Es ist windig und frisch in Kühlungsborn, rau schäumt die Brandung an die Mauer um den kleinen Hafen vor der Promenade. Marineschiffe patrouillieren entlang der Sicherheitszone vor dem Hotel Kempinski. Weiß schimmert das Gebäude in einigen Kilometer Entfernung. Touristen spazieren mit ihren Kindern zwischen Restaurants, Strandkörben und Eisdiele. An jeder zweiten Ecke stehen Polizeikräfte in grünen Uniformen, vor der Strandmeile werden die letzten Vorbereitungen am internationalen Pressezentrum getroffen. Die großen deutschen Fernsehanstalten haben längst ihre eigenen Camps aufgeschlagen, sind angereist mit großen Lastwagen und Zelten, montieren die letzten Kameras an der Promenade.
Ein Ort in Wartestellung. Von den Krawallen in Rostock ist hier nichts zu spüren. Das Camp der Gipfelgegner in Reddelich sei nicht weit entfernt, erzählt ein junger Polizist aus Niedersachsen, und mit dem Fahrrad sei man auch schnell in Kühlungsborn. Doch die weiten Felder und die große Zahl an Sicherheitskräften bieten den Polizisten einen guten Überblick über die nähere Umgebung. Auf allen Feldwegen, um den Zaun, in den Wäldern und Zufahrtstraßen patrouillieren Einsatzfahrzeuge. Das kleine Ostseebad erinnert an eine Festung. Der abgelegene Ort wirkt bizarr in der gemütlichen Ruhe. Gemächlich schlendern einzelne Polizisten zur Eisdiele neben dem Piratengrill, bestellen echtes dänisches Softeis und freuen sich über die Extraportion Schokostreusel.
Die Bewegungsfreiheit ist begrenzt
Kühlungsborn wird in den Tagen des Gipfeltreffens zum internationalen Sammelpunkt der Pressevertreter. Fast 5000 Journalisten aus aller Welt haben sich für die Gesprächsrunde der acht mächtigsten Industrienationen im Nachbarort Heiligendamm angemeldet. Viel zu groß für den Erholungsort und seltsam künstlich wirkt das Pressezentrum mit den nagelneuen Stahlpfosten und dem Sicherheitszaun. Aus diesem Gebäude werden in den nächsten Tagen die Medien der Welt mit Nachrichten und Eindrücken der Großveranstaltung versorgt. Die Spannung liegt spürbar in der Luft, Polizisten in Ausrüstung und Zivil kontrollieren die öffentlichen Plätze, die Zufahrtstraßen und den Strand, denn der Zaun ist nah. Keine fünf Kilometer entfernt symbolisiert das grüne Ungeheuer rund um das Hotel Kempinski, mit Stacheldraht verziert, die Sicherheitsvorkehrungen, die Abschottung der Mächtigen vom Rest der Welt, die Sonderstellung der Staats- und Regierungschefs der G8.
Für Journalisten ist Kühlungsborn gleichzeitig die einzige Zugangsmöglichkeit hinter den Zaun. Pfeifend und rauchend kündigt sich „Molli“ an, die Dampfeisenbahn, die seit 1886 Badegäste zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan transportiert. Hinter einem ausgiebigen Sicherheitscheck mit doppelter Ausweiskontrolle, Abtastung auf Schmauch-, Rauschgift- und Sprengstoffspuren, erwartet den Berichterstatter ein eigens angelegter Miniaturbahnhof. Einmal stündlich verlässt der Zug das Ostseebad in Richtung Heiligendamm. Die Gleise sind mit Stacheldraht gesichert, von Einsatzkräften bewacht. Ratternd und wackelig setzt sich die Bahn in Bewegung, nimmt langsam Geschwindigkeit auf, stößt weißgrauen Dampf in die Luft und verabschiedet sich mit lautem Pfeifen von winkenden Touristen. 15 Minuten dauert die Fahrt, vorbei an Feldern, Sandwegen, von Polizeiwagen und Wasserwerfern kontrollierten Parkplätzen. Ohne die Bewegung zu verlangsamen passieren wir den Zaun. Videokameras, wieder Polizei und wieder ein lautes Pfeifen zur Begrüßung der bekannten Gesichter. Durch dichte Buchenwälder führen die Gleise den „Molli“ zum Bahnhof Heiligendamm. Ein schneeweißes Gebäude, mit goldenem Schriftzug auf blauem Grund begrüßt es die Gäste der Medienlandschaft.
Ein Nachmittag in Heiligendamm. Die Bewegungsfreiheit in der gelben Zone ist begrenzt. Einmal um das Bahnhofsgebäude herum, 20 Meter die Gleise hinunter und kreuz und quer durch das Briefingzentrum. Alte Holzzäune versperren den Weg zu Tagungsgebäuden, grüne Drahtzäune und Polizeikontrollen blockieren den Zugang zum Hotel Kempinski, Bauzäune hindern die Journalisten am Zugang zu den Wohnhäusern. Hinter dichten Baumgruppen sind die Umrisse der weißen Stadt am Meer zu erkennen. Das älteste deutsche Seebad, 1793 von Großherzog Friedrich Franz I. gegründet, verwandelt sich von Mittwoch bis Freitag zum Epizentrum der internationalen Berichterstattung.
Abgeschottet von Sicherheitskräften verhandeln die Vertreter der acht mächtigsten Industrienationen über sieben Themenblöcke – den globalen Wirtschaftsaufschwung, weltweite Innovationen, grenzüberschreitende Investitionen, die soziale Gestaltung der Globalisierung, Klimaschutz, die Liberalisierung des Welthandels und schließlich über die Zukunft des afrikanischen Kontinents. Von dem zu erwartenden Medienrummel ist an diesem Tag noch nichts zu spüren. In kleinen Gruppen werden die Vorbereitungen für die Eröffnung des Gipfels im Inneren des Briefingzentrums getroffen. Fernsehteams installieren ihre Kameraausrüstung, in Reih und Glied werden die Stühle vor leeren Podesten in den Räumen der Pressekonferenzen postiert, Handwerker verlegen die letzten Teppichstücke, Fensterputzer polieren die Glasfassade auf Hochglanz. Vor den Toren des Pressehauses wartet die grüne Zone, nur zugänglich für Mitglieder der Delegationen und auserwählte Pressevertreter. Eine Metalltreppe am Seitenflügel des Gebäudes ermöglicht einen Blick über einen kleinen Ausschnitt des unbekannten Bereiches – wieder Polizei, wieder Zäune, wieder kaum Betrieb.
Spannung liegt in der Luft, die See rauscht hörbar, der Wind streift durch den Buchenwald und „Molli“ kündigt mit schrillem Pfeifen, glucksenden und dampfenden Kesseln die Rückfahrt an. Mit beiden Armen kurbelt die Schaffnerin die Schranke hoch, eine altmodische und irgendwie passende Vorbereitungsprozedur.
Mit wallenden grauen Haaren wartet der Lokführer auf die handvoll Journalisten und Sicherheitskräfte, die für heute den Rückweg nach Kühlungsborn antreten. Die Dampfwolken werden dichter, und „Molli“ setzt sich in Bewegung. Mit einem Pfiff aus der silbernen Trillerpfeife verabschiedet uns die Bahnhofsvorsteherin, senkt die Kelle und winkt uns hinterher.
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