächlich mit Wort und Tat für sie einsetzt, Reformen durchboxt und mit seinen Ankündigungen Ernst macht, je feixender er den Großmächtigen das Bein stellt. Hugo Chavez ist in vielen Belangen beispielgebend für den Kontinent. Im Vergleich mit ihm verdorren die Konturen der in ihrer Visionslosigkeit erstarrten Politiker und vergilben zu Aliens, von denen man sich zuweilen fragen will: Was tun die hier (auf der Welt)?

Läutet Hugo mit seinen dröhnenden Dramen eine Ära ein, die das Ende der Politiker-Agonie ankündigt? Oder gar den Bruch der Symbiose von Politik und Wirtschaft? Vermag Hugo Chavez das Supremat der Politik über die Wirtschaft wieder herzustellen? Treiben wir nicht global in einer fatalen Schwemme, seit die Politik gegenüber der Wirtschaft verstummt ist?

Wenn Hugo laut ist, hören das viele nicht gern.

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