Nehm se’n Alten…

Der CDU-Politiker Heiner Geißler ist in diesen Tagen vor den Fernsehkameras der Republik ein viel gefragter Studiogast. Erst recht, seit der hochgescheite Politiker im Unruhestand dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten ist. Letzerer Schritt lässt – was einen nun keinesfalls wunder nimmt – so manch einen die Nase rümpfen. Vor allem

heinerDer CDU-Politiker Heiner Geißler ist in diesen Tagen vor den Fernsehkameras der Republik ein viel gefragter Studiogast. Erst recht, seit der hochgescheite Politiker im Unruhestand dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten ist. Letzerer Schritt lässt – was einen nun keinesfalls wunder nimmt – so manch einen die Nase rümpfen. Vor allem in seiner eigenen Partei und den ihr nahe stehenden Medien kommt er damit und darüberhinaus mit seiner treffsicheren kritischen Analyse betreffs des für die nahe Zukunft äußerst gefährlichen Holzweges, auf welchem unsere kapitalistischen Gesellschaften derzeit wandeln, naturgemäß gar nicht gut an.

So wetterte die WELT ONLINE denn auch im Sinne der von ihr ins Auge gefassten und stets brav vertretenen Klientel am sechsten Juni über den Globalisierungskritiker: “Wie Heiner Geißler im Alter unweise wurde”. Und die verlängerten Schreibfedern des globalen Kapitals waren sich, wenn es darum ging, dem CDU-”Dissidenten” Geißler ordentlich eins mitzugeben, nicht einmal zu schade, sich der Worte eines ehrenhaften großen SPD-Mannes – dessen Freund DIE WELT einst ganz bestimmt nicht war – nämlich Willy Brandts zu bedienen. Dieser nämlich hatte über den einstigen CDU-Generalsekretär früher einmal vor laufenden Fernsehkameras überhitzt geschimpft: “Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in unserem Land.

In der Tat hatte Geißler damals einen unschönen Ausfall gehabt. Und Brandt reagierte darauf. Dieser allerdings geschah seinerseits wiederum als Replik auf eine Äußerung eines Grünen-Politikers und war teils verzerrt bzw. verkürzt wiedergegeben worden. Man hatte sich gegenseitig unschön hochgeschaukelt. Und die Presse tat das ihre, um das Ganze aufzuheizen…

Ist unser Wirtschaftssystem überholt?

Heute nun geifert WELT ONLINE, Geißler kämpfe inzwischen gegen “die Dominaz der Finanzmärkte in der Globalisierung” und behaupte, unser Wirtschaftssystem, das all die sozialen Leistungen, die er einst als Politiker einführte, überhaupt erst möglich machte sei überholt. Und, kritisiert WELT ONLINE, ‘Der Kapitalismus sei, da “keine Werte jenseits von Angebot und Nachfrage” (Geißler) kenne, genauso falsch wie der Kommunismus.’ Klar, solche Worte sind in den Ohren der Profiteure der gegenwärtigen neoliberalen Globalsierung freilich der reinste Frevel!

So wie auch den vergreisten SED-Betonköpfen im Ost-Berliner Zentralkomittee der Partei kritische Worte am Zustand des Sozialismus in der DDR bis 1989 als der reinste Frevel galten. Denn man muss in solchen Fällen auf der Hut sein! Schließlich kann derartige auf den Punkt treffende Kritik rasch das System in Gefahr bringen! Wobei hier beileibe nicht beide Systeme gleichgesetzt werden sollen. Schon, weil die jeweiligen Reaktionen auf solche Kritiken völlig andere waren bzw. (noch?) sind. Doch in Teilen möchte man aufmerken: Wie sich die Bilder gleichen!

Eine andere Welt wäre möglich!

Nein, unweise, wie WELT ONLINE den altersklugen Globalisierungskritiker gerne hinstellen (diffamieren) will, ist der politisch hellwache Heiner Geißler wirklich nicht. Das Gegenteil ist der Fall! Hätten wir Politiker von der Weisheit Heiner Geißlers in den Regierungen unserer westlichen Welt – der Erdball sähe anders aus. Im Sinne Attacs: Eine andere Welt wäre möglich. Nur: Die Zeiten sind nicht so. Allerdings lässt sich längst auch nicht mehr jeder (WELT)-Leser ein X für ein U vormachen. So bezeichnet denn auch Leserin oder Leser T. Luhmann den WELT-ONLINE – Artikel als unredlich. Weil in ihm Geißler geziehen wird, nur Kritik zu üben, aber keine Lösungsvorschläge zu machen. Und verwies darauf, dass WELT ONLINE offenbar aus einen Artikel Geißlers in der ZEIT zitiere, dabei aber Wesentliches verschweige.

Geißler schreibt dort nämlich: “Menschen weismachen wollen, man könne auf die Dauer Solidarität und Partnerschaft in einer Gesellschaft aufs Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis bezahlen zu müssen. Warum wird tabuisiert und totgeschwiegen, dass es eine Alternative gibt zum jetzigen Wirtschaftssystem: eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit geordnetem Wettbewerb?”

“Oskar Lafontaine der CDU”?

Auch am Freitag in der Talkshow 3 nach 9 musste sich Heiner Geißler wieder Nachfragen mit spöttischem Unterton gefallen lassen. In der Richtung etwa: Wie er sich fühle, wenn er etwa als “Oskar Lafontaine der CDU” bezeichnet würde. Geißler aber ist alt – und weise! – genug, um sich von so etwas nicht aus der Ruhe bringen bzw. gar provozieren zu lassen. Ruhig und schmunzelnd gab Heiner Geißler zu verstehen, dass er erstens ja kein Sozialdemokrat sei, auch nicht immer mit Oskar Lafontaine in allem übereinstimme, diesen aber für den klügsten Politiker – der vernünftige Vorschläge mache – halte, den die SPD in letzter Zeit in ihren Reihen gehabt habe, und dass die SPD einen großen Fehler machte, indem sie Lafontaine gehen ließ und Schröder behielt.

Wetten, dass Heiner Geißler damit wieder jede Menge Staub aufwirbelte? Da kam eben wieder einmal der Extremsportler in ihm durch. Recht so. Solche Leute braucht das Land. Unsere verkommene Zeit. Direkt möchte man unserer derzeitigen politischen Führungsriege auf kleinstem gemeinsamen Nenner und niedrigstem Niveau frei nach einem bis heute Geltung besitzendem Otto-Reutter-Couplet zurufen:
Nehm se’n Alten!

Mit dem derzeitigen Turbo-Raubtierkapitalismus ist es im Grunde wie mit der Klimakatastrophe: Beidem muss Einhalt geboten werden. Zu unser aller Wohl. Auch dem der Kapitalisten selbst.

Kluge Mahner, wie Heiner Geißler – der nun wahrlich kein Kommunist ist – zu diffamieren, nur weil er unbequeme Wahrheiten ausspricht, ist äußerst unweise.

Kommentare

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  1. Guter Artikel, nur wage ich zu bezweifeln das die Neoliberalen sich in die Suppe spucken lassen. Zudem kommt das als Ablenkungsmanöver der CO2 Quatsch ins Leben gerufen wurde um den Normalbürger zu verwirren, was auch gut funktioniert wie man hier des öfteren liest. Das ist nämlich auch nur Abzocke und nichts anderes.