Die Blogger-Szene in Österreich ist verschwindend klein. Nur drei Prozent der österreichischen Internetuser bloggen. E-Mails verfassen, Informationen und Telefonnummern suchen ist den österreichischen Web-Surfern, laut Austrian Internet Monitor, wichtiger. Im bundesweiten Bürgerjournalismus gibt es einzelne Pioniere, durchgesetzt hat sich die mediale Eigeninitiative aber noch nicht. Dass „Bürger“ selbst Inhalte generieren und via Handy oder Internet verbreiten können, stößt teilweise noch auf Unverständnis und Skepsis.
135.000 Blogger
Steffi schreibt über ihre Erlebnisse aus Paris, „Sünnele“ berichtet über erste Erfahrungen aus dem Studentenalltag, User „Gott ist tot“ appelliert an unsere atheistische Vernunft, Peter schreibt ein Sporttagebuch. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie machen, wie 135.000 andere Internetuser, ihre Gedanken öffentlich.
Auf diesem Weg finden immer häufiger persönliche Blog-Stories ihren Weg auf die redaktionellen Seiten der Medienportale. Mona Egger, langjährige Chefredakteurin von Vorarlberg Online, nennt dazu das Beispiel von Blog-Einträgen einer Krebspatientin, die von Vorarlberg Online übernommen wurden: „Menschliche Schicksale interessieren unsere Leser“. Die VOL-Redaktion profitiert also von ihren Bloggern. Auch andere Printprodukte bieten Leserreporter-Aktionen, doch die eingesandten Inhalte seien, so Dr. Thomas Götz, stellvertretender Chefredakteur der “Kleinen Zeitung”, meist nicht interessant genug. Fotos von Kindern und Haustieren hätten keine Relevanz für ein Printprodukt wie die Kleine Zeitung. Er beschreibt den Umgang mit bürgerjournalistischem Inhalt so: „Je mehr Leute uns schreiben, umso wichtiger werden wir [Journalisten], weil wir werden entscheiden müssen, was veröffentlicht wird und was nicht.“
Hauptsächlich Bilder von Leserreportern
Silke Lunner von der Tageszeitung “Österreich” sammelt die von Leserreportern eingesandten Texte und veröffentlicht sie, wenn die Texte in das aktuelle Tagesgeschehen passen. Ungefähr 50 Einsendungen pro Tag bekommt Lunner von aufmerksamen Leserreportern zugeschickt. 40 davon sind Bilder – in erster Linie Handyfotos mit kurzen Kommentaren – nur 10 sind länger als fünf Zeilen. Nur die Hälfte der Einsendungen werden tatsächlich veröffentlicht und das in erster Linie im Internet. In der Druckausgabe will man offensichtlich nur in Ausnahmefällen auf die Bürgerjournalisten zurückgreifen, dafür, so Lunner, seien die Texte zu wenig journalistisch aufbereitet.
Blogs nur lokal von Bedeutung
Im Gegensatz zu den Zeitungen, die ihre Leser zur Anteilnahme motivieren, verfassen und veröffentlichen Blogger Nachrichten aus eigener Motivation. Ein Beispiel dafür findet sich unter der Internetadresse soisses.at, hier wird von Monika Meurer über regionale Ereignisse in Kärnten berichtet. Vom Geburtstagsgruß bis zu Veranstaltungshinweisen ist hier alles zu finden. Ganz im Gegensatz zu den traditionellen Medien, die Beiträge ihrer Bürgerjournalisten nach Nachrichtenkriterien beurteilen. Doch für Blogger gibt es keine Beschränkungen, weder beim Platz noch in der Themenwahl. Meurer ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, dass die Bloggerszene in Österreich vor allem lokal, jedoch nicht überregional von Bedeutung ist.
Bloggen vom Parteitag
Auch PR-Experten und Marketingstrategen werden auf die Bedeutung von Blogs aufmerksam: Die ÖVP lud zu ihrem jüngsten Bundesparteitag in Salzburg fünf Blogger ein, die das Geschehen unabhängig und kritisch kommentierten.
ÖVP- Bundesgeschäftsführerin Michaela Mojzis erhofft sich durch den Einsatz von Bloggern einen neuen Kommunikationsstil in der ÖVP und versuchte, neue Zielgruppen für die Partei anzusprechen. „Wir wollen Leute erreichen, die wir über traditionelle Medien nie erreichen würden und der Partei bewusst einen Spiegel vorhalten, denn Blogger berichten von diesen Veranstaltungen aus der Sicht von parteiunabhängigen Wählern“, so Mojzis.
Ob diese Aktion für die ÖVP allerdings wirklich Früchte tragen wird, bezweifelt Heinz Wittenbrink, der selbst am Parteitag mitbloggte. Er bezweifelt, dass Blogger objektiv berichten und somit die Allgemeinheit ansprechen.
So zeigt sich auch die andere Seite des Blogging: viele bloggen aus reiner Geltungssucht, um ihren Namen irgendwo zu lesen. Außerdem tarnen sich immer mehr PR-Leute als Blogger, um Meinungen und Diskussionen zu beeinflussen.
Printmedien müssen Anreize schaffen
Dennoch durchzieht das Phänomen der Leserreporter inzwischen auch die österreichische Medienlandschaft. Die Kurier-Redaktion im Burgenland hat damit gestartet, damit blieben sie nicht allein. Kleine Zeitung, Vorarlberger Nachrichten, Neue Vorarlberger Tageszeitung, NEWS, Kronen Zeitung, Österreich – sie alle riefen die Leserreporter auf den Plan. Zu dem Schluss, dass in Zukunft Bürger vermehrt an der aktuellen Berichterstattung in den Medien teilnehmen werden, kommt eine im Juni 2007 veröffentlichte Diplomarbeit der FH Wien.
Deren Autorin Verena Helfer sieht den Grund dafür vor allem in der verstärkten Nutzung von digitalen Medien, wie Internet und Handy, in der Gesellschaft.
Tatsache sei jedoch auch, dass die Printmedienerst Anreize schaffen müssten um Impulse aus der Bevölkerung zu bekommen. “News” und “Heute” bieten eine finanzielle Motivation, die Leserreporter der Kleinen Zeitung hingegen freuen sich über den abgedruckten Namen, so Sylvia Maderbacher von der Kleinen Zeitung.
Im internationalen Vergleich
Ein Blick auf die österreichische Szene macht allerdings klar, dass sich im internationalen Vergleich doch noch recht wenig tut. Das bestätigt auch Dr. Gerhard Rettenegger, Chefredakteur des ORF Landesstudios Salzburg, Gastvortragender an der FH Salzburg und Initiator der Salzburger Medientage. Für ihn ist der Bürgerjournalismus in Österreich nicht besonders lebhaft und hat deshalb bislang noch keine großen Auswirkungen hervorgerufen. Er legt zudem Wert darauf, dass dieses Wort stets in Anführungsstrichen angeführt wird. Denn im Grunde sei diese Wortkombination irreführend, da sich die traditionelle Rollenaufteilung auflöse. Der Empfänger habe inzwischen die Möglichkeit, selbst als Sender zu agieren, was ihn aber nicht zum Journalisten mache, da das journalistische Handwerk Grundfertigkeiten wie die Themenselektion, die Recherche, die Aufbereitung, die Zusammenführung von Daten und Fakten sowie die Wahl der entsprechenden Darstellungsform umfasse.
Für Qualitätsjournalisten, meint Rettenegger, heißt die neue Medienlandschaft, dass sie, wollen sie ihre Position sichern, nur dann überleben könnten, wenn sie sich anpassen und umdenken. Sie sind längst nicht mehr Vortragenden, die sich an ein anonymes, disperes Publikum wenden. Sie werden vom „lecturer to conversationer“ und werden wohl in Zukunft nicht umhinkommen, Communities zu bedienen.
Die Studierenden des Studiengangs “Journalismus und Unternehmenskommunikation” (Jahrgang 2006) der FH JOANNEUM in Graz recherchierten zum Thema Blogging und Bürgerjournalismus in Österreich. Wir haben ihre Ergebnisse hier zusammengefasst und danken ihnen für diesen Beitrag.
Photo/ Copyright: Angelo via Flickr. cc: Bestimmte Rechte vorbehalten
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