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Hans-Ulrich Jörges: “Prinzipielle Zustimmung zu Blogs”

Dienstag, den 3. Juli 2007 um 18:56 Uhr von Redaktion Readers Edition
Ulrich Jörges. screenshot stern.de

Als unabhängiges Bürgerjournalismus-Projekt verfolgt die Readers Edition natürlich aufmerksam die Debatten um den oft umstrittenen so genannten user generated content. Vor einigen Tagen hatte der Stellvertretende Chefredakteur des Stern sich ausgesprochen kritisch zu diesem Phänomen geäußert (RE berichtete). Im Interview mit RE präzisiert Jörges seine Aussagen.

Ihr Satz, dass die guten Redaktionen ihre Siele geschlossen halten müssten, damit der ganze Dreck von untern nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben käme, wird in der Blogosphäre unter anderem als Ausdruck dafür gesehen, dass professionelle Journalisten um ihre Position fürchten. Stellen Blogs und Bürgerjournalismusprojekte den klassischen Journalismus tatsächlich in Frage? Inwiefern?

Nein, in keiner Weise. Sie sind eine eigene Welt und erheben ja selbst nicht diesen Anspruch. Zum Teil „verlängern“ sie den klassischen Journalismus, indem sie dessen Thesen und Beobachtungen diskutieren. Ich kritisiere auch nicht Blogs generell, sie sind im Prinzip ein unübertrefflich demokratisches Medium; für viele Initiativen sind sie der einfachste (und manchmal auch der einzige) Weg, um direkt Öffentlichkeit zu gewinnen und Netzwerke zu bilden. Soweit alles wunderbar. Aber jeder, der Blogs betreibt oder liest, weiß auch, dass manche förmlich überquellen vor Hass, Ressentiment und Dummheit – und daher unbedingt redaktionell „gepflegt“ werden müssen. Wenn es speziell um Außenpolitik geht, besonders um den Nahen Osten, kübeln sich Antisemiten derart unerträglich aus, dass schon mancher Blog deshalb geschlossen werden musste. Bei prinzipieller Zustimmung zu Blogs – davor darf niemand die Augen verschließen. Und das sollte auch ehrlich diskutiert werden.

Sie scheinen “user generated content” als mögliche Ergänzung zum traditionellen Journalismus auszuschließen. Ist das so? Wenn ja, weshalb?

Nein, das ist nicht so. Frühere Printmedien sind ja längst dabei, hybride Medien zu werden: Sie haben eine eigene Existenz im Netz entwickelt und das ist – journalistisch betrachtet – vergleichsweise ein Reich der Freiheit, weil dort viele formale Beschränkungen von Printmedien aufgehoben sind. Auch „traditionelle“ Journalisten arbeiten im Print und im Netz, letzteres zunehmend gerne. User generated content ist für die Net-Medien unverzichtbar, auch technisch einfach aufzunehmen, für die klassischen Printmedien eignet er sich dagegen kaum. Völlig unabhängig vom Inhalt. Und schaut man auf den Inhalt – siehe oben -, sollte sorgfältig beobachtet und differenziert werden, wem man eine Plattform wofür bietet.

Auf den 1000 Reportern präzisieren Sie Ihre Aussage - Antisemitische Äußerungen und anonyme Blogs hätten Sie im Sinn gehabt. Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den Onlinedurchsuchungen?

Zunächst: Ich meine nicht nur Antisemitisches, sondern auch Hass- und Vorurteilsbeladenes. Onlinedurchsuchungen lehne ich dennoch scharf ab. Ohne Einschränkung. Denn die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass vieles, was einmal speziell mit der Bekämpfung von Terrorismus begründet wurde, später in aller Breite und für ganz andere Zwecke eingesetzt wurde. Es gibt fast nichts Intimeres und Schutzwürdigeres mehr als die Online-Existenz eines Menschen. Sie muss unbedingt gegen Ausspähung verteidigt werden. Das Abhören eines Telefons ist dagegen vergleichsweise harmlos.

Welche Bedeutung haben die 1000 Reporter des „Stern“ für Ihre Arbeit?

Für meine Arbeit haben sie bislang keine Bedeutung. Das liegt zum einen daran, dass dieses Forum noch ganz jung ist. Zum anderen, dass ich für meine Meinungsbildung aus anderen Quellen schöpfe. Aber ich werde das Projekt beobachten und lesen. Schaun mer mal. Auch wenn’s keiner glaubt: Ich lerne täglich.

Wird Ihr geplantes Internet-TV Projekt Zuschauer integrieren?

Die Frage ist geschickt gestellt, weil sie ein neues Projekt unterstellt. Und Reaktion testet. Aber für eine Antwort ist es einfach noch zu früh.

Die Fragen stellte Marie Naumann

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7 Reaktionen zu “Hans-Ulrich Jörges: “Prinzipielle Zustimmung zu Blogs””

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  1. sprechblasenblog » Blog Archive » Entrüstung 2.0

    am 3. Juli 2007 um 19:11 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Nachtrag vom 3. Juli 2007:  Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare des ersten Artikels schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und viel Zustimmungswürdiges gesagt. […]

  2. sprechblasenblog » Blog Archive » Alpha-Journalisten unter sich -- Ein kleiner Bericht von der Buchvorstellung "Die Alpha-Journalisten", mit einigen Alpha-Journalisten auf der Bühne und anderen im Publikum

    am 3. Juli 2007 um 19:12 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Noch ein Nachtrag, vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und viel Zustimmungswürdiges gesagt. […]

  3. Rainer Hoffmann

    am 3. Juli 2007 um 22:02 Uhr | Link | Kommentar melden

    Da ich persönlich gegen den STERN bereits eine Presseratsbeschwerde
    gewonnen habe und ich weitere sehr ungenehme Erfahrungen mit “gesteuerten” Medien gemacht habe, halte ich den freien und wirklich unabhängigen “Internet-Journalismus” der Bürger für längst überfällig.

    Die Bürger fordern Authentiziät und Ehrlichkeit der Meldungen und haben kein Bock mehr durch jedes zweite Wort belogen zu werden.
    Dabei sollten die Politiker und auch die etablierten Medien endlich mal begreifen, dass auch das bewusste Weglassen von relevanten Fakten und Tatsachen als LÜGE deklariert werden muss.

  4. Heinz-Peter Tjaden

    am 3. Juli 2007 um 23:25 Uhr | Link | Kommentar melden

    so kennen wir den jörges, mal beschimpft er hartz-IV-empfänger und will es nicht gewesen sein…und nun ist er es natürlich auch nicht gewesen

  5. Blogs 2.0: Recherche statt Bashing?-medienblogger

    am 4. Juli 2007 um 16:04 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Nachtrag 4. Juli: Jörges hat sich in einem Interview auf der Readers Edition tatsächlich in der entsprechenden Weise von seiner verallgemeinernden Äußerung distanziert. Zumindest von Thomas Knüwer erhält er dafür keine Pluspunkte. […]

  6. Readers Edition » BEST OF READERS EDITION - eine Wochenbilanz

    am 31. Juli 2007 um 18:37 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] In einem Interview hakten wir nach. Hier relativierte Jörges seine Aussage und stellte Blogs als „im Prinzip unübertrefflich demokratisches Medium“ dar. Sein abfälliges Bekenntnis hätte sich doch nur auf bestimmte Blogs bezogen, „die förmlich überquellen vor Hass, Ressentiment und Dummheit“. Alles nicht so gemeint, wie gesagt? Den Eindruck der bemühten Schadensbegrenzung Jörges wurde man jedenfalls nicht los. […]

  7. Geografitti - nicht nur Geografisches » Blog Archive » Nach meiner Meinung…

    am 2. August 2007 um 15:11 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Statt also dort eine bedrohte Meinungsfreiheit zu sehen, äußern gerade erfahrene und wie man sagt „gestandene“ Journalisten vor allem dummes Zeug über das Interet im Allgemeinen und Blogs im speziellen. Manfred Bissinger hat in einer Diskussion zum Beispiel die Erkenntnis geäußert, Blogs seien „hingerotzt“ und eine Aneinanderreihung von persönlichen Befindlichkeiten von Leuten, die für die Öffentlichkeit keine Bedeutung haben. (Vielleicht sollte ich mich jetzt mal angepisst fühlen..). Und wo wir schon wieder beim rotzen und pissen sind:  “Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt” hat Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges kürzlich abgesondert. Und auch wenn er diese etwas pauschale Sicht danach noch präzisiert hat, am Ende fügt sich das wunderbar zur kleinen Horrorshow, die das BKA in Sachen Internet neulich aufgeführt hat. Und damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei Vater Staat, der - natürlich nur mit den besten Absichten - die Allgemeinheit schützen will und dafür muss die Allgemeinheit schon mal ein paar Einschränkungen hinnehmen. […]

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