Glosse: Der Klimawandel in der deutschen Literatur

Alles redet von der globalen Erwärmung: Meeresspiegel steigen, Gletscher schmelzen, Vegetationszonen verschieben sich. Es drohen Überschwemmungen und Dürren, ebenso die Ausbreitung von Parasiten. Das klingt wie die biblischen Plagen und ist uns bereits fürchterlich vertraut. Aber welche Folgen hat die Klimaveränderung eigentlich für die Literatur? Werden bestimmte Teile der deutschsprachigen

maiAlles redet von der globalen Erwärmung: Meeresspiegel steigen, Gletscher schmelzen, Vegetationszonen verschieben sich. Es drohen Überschwemmungen und Dürren, ebenso die Ausbreitung von Parasiten. Das klingt wie die biblischen Plagen und ist uns bereits fürchterlich vertraut. Aber welche Folgen hat die Klimaveränderung eigentlich für die Literatur? Werden bestimmte Teile der deutschsprachigen Dichtkunst nicht völlig unglaubwürdig, wenn die Durchschnittstemperatur auf der Erde um mehrere Grade ansteigt?

Nehmen wir Fausts Osterspaziergang. Wie das Wanderverhalten von Zugvögeln zeigt, beginnt der Frühling jetzt zwei Wochen früher. Kann der alte Winter im April überhaupt noch ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur schicken? Oder ist die wuchernde Vegetation dann nicht schon längst dabei, das Gefild zu verkrauten, die Wasserläufe zu beschatten und das gesamte Revier mit Quecke und Knöterich zu überziehen? Anders formuliert: Vor 200 Jahren mochte Faust an Ostern noch das Fehlen von Blumen beklagt haben. Heute kommen die Gartenbauämter kaum noch nach mit dem Entfernen der spontanen Begleitvegetation bzw. des Unkrauts. Ökologisch korrekt müsste es dann bei Goethe heißen:

Von Algen befreit sind Strom und Bäche

durch Rückschnitt gewässerbegleitender Gehölze.

Im Tale blinken offene Grünlandbrachen.

Hört sich etwas holprig an, aber angewandter Umweltschutz geht leider auf Kosten von Rhythmus und Versmaß. Jedenfalls wird deutlich: Es muss Einiges umgeschrieben oder angeglichen werden, damit unsere Klassiker plausibel bleiben. Außerdem wäre ein gewisser Aufklärungseffekt wünschenswert. “Jeder sonnt sich heute so gern”, heißt es weiter im “Faust”. Doch nirgendwo findet sich ein Hinweis auf Hautkrebsgefahr und wirksamen UVA- und UVB-Schutz.

Wenden wir uns den Tieren zu. Unsere Dichter freuen sich im Frühling wie Bolle über Lerchen, Schwalben und andere Vögel mit Migrationshintergrund. Gern wird auch die Biene gelobt, Sinnbild frühkapitalistischen Akkumulationsstrebens. Wir aber denken bei einem Spaziergang durch Feld, Wald und Wiese vor allem an die Zeckenplage nach einem milden Winter. Rilke hätte dies in seinem Gedicht über einen “Maitag” mahnend berücksichtigen können:

Stille rings. Nur ein gemeiner

Zeck wartet am Wegesrand;

leiden mag ihn keiner,

Blutsauger, Querulant!

Im hohen Grase hockt er,

trotz Kyoto-Protokoll.

Doch von Meningoenzephalitis

hat alle Welt die Nase voll.

Wie gesagt, mit dem Versmaß gibt es immer Probleme, wenn Fachbegriffe einfließen. Aber die grobe Richtung stimmt. Was seit dem Klimawandel leider gar nicht mehr stimmt, ist das berühmte Gedicht “Frühlingsglaube” von Ludwig Uhland. “Die linden Lüfte sind erwacht, sie säuseln und weben Tag und Nacht …” So harmlos hebt der Tübinger Dichter an, während heutzutage eher eine Warnung vor Stürmen und Orkanen angezeigt wäre, ganz zu schweigen von der steigenden Waldbrandgefahr im Lee des Schwarzwalds. Beim Rest des Gedichts sind glücklicherweise nur minimale Eingriffe vonnöten. Möge es die Leserinnen und Leser zu eigenen Umdichtungen im Dienst der Umwelt inspirieren:

Die Welt wird wärmer mit jedem Tag,

Man weiß nicht, was noch werden mag,

Das Blühen will nicht enden.

CO2-Ausstoß und Treibhausgas:

Nun, armes Herz, verstehst du Spaß?

Nun muss sich alles, alles wenden.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Sehr schön, und so feinsinnig gestrickt!

    Vielleicht eine kleine Ergänzung frei nach Goethe, mit klimschutzprognostischem Blick in unsere Gegenwart und Zukunft:

    Wanderers Nachtlied III

    Ein Gleiches

    Nach Klimagipfeln
    Ist Ruh,
    Unter Mützenzipfeln
    Spürest du
    Kaum einen Hauch;
    Die Windrädlein kosten uns alle.
    Warte nur, balde
    Zahlest du auch.

    Und zur weiteren Ergänzung mal keine Nachdichtung, sondern eine Vordichtung:

    “Neue Meteorolügie

    Hätt´ früher noch ein Frosch genügt,
    der quackend über´s Wetter lügt,
    muß heut´ dafür Politik her.
    Warum wohl? Klar: die schwindelt mehr.

    Und bleibt nicht nur bei Sonn´ und Regen,
    ihr ist an Steuern mehr gelegen.
    Doch nicht genug mit eig´nen Wählern,
    nein, ganz Europa muß sie quälen.

    Mit Öko: Wind- und Sonnstrahlhaschen,
    füllt sie die immer leeren Taschen,
    spinnt Dämmstoffstroh in Asthmahütten,
    das Gold kann sie in Koffer schütten.

    Dafür ist´s schön, Gesetze machen,
    bis uns die mag´ren Schwarten krachen.
    Wer “Öko” will, da hört nur zu:
    Wählt SPDCDSU!”