Hans-Ulrich Jörges: “Prinzipielle Zustimmung zu Blogs”

Als unabhängiges Bürgerjournalismus-Projekt verfolgt die Readers Edition natürlich aufmerksam die Debatten um den oft umstrittenen so genannten user generated content. Vor einigen Tagen hatte der Stellvertretende Chefredakteur des Stern sich ausgesprochen kritisch zu diesem Phänomen geäußert (RE berichtete). Im Interview mit RE präzisiert Jörges seine Aussagen. Ihr Satz, dass die

dertw.jpgAls unabhängiges Bürgerjournalismus-Projekt verfolgt die Readers Edition natürlich aufmerksam die Debatten um den oft umstrittenen so genannten user generated content. Vor einigen Tagen hatte der Stellvertretende Chefredakteur des Stern sich ausgesprochen kritisch zu diesem Phänomen geäußert (RE berichtete). Im Interview mit RE präzisiert Jörges seine Aussagen.

Ihr Satz, dass die guten Redaktionen ihre Siele geschlossen halten müssten, damit der ganze Dreck von untern nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben käme, wird in der Blogosphäre unter anderem als Ausdruck dafür gesehen, dass professionelle Journalisten um ihre Position fürchten. Stellen Blogs und Bürgerjournalismusprojekte den klassischen Journalismus tatsächlich in Frage? Inwiefern?

Nein, in keiner Weise. Sie sind eine eigene Welt und erheben ja selbst nicht diesen Anspruch. Zum Teil „verlängern“ sie den klassischen Journalismus, indem sie dessen Thesen und Beobachtungen diskutieren. Ich kritisiere auch nicht Blogs generell, sie sind im Prinzip ein unübertrefflich demokratisches Medium; für viele Initiativen sind sie der einfachste (und manchmal auch der einzige) Weg, um direkt Öffentlichkeit zu gewinnen und Netzwerke zu bilden. Soweit alles wunderbar. Aber jeder, der Blogs betreibt oder liest, weiß auch, dass manche förmlich überquellen vor Hass, Ressentiment und Dummheit – und daher unbedingt redaktionell „gepflegt“ werden müssen. Wenn es speziell um Außenpolitik geht, besonders um den Nahen Osten, kübeln sich Antisemiten derart unerträglich aus, dass schon mancher Blog deshalb geschlossen werden musste. Bei prinzipieller Zustimmung zu Blogs – davor darf niemand die Augen verschließen. Und das sollte auch ehrlich diskutiert werden.

Sie scheinen “user generated content” als mögliche Ergänzung zum traditionellen Journalismus auszuschließen. Ist das so? Wenn ja, weshalb?

Nein, das ist nicht so. Frühere Printmedien sind ja längst dabei, hybride Medien zu werden: Sie haben eine eigene Existenz im Netz entwickelt und das ist – journalistisch betrachtet – vergleichsweise ein Reich der Freiheit, weil dort viele formale Beschränkungen von Printmedien aufgehoben sind. Auch „traditionelle“ Journalisten arbeiten im Print und im Netz, letzteres zunehmend gerne. User generated content ist für die Net-Medien unverzichtbar, auch technisch einfach aufzunehmen, für die klassischen Printmedien eignet er sich dagegen kaum. Völlig unabhängig vom Inhalt. Und schaut man auf den Inhalt – siehe oben -, sollte sorgfältig beobachtet und differenziert werden, wem man eine Plattform wofür bietet.

Auf den 1000 Reportern präzisieren Sie Ihre Aussage – Antisemitische Äußerungen und anonyme Blogs hätten Sie im Sinn gehabt. Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den Onlinedurchsuchungen?

Zunächst: Ich meine nicht nur Antisemitisches, sondern auch Hass- und Vorurteilsbeladenes. Onlinedurchsuchungen lehne ich dennoch scharf ab. Ohne Einschränkung. Denn die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass vieles, was einmal speziell mit der Bekämpfung von Terrorismus begründet wurde, später in aller Breite und für ganz andere Zwecke eingesetzt wurde. Es gibt fast nichts Intimeres und Schutzwürdigeres mehr als die Online-Existenz eines Menschen. Sie muss unbedingt gegen Ausspähung verteidigt werden. Das Abhören eines Telefons ist dagegen vergleichsweise harmlos.

Welche Bedeutung haben die 1000 Reporter des „Stern“ für Ihre Arbeit?

Für meine Arbeit haben sie bislang keine Bedeutung. Das liegt zum einen daran, dass dieses Forum noch ganz jung ist. Zum anderen, dass ich für meine Meinungsbildung aus anderen Quellen schöpfe. Aber ich werde das Projekt beobachten und lesen. Schaun mer mal. Auch wenn’s keiner glaubt: Ich lerne täglich.

Wird Ihr geplantes Internet-TV Projekt Zuschauer integrieren?

Die Frage ist geschickt gestellt, weil sie ein neues Projekt unterstellt. Und Reaktion testet. Aber für eine Antwort ist es einfach noch zu früh.

Die Fragen stellte Marie Naumann

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