Folgen der neoliberalen Globalisierung durch G8: Eine Serie zum Gipfel – Teil 2: Globalslang für das Weltvolk: Medien und Sprache
Die Sprache hat gegenüber den Bildern an Terrain verloren, da diese bei der Rezeption keinen Intellekt benötigen. Fotos werden per Computer aufgedonnert. Graphiken suchen mit farbigen Pfeilen, Sockeln und Symbolen jedes Thema zu vereinfachen. Der Text ist zum Stiefkind geworden im Meer der Lifestyle-Magazine. Es wird ihm nicht viel Raum und Aufmerksamkeit gewidmet, denn das Bunte ist recht dick geworden.
Die Journale blähen sich mit geschwollener Reklame auf. Bevor man diese adipösen Blätter aufschlägt, muss man erst einmal die Beilagen herausfischen und wegwerfen, was wenig nützt, da die Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben worden ist. Semantisches Geröll bricht aus diesen Heften, um sich als Reklame zu enthüllen. Unverdossen schleppen Ausziehgirls die absolut blödesten Bildtexte über die Seiten. In dem gedruckten Sondermüll dieser Blätter werden in einem ständigen Kreislauf die Flatulenzen der Society beschrieben.
Lawinen aus Schlagzeilen, Kolumnen, Fotos und Balkenlettern sagen nichts und müssen doch etwas bedeuten: “Plötzlich Prinzessin?… Stars ungeschminkt… Stars Backstage…. Stars Hautnah… Stars weltweit… Superstar und Steppenwolf….Stars ungeschminkt… Coverstory-Menschen……Hollywood Inside… Leben in der Traumfabrik…. Models mag man eben…. Ihr Beruf: Ausziehen und nicht zuviel zu zeigen… Steil nach oben…. Schaun’ Sie sich das an… Junge Talente…. Superboys… Szene-Insider…..Filme machen Mode… Be Delicious in der Genuss-Region….”
Kritische Analysen fehlen
Globale Player haben über unzählige Instrumente und Kanäle eine sublime Kontrolle über die Mehrheit der Menschen gewonnen. Ein Industrie der Ablenkung summt. Und weich wie Samt greifen die Gelenke ineinander. Von überall her zoomt man auf die Schamhaarzone und weg von den Problemen.
Es fehlen die kritische Analysen. Mir fehlt ein Herbert Marcuse 2000. An die Stelle von Buchhandlungen sind großteils Multimediageschäfte getreten, die hauptsächlich Computerzeugs, Kassetten und Scheiben anbieten: Harry Potter statt Che Guevara! Auf großen Plakaten werden die Bestseller der Woche genannt, damit der darwinistische Wettbewerb auch diese Räumen beherrschen kann. Aus der ungeheuren Menge der Thriller, Mysteries, Sexstories und der historische Romane muss unbedingt einer der “beste” sein, doch das Meistgekaufte muss nicht das Meistgelesene sein.
Doch soll auch hier die große Täuschung gelingen, dass an allen Ecken, Enden und bis zum Seitenrand Kampf und Wettbewerb vorherrschen. Man hat auch die wichtigsten Intellektuellen der Welt einem Ranking unterworfen, wiewohl sich die Opfer mit dem Atheistenführer Richard Dawkins an der Spitze energisch gewehrt haben.
Das heilige Blabla über die Vorzüge der Gegenwart soll auch die Erinnerung daran auslöschen, dass im Jahr 1968 vieles anders gewesen war. Damals wurden Entwürfe zu einer besseren Gesellschaft vorgelegt. Damals war eine Lawine kritischer Schriften niedergegangen: Wir diskutieren, also sind wir, hieß es. Nun aber schweigen die kritischen Köpfe, da es sie nicht mehr gibt oder weil sie im Lärm des affirmativen Brimboriums untergegangen sind. Und oft durchwandere ich die Ebenen des Internets mit eine dringenden Frage, auf die mir aber keine Antwort erscheint. Mit der Globalisierung schwillt der Lärm der Bejahung an. Das Auseinanderklaffen oder die asynchrone Dialektik etabliert sich als ein Grundgesetz der G
8-Gesellschaft: Es ist alles nicht so, wie sie sagen in Heiligendamm.
Alles ruft nach Kontrolle
Jeder Fortschritt hat in seinem Schleppnetz oft einen viel größeren Rückschritt. Die Mobilität ist nur ein Segen bei genauer Kontrolle. Dass Kartoffeln aus Polen nach Italien zur Schälung und dann nach Deutschland zum Verzehr gebracht werden, ist sinnlose Mobilität, die nur dem Kapital höhere Profite bringt. Alles vom Handy bis zur Migration ruft nach Kontrolle, statt dessen wird die Deregulierung zum Gebot der Stunde. Alles muss privatisiert, muss outgesourct werden. Immer mehr Arbeit wird den Vampiren der Job-Agenturen überlassen. Bald haben auch die Regierungen jede lästige Arbeit outgesourct, um sich umso inniger auf Gipfelfeste wie in Heiligendamm konzentrieren zu können.
Das, was auch in Heiligendamm als große Errungenschaft gepriesen wird, gibt es in der Realität oft gar nicht. Ein Strom von Phrasen fließt aus Mündern in Mikrophone. Abgründe gähnen zwischen dem, was behauptet wird, und dem, was wirklich ist. Von einem Zeitalter der Kommunikation und dem verstärkten Austausch zwischen Individuen wird überall geplappert und geredet. In Wirklichkeit werden überall über diese Neonetze großteils Sprachpornos, Urlaute und Affendeutsch ausgetauscht. Diese Gesellschaft kann nur sein, wenn sie sich durch Lärm und Geschwätz kundtut. Mobiltelefon, Walkman, Reklametöne, Einheitsmusik und allgemeines Blabla sind überall und immer zu hören. Es ist auch, als wolle die Sprache mit der Globalisierung dem Deutschen ausweichen: “Passen Sie zu unserer In-Group? Practical Experience im Total Quality-Management oder Business Re-Engineering haben unsere Senior-Berater/Innen als externe Consultants oder in einem In-House-Team erworben.”
Alles klar? Die Substantivierung erschlägt die große Kraft des richtig eingesetzten Zeitwortes. “Ich muss meine Denke ändern!” Das wohl auch, damit aus der Schreibe keine Verarsche wird. Die deutsche Sprache wird gedemütigt: “In hippen Diskonächten strippen Sekretärinnen im Hip-hop-Sound. Die Szene dreht komplett durch. Nun wird viel Stoff abgetanzt. Die Zeiten der Coolness und der Hightech-Tempel sind vorbei. Die Generation X will wieder fummeln, reden und sich den Urschrei um die Ohren blasen. In der Bar abseits des Infernos schüttelt Mixer Pablo interessante Drinks. Artbrut-Künstler Kafri winkt mit einer orientalischen Nacht samt One-night-stands. Die Teeniefraktion und die Cottage-Partie finden ihresgleichen, während die gelassenen Vertreter des neuen Kapitalismus in ihren ganz persönlichen Outfits erschienen sind… Es scheint, als ob dem eingedampften Weltvolk ein globaler Slang eingeübt werden soll.
Schade, schade, schade! Einmal mehr die Chance verpaßt, objektiv Stellung zu beziehen. Außerdem hätte der Autor fairerweise erwähnen sollen, dass der Begriff “Sozialdarwinismus” nichts mit dem ehrenwerten und weltweit anerkannten Wissenschaftler Charles Darwin zu tun hat.