Huren, Sex mit der Kanzlerin und Fauser!

Volly Tanner sprach mit dem Berliner Literatururgestein Florian Günther über das Leben, seine Bücher und den ganzen Rest … VT: Hallo Florian, Dein neues Buch „11 Uhr morgens“ ist ja gerade bei der Edition Lükk Nösens erschienen, ein trunkener Gedichtband sozusagen. Für die wenigen Menschen in unserem Leserkreis, die deine

Florian.JPGVolly Tanner sprach mit dem Berliner Literatururgestein Florian Günther über das Leben, seine Bücher und den ganzen Rest …

VT: Hallo Florian, Dein neues Buch „11 Uhr morgens“ ist ja gerade bei der Edition Lükk Nösens erschienen, ein trunkener Gedichtband sozusagen. Für die wenigen Menschen in unserem Leserkreis, die deine Texte nicht kennen, könntest Du bitte mal erzählen, um was es in ihnen geht?

FG: Tja, wovon handelt das Buch … Zum Beispiel von Frauen und Männern, die sich lieben, aber dennoch das Leben zur Hölle machen. Alltag. Tod. Gewalt. Verlotterten Hausfrauen. Leuten, die unten sind und trotzdem lachen. Betrug, Versöhnung, Nutten. Dem Ringen um Würde in einer würdelosen Zeit. – Natürlich steht auch Schund drin. Aber da ich mir nicht sicher bin, an welchen Stellen, habe ich ihn vorsichtshalber drin gelassen.

VT: Deine Texte sind ja nicht unbedingt preiseinsammelverdächtig, Du bist ja kein Zirkler, eher ein Geschichtenerzähler. Kommt Deine Lyrik an? Und wie sieht Dein Publikum aus?

FG: Was mich interessiert sind nicht Preise sondern Leser. Und ich kann unumwunden sagen: Ja, meine Bücher finden ihre Leser und es werden mehr. Und zwar in allen Gesellschaftsschichten. – Was übrigens der langläufigen Meinung widerspricht, es gäbe kein Publikum für Lyrik. Ich für meinen Teil mache da seit Jahren andere Erfahrungen.

VT: Das liegt vielleicht an Deinem sehr authentischen Stil. Bestimmt ist Dir ja schon hundertfach das Bukowskistigma angeheftet worden, was sagst Du denn dazu, dass jeder, der etwas näher am Publikum schreibt, hierzulande sofort in die Bukowskischublade gesteckt wird?

FG: Die übliche Phantasielosigkeit. Leute, die mich oder das Viertel oder die Straßen in denen ich lebe und aufgewachsen bin, kennen, vergleichen mich nie oder eher selten mit Bukowski. In der DDR war Wohnraum knapp, deshalb überließ ich meine Bude einem Freund, während ich meinen Wehrdienst ableistete. Eines Tages las er ein paar von meinen Geschichten, die da überall herumlagen und sagte zu mir: liest sich wie Bukowski. Wie wer? sagte ich. Denn ich kannte ihn damals noch nicht. Inzwischen verehre ich Bukowski seit über 20 Jahren. Aber geschrieben habe ich noch nie anders als jetzt. Und dass manche Kritiker so verklemmt sind, dass das einmalige Auftauchen des Wortes Fotze in einem 800-Seiten-Roman ausreicht, um den entsprechenden Autor mit Bukowski zu vergleichen, sollte mich in meiner Arbeit nicht tangieren. Die wissen nicht und wussten noch nie, wer Charles Bukowski ist, weil sie nicht wissen was Angst, Zweifel, Wut, Humor ist und weil ihnen schon einer abgeht, wenn sie den erhobenen Zeigefinger von Erich Fried sehen. Wenn die mich also mit Bukowski vergleichen – eigentlich eine Ehre – berührt mich das gar nicht, weil ich weiß, von wem es kommt. Also, um deine Frage abschließend zu beantworten: Denen, die (wie ich) mit Bukowski in eine Schublade geworfen werden, kann ich nur sagen: Schert euch nicht darum. Macht weiter. Oder endet wie Durs Grünbein.

VT: In deinen Texten bist Du. „ … ein hungriger Köter, immer/ auf der kippe/ zerfressen von Ängsten;/ Berge von Papier/ vollkritzelnd;/ mit abgekauten Fingernägeln – „. Wieviel Florian ist in deinen Figuren, wieviel ist Eins zu Eins?

FG: Wirklich Eins zu Eins ist manches, aber natürlich nicht alles. Das geht auch gar nicht anders. Wenn du das Leben einfach nur abpinselst und nicht gerade Jacques Mesrine bist (was ja nun wirklich nur die wenigsten von uns behaupten können), kommt dabei nur langweiliges Zeug raus. Du musst ein bisschen nachhelfen: verändern, raffen, übertreiben, vermengen, verdichten, damit das Zeug genießbar wird. Hierzu eine kleine Anekdote: Vor ein paar Jahren bat man mich mit einer jungen Dichterin aufzutreten, die nicht nur pikiert, sondern auch recht sexy anzuschauen war, und ich dachte mir, vielleicht ist da ja mehr drin. Aber kaum hatte ich angefangen ihr die ersten Avancen zu machen, schrie sie auch schon los: Geh mir bloß weg, du! Ich hab deine Bücher gelesen! Ich weiß was du für einer bist! – Ich finde, jemand der schriftstellerisch tätig ist, sollte Autor und Werk wenigstens in einem gewissen Maße zu trennen wissen. Stell dir vor, du schreibst aus einer spielerischen Laune heraus, du hättest die Merkel (oder ihren Mann) gefickt, dann heißt es doch auch nicht zwangsläufig: du lieber Scholli, was für ein perverser Furz.

VT: Hihihihi, das stimmt, kenne ich aus meiner Arbeit, bester Florian. Nun ist ja das Buch draußen. Wie wird es denn eigentlich promotet, der Verlag wird ja kaum fette Anzeigen schalten. Gibt’s ne Lesetour?

FG: Es soll was im Radio kommen, die eine oder andere Anzeige wird geschaltet und viel läuft über Mundpropaganda. Aber kurz und knapp gesagt: Eine Lesetour wird es nicht geben. Vielleicht aus Bequemlichkeit oder mangelndem Ehrgeiz habe ich mich ja nie groß nach Verlagen umgesehen, und meine Bücher, so sie in der EDITION LÜKK NÖSENS erschienen sind, lieber selbst herausgebracht. Das heißt: ich habe Vorbestellungen akquiriert, und wenn genug beisammen waren, gedruckt. Das schafft Unabhängigkeit aber auch Probleme. Denn wenn man schreiben und sich hin und wiedermal mit anderen Dingen beschäftigen will, kann man sich nur in begrenztem Maße auch noch um die Verlagsarbeit kümmern. Inzwischen hat sich, wenigstens hier in Berlin, herumgesprochen, dass meine Lesungen einigermaßen unterhaltsame Vorstellungen sind, und so kommt es vor, dass der eine oder andere Veranstalter bei mir anklopft. Dafür bin ich denen dankbar. Aber mehr ist, vorerst, noch nicht drin.

VT: Du kämpfst ja Deinen Kampf gegen die literarischen Strukturen auch schon ein paar Jahre. Gabs da nie die Versuchung, den schnelleren Weg über comedyhafte Shortstories aus der Poetry Slam Ecke zu gehen?

FG: Also ich weiß zu wenig darüber, um mich ernsthaft darüber auslassen zu können. Erstmal ist es ja vernünftig, wenn sich junge Leute auf einer Bühne auskotzen, als dort, wo man ihnen die Fresse einschlägt. Aber mit mir hat das nicht viel zu tun. Ich war immer – und ich bin da gar nicht stolz drauf – ein Außenseiter, der zu irgendwelchen Moden, Kreisen oder Strömungen wenig oder gar keinen Zugang hatte. Weder in der DDR noch in der BRD. Mir fehlt das Horden-Gen. Der Spaß am Geselligen. Der überbordende Wunsch nach Bestätigung. Ich fühle mich schnell gelangweilt wenn alle dasselbe reden, machen, tun und wollen. Und ich habe festgestellt, dass die interessantesten, oder sagen wir ruhig attraktivsten Frauen nicht in Künstlerkreisen zu finden sind, sondern hinter Kassen und Ladentischen, an Fließbändern, Theken, in Büros und miefigen Zimmern … Mit Kampf gegen irgendwelche Strukturen hat das, entschuldige, nicht viel zu tun. Ich hatte nie wirklich eine Wahl.

VT: Da sind wir ja nun beim Thema schlechthin: Frauen! Wie gestaltet sich denn im Moment Deine derzeitige Lage in Bezug aufs andere Geschlecht? Berlin ist ja voll damit. Was sind das denn für Frauen, die vor Deinem Dasein auf- und abmarschieren.

FG: Oh je … Im Moment bin ich mal wieder verliebt. Unglücklich natürlich – was gut für meine Schreibe, aber schlecht für mein Seelenleben ist. Und was vergangene Beziehungen angeht, fällt mir ein Zitat von Rosa Luxemburg ein: „Das wahre Wesen einer Frau zeigt sich nicht da, wo die Liebe beginnt, sondern da wo sie endet.“ Berlin ist, verglichen mit anderen Gegenden, kein gutes Pflaster mehr. Die meisten Frauen die hier rumlatschen sind hochnäsig, plump und uninteressant. So dieser dumpfe Alice-Schwarzer-Verschnitt. Ganz übel. Deshalb gibts hier auch so viele Huren. Die machen ihre Arbeit, singen den ganzen Tag und verdienen sich dumm und dämlich.

VT: Berlin hatte vor ein paar Jahren recht viele Kreative aus anderen Städten aufgesogen und verschluckt. Dann war nix mehr von denen zu hören – außer Geschrei an Currywurschtbuden: „EHHHHH MACHMA NE WURSCHT!“. Wie muss man sich denn Dein direktes Umfeld vorstellen? Hauptsächlich KÖÖÖÖÖnstler – oder eher die Normalen?

FG: Ja, die sind wie die Heuschrecken über die Stadt hergefallen. Und nicht nur die, wie wir ja alle wissen. Inzwischen sind hier in Ostberlin ganze Stadtviertel in westdeutscher Hand, und man fragt sich allmählich wo die alteingesessene Bevölkerung geblieben ist … Aus schon erwähnten Gründen rekrutiert sich mein Freundeskreis in erster Linie aus Männern und Frauen, die nur in den seltensten Fällen künstlerisch tätig sind. Die meisten gehen – so sie Arbeit haben – ganz normalen, wenn auch meistens unterbezahlten, Jobs nach. Das war nie anders und hilft einem, sprachlich nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Der Grund, warum ich schreibe wie ich schreibe hängt sicher auch mit dieser Tatsache zusammen. Es käme mir wie Verrat vor, wenn die Jungs, mit denen ich früher um die Häuser gezogen bin, nicht mehr verständen, was oder worüber ich schreibe.

VT: Damit bist Du ja einer unter wenigen. Gibt’s eigentlich Pläne, auch mal andere Sachen zu machen, als Lyrik? Hörbücher zum Beispiel?

FG: Verschiedenes ist in Arbeit, anderes in der Schublade. Aber das sind alles noch ungelegte Eier. Aktuell bin ich dabei eine CD mit Alexander Krohn aufzunehmen. Von ihm kommt die Musik, ich lese ausgewählte Gedichte aus all meinen Büchern. Wir sind so gut wie fertig, haben aber, glaube ich, noch keinen Verlag, der die Scheibe auf den Markt bringen will. Aber darum kümmert sich Alexander. Mal sehn was draus wird. Notfalls kommt sie in der Edition Lükk Nösens raus.

VT: So, mein guter Florian, langsam kommen wir ans Ende unseres Gesprächs, möchtest Du dem interessierten Volk, welches das Gespräch bis hierhin verfolgt hat, noch irgendetwas auf den Weg mitgeben? Kannst ruhig den altersweisen Mann raushängen lassen.

FG: Dann lieber ein Zitat von Fauser, das ich neulich wieder fand: „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern.“ Haut einen nicht vom Stuhl. Aber es ist wahr, und was anderes fällt mir im Moment nicht ein.

VT: Danke, Florian, für das Gespräch und Dir nur Gutes!

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