Sonntagfrüh – zu früh – Sonne – ein kleines, depressives Dorf – Kirche – Familie. Ich bin müde, diese unangenehme Feiertagsruhe in dem Dorf macht mir Angst. Aber egal – ich lächle. Zwei Eltern sind nervös. Der Vater kämpft mit seiner Krawatte, die Mutter überlegt welche Schuhe sie anziehen soll, währenddessen ihr Baby sich an ihrer Brust festgesaugt hat. Die restlichen Verwandten drängen. Die Feier fängt gleich an, da darf man nicht zu spät kommen. Stress. Die Schwestern proben die Fürbitten. Eine von ihnen kreischt panisch. Sie ist ja aus der Kirche ausgetreten!
Das macht man so. Da denkt man gar nicht drüber nach.
Hoffentlich verbietet ihr der Pfarrer nicht diesen kleinen Auftritt! – und ich mitten drin! Geschützt durch meine Sonnenbrille. Aber egal – ich lächle. Das Fest beginnt. Fest? Ich würde es eher als eine Tortur bezeichnen – zumindest für das Baby, dem an diesem Sonntag durch ein quälendes Überkopfwassergeschütte sein hochmodischer Doppelname verliehen wird. Es ist eng, wir müssen stehen, das Baby schreit und hört immer nur kurz auf, wenn die Mutter ihre Brust aus ihrer feierlichen Bluse hervorholt. Aber egal – ich lächle. “Lasset uns beten…” eine ältere Verwandte spricht euphorisch die Worte des Pfarrers nach. In ihren Augen ist die Erleichterung sichtbar, am Tag des Herrn mit ihm zu feiern. Eine anständige Bürgerin. So gehört es sich. Genauso, wie es sich gehört, dem Baby diese Zeremonie anzutun. Das macht man so. Da denkt man gar nicht drüber nach. Das gehört sich. Genauso gehört es sich, das nun offiziell mit dem hochmodischen Doppelnamen versehene kleine Wesen durch die Verwandtenkette zu reichen, um ihm ein Kreuz auf die Stirn zu tappen. Fertig. Jetzt kann das Kind gut ins Leben starten.
Erleichterung macht sich bemerkbar. Doch nur kurzfristig, denn die Anwesenden werden hungrig und nicht jeder Magen wird durch Brusthervorgehole beruhigt. Aber die freundliche Kellnerin, frische Großmutter, nimmt schon fleißig Bestellungen auf. Verdammt, das dauert! Alle murmeln durcheinander, ab und zu ein lautes Gelächter, das einen zusammenzucken lässt und wieder Babygeschrei! Aber da gibt’s ja ein Mittel dagegen. 1, 2, 3 Brust herbei! “Schau wie süß sie ist, und sie schaut schon so g’scheit, ein b’sonderes Kind!” Ich versuche diese Besonderheiten zu entdecken, aber ich kann mir nicht helfen. Jedes kleine Wesen sieht aus wie dieses. Die Adern schimmern durch die Kopfhaut und die Augen können noch nicht geradeaus blicken. Aber egal – ich lächle. Gegenüber von mir ein Ehepaar. Beide haben die gleichen himmelblauen Augen wie ihre 27 Monate alte Tochter. Auch die Sprache dieser Eheleute hat sich ihrem kleinen Engel angepasst.
Es wird fotografiert und das Lächeln fällt mir immer schwerer.
Und der Vater des mit dem hochmodisch versehenen doppelnamigen Babys lobt die beiden, denn sie wissen ja, was sich als Taufgeschenk gehört und was nicht. Gewand schenkt man eindeutig nicht! Von mir hat das kleine Wesen Gewand bekommen. Aber egal – ich lächle. Die Stunden vergehen, schwangere Verwandte tauschen Erfahrungen aus, die Brust wird gezückt. Es gibt sogar einen Plastikaufsatz, eine Art Strohhalm, der das Saugen erleichtert oder einfach nur die Grunzgeräusche verstärkt. Es wird fotografiert und das Lächeln fällt mir immer schwerer. Aber egal – ich lächle trotzdem, denn mein einziger Kontakt mit Schwangerschaft war bisher der Besuch in der Schwangerschaftsabteilung eines Textilgeschäftes, denn dort gibt es ab und zu Röcke, die meinem Geschmack entsprechen und nicht wie die üblichen Clownkragen aussehen.
6 Sterne!