Ein falscher Hauch von 68 – Stimmungsbilder vom Kirchentag

Man witzelt in Köln, Holland spielt mal wieder, weil alle zum 31. Kirchentag mit orangfarbenen Schals herumlaufen. Orange dominiert farblich unter der gleißenden Sonne sehr angenehm – auf den vielen Musikbühnen, auf den Freisitzen und natürlich auch vor und sogar im Dom, der eigentlich den Katholiken vorbehalten ist. Aber ein

fas.jpgMan witzelt in Köln, Holland spielt mal wieder, weil alle zum 31. Kirchentag mit orangfarbenen Schals herumlaufen. Orange dominiert farblich unter der gleißenden Sonne sehr angenehm – auf den vielen Musikbühnen, auf den Freisitzen und natürlich auch vor und sogar im Dom, der eigentlich den Katholiken vorbehalten ist. Aber ein zentrales Thema ist hier und heute ja unter anderem die Ökumene.

diese Mischung aus jugendlichem Sexappeal und Welterbesserungsnaivität

Interessanterweise sieht man hier, ganz in Kontrast zu anderen Großveranstaltungen dieses Kalibers, weit mehr Krankenwagen als Einsatzfahrzeuge der Polizei, gerade so, als wären alle potentiellen Gewalttäter und Polizisten mal eben ans Meer gefahren. Was ich als Stadttourist mit Leib und Seele bei 35 Grad im Schatten noch besonders anziehend finde, ist diese Mischung aus jugendlichem Sexappeal und Welterbesserungsnaivität, wenn sie da sitzen in verschwitzten T-Shirts, mit ihren Tambourinen und den orangfarbenen Schals, die sie zu Stirnbändern umfunktioniert haben oder die liebevolle Selbstvergessenheit von ein paar Teenagern, die Pappschilder mit der Aufschrift „FREE HUGS“ tragen und tatsächlich sogar mich in meinem nassgeschwitzten Hemd umarmen. Irgendwie umweht die vielen singenden, schwatzenden Grüppchen am Rheinufer ein Hauch von 68, was nicht nur den Gitarren und Sandalen geschuldet ist. Man könnte aus diesen freudigen Gesichtern ohne nähere Betrachtung wahrhaftig den Spirit einer neuen (alten) Jugendbewegung herauslesen, die sich nichts geringeres zum Ziel gesetzt hat, als die Welt vor Globalisierung, Klimakatastrophe und Hunger zu retten.

Bibelarbeit halt

Diese Illusion wird jedoch ebenso wie der flüchtige Eindruck, man hätte irgendwo Gras gerochen jäh unterbrochen, wenn man dann tatsächlich das Gespräch sucht. Worum es denn „so themenmäßig“ gehe, frage ich eine Gruppe von etwa 15 – 20Jährigen. „Och, na ja, Bibelarbeit halt und es gibt Frauengruppen und Männergruppen.“ Die fünf wirken etwas ratlos. „Ach, es gibt sogar eine Themengruppe ‘Homosexualität und Kirche’” fällt jemanden noch ein, während ich mich schon wieder verabschiede. Wenig später lerne ich Gitta* und Holger* kennen, ein junges Ehepaar, dass keinen Kirchentag verpasst.

das Gemeinschaftsgefühl, das friedliche Miteinander

„Was ich hauptsächlich mitnehme?“ lacht Gitta. „Dass ich auf der Rückfahrt nur 120 fahren werde, wegen der Predigt vorhin zum Klimaschutz“. Holger wirkt demgegenüber nachdenklich. „Vielleicht nur das Gemeinschaftsgefühl, das friedliche Miteinander, während man in den Nachrichten dauernd von den Krawallen hört.“ (Anm. d. Red.: in Heiligendamm zum zeitgleich stattfindenden G8-Gipfel). Es geht eben auch anders. Am Campingplatz auf dem Gelände des Rheinenergiestadions herrscht entsprechend der überwiegend jungen Camper auch eher Festivalstimmung, als religiöse Weltkritik. Auf einen blauen VW-Bus steht in den Staub geschrieben: „Jesus lebt“, irgendwo spielt mehr schlecht als recht jemand Bob Dylan „Like a Rolling Stone“ und andere singen mit chorgeübten Stimmen mit. Es riecht nach Bratwurst und das Wetter ist herrlich. Wo sind die Zeiten hin, als eine Jugendbewegung noch das vorrangige Ziel hatte Grenzen zu überwinden und die Leidenschaft sowie den unbedingten Willen dazu mitbrachte? Vermutlich ist das Fehlen einer solchen Bewegung der Grund für penetrante 68er-Revivals in der Pop-Kultur, überlege ich als ich die Szenerie verlasse.

„Lebendig, kräftig und schärfer“ – das war hier höchstens die Bratwurst.

Später höre ich die Lippenbekenntnisse von Angela Merkel, die nach dem G8-Gipfel mit anderen Politikern für einen Tag in Köln angereist ist, um die „Diskussion“ zu suchen. Letztendlich redete sie den Teilnehmern jedoch nur nach dem Mund: „Wir können unmöglich Afrika mit unserer europäischen Erfahrung etwas aufdrängen.“ Mutig klingend, allerdings im Grunde ebenso harm- und konsequenzenlos wie der ganze Kirchentag dagegen ein Statement zum Umgang mit dem Islam: Man müsse selbst mit Terroristen verhandeln, denn „nur wo auch mein Feind einen menschenwürdigen Platz hat, kann Frieden werden.“ (Kirchentagspräsident Reinhard Höppner). Soso. Natürlich muss man fairerweise die Frage stellen, was das Ziel einer solchen Veranstaltung ist. Die Neupositionierung der Kirche als humanistisch-kritisches Pendant zu gesellschaftlichen Prozessen wurde hier jedenfalls nicht erreicht. „Lebendig, kräftig und schärfer“ wollte der Kirchentag sein. Das war hier höchstens die Bratwurst.

*Namen von der Redaktion geändert

Photo Quelle/ Copyright: Cremo, cc creative commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 (via flickr)

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