Live Earth – Tag der Weltenretter

Stell Dir vor es ist Weltenretter-Tag und keinen interessiert es. Am Samstag, den 07.07.2007, war es wieder einmal soweit. Die selbsternannte Elite der Aufrechten dieser Welt, die sich seltsamerweise alle dadurch auszeichnen, daß ihre einzige Qualifikation für diese Position in der Produktion massenkompatibler Popmusik zu bestehen scheint, trifft sich zum

madonna.jpgStell Dir vor es ist Weltenretter-Tag und keinen interessiert es.

Am Samstag, den 07.07.2007, war es wieder einmal soweit. Die selbsternannte Elite der Aufrechten dieser Welt, die sich seltsamerweise alle dadurch auszeichnen, daß ihre einzige Qualifikation für diese Position in der Produktion massenkompatibler Popmusik zu bestehen scheint, trifft sich zum Spektakel. Dazu verleiten ließen sie sich von einem leidlich erfolgreichen Politiker, der wie viele andere vor ihm auch herausgefunden hat, daß man die Leute mit Angst immer noch am besten fesseln kann. „Die Klimakatastrophe kommt. Sie ist praktisch schon da.“

Aber wir alle können sie aufhalten- indem wir beispielsweise eine SMS mit den Worten „Job“ oder „Shop“ irgendwohin senden und wenn wir ganz, ganz viel Glück haben damit dann auf irgendeiner Leinwand stehen: „Thorsten B. Aus F. Sagt „Shop“. Zuhause freut sich die Verwandtschaft und das Mobilfunkunternehmen. So einfach ist es also, die Welt zu retten. Auf derlei Giftigkeiten reagiert das Heer der Gläubigen dann mit Belehrungen, es gehe ja erst einmal darum, Bewußtsein zu schaffen. Aha, dann schaffe ich doch mal mit: „Shop, Shop, Shop, Shop, Shop- klatsch, kreisch juhu.“ – Und habe mir damit endgültig mein Recht verwirkt, in irgendeiner Weise als denkendes Wesen anerkannt zu werden.

Was denken wohl die wirklichen Mächtigen dieser Welt, die Wirtschaftsfunktionäre und Politiker, wenn sie das Klatschvieh in den Stadien sehen? Sie werden sich freuen, denn sie wissen, mit diesem Material haben sie leichtes Spiel. Die tun alles, was man ihnen sagt.
Das ärgerliche an solchen Veranstaltungen ist ja vor allem die grenzenlose Debilität, die dem anvisierten Publikum von den Organisatoren offenbar unterstellt wird.

Penetrante PR und Reklame

„Anrufen, anrufen, anrufen“! Diese ständigen Aufforderungen waren penetranter als in den einschlägigen Castingshows. Und dann kann man mit noch mehr Glück auch noch einen Smart gewinnen – erstklassige PR für das dieses Gefährt produzierende Unternehmen. Und darum geht es doch bei diesen Veranstaltungen offensichtlich wirklich: Die reine entfesselte Reklame.

Werbung für sich selbst – das praktizieren die Musiker, der Politiker an der Spitze der PR-Bewegung und die Unternehmen, die sich mit Unterstützung des Events in irgendeiner Weise schmücken. Das ist so offensichtlich, daß das Publikum sich vielleicht demnächst, beim nächsten Event dieser Art nicht mehr so leicht als Klatschvieh missbrauchen lassen wird.

Das letzte Event dieser Art (Live 8) hatte, von den vielleicht nicht ganz uneigennützigen Motiven der Organisatoren einmal abgesehen, vom rein musikalischen Standpunkt ja noch so etwas wie Klasse. Immerhin traten da auch noch ein paar einigermaßen sympathische Leute wie etwa Travis auf – auch wenn deren Auftritt sowohl im TV als auch auf den zugehörigen DVDs unterschlagen wurde. Stattdessen wurden die üblichen Verdächtigen ausgiebig gefeiert, wie etwa Coldplay – die bisher aktuellste Plage der popmusikalischen Weltenretter-Fraktion.

Ein weiterer großer Unterschied war, dass bei Live 8 Madonna ein grandioser Auftritt gelang, vielleicht weil man auch nicht unbedingt damit gerechnet hätte. Bei Live Earth hingegen, wo sie als der große Höhepunkt gehandelt wurde, enttäuschte sie eher.

Madonna enttäuscht die Erwartungen

Der neue, extra für das Event kreierte Song „Hey You“ gehört mit einiger Sicherheit zum peinlichsten, was Madonna jemals fabriziert hat und ansonsten war ihre gesamte Choreographie bis ins kleinste Detail so, wie man sie schon bei ihrer letzten Konzert-DVD begutachten konnte. Mit dem einzigen Unterschied, dass Madonna wohl mittlerweile auch einen Trend aufgegriffen hat, der in Deutschland immerhin schon mindestens seit 10 Jahren zu beobachten ist – die Zigeunermusik (mit “Gogol Bordello“, d. Red.). Da ist Madonna ja wiedermal auf der Höhe der Zeit. Zudem wirkt ihre vermeintliche Club-Authentizität auch nur künstlich. Wer hat denn in einem wirklichen Club schon einmal so peinliche Gestalten wie Madonnas Machogesten simulierende Tänzer herumhopsen sehen, außer vor 20 Jahren vielleicht? Die würden doch aus jedem Club unter schallendem Gelächter vertrieben. Aber bei aller Kritik ist Madonna natürlich doch noch das interessanteste an solchen Veranstaltungen.

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Völlig langweilig hingegen war Jack Johnson – der Darling des braven Feuilletons entsetzte geradezu durch das völlige Fehlen jeglicher Energie und schleppte sich von einem gleich klingenden Song in den nächsten. Der wiederauferstandene Cat Stevens war auch nicht viel begeisternder. Macy Gray wollte gleich doppelt und dreifach die Welt retten, idem sie sich und ihren Background-Sängerinnen Schlagworte wie „Darfur“ und „Peace“ auf die Kleidchen schrieb. Wie relevant. Michael Stipe von R.E.M. war einmal für derlei Bewusstseinserweiterungen bekannt, aber der scheint es mittlerweile eingesehen zu haben, dass es nur größenwahnsinnig und nutzlos ist. Coldplay freilich werden wohl immer mit derlei Aktionen nerven – wenn man nur immer wieder ein und das selbe Lied komponieren kann, muß man halt anderweitig überzeugen – und wo war Bono eigentlich?

Ohne diese Lichtgestalten konnte Live Earth ja nur ein müder Abklatsch werden.

Ein paar Popmusiker konnten sich wieder einmal unendlich wichtig fühlen und vielleicht sogar den Verkauf ihrer Platten ankurbeln. Aber ansonsten war das Ganze so relevant wie der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas. In ein paar Tagen erinnert sich niemand mehr daran.

Photo Quelle/ Copyright: richardk, cc creative commons Namensnennung-NichtKommerziell 2.0 (via flickr)

Kommentare

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  1. Die ARD-Tagesschau hatte angenehm und unerwartet kritisch von dem Sinn und Ergebnis dieser “Live-Earth-Veranstaltung” berichtet.
    Da wird für ein Weltrettungs-Aufruf und für mehr Umweltschutz geworben und es flogen mindestens die gleiche Anzahl Plastikbechern und Müll durch die Gegend, wie zu den besten Zeiten der “Love-Parade”

    Auch aus diesem einfach-sichtbaren Grund, war es eine in allen Belangen verlogene Veranstaltung…und erst Recht, wenn man die Absichten von Al Gore hinterfragt:

    Gore-Kritiker untersuchten den Stromverbrauch im Hause Gore und kamen dahinter,
    dass der CO2-Mahner 20-mal soviel Strom wie ein durchschnittlicher US-Bürger verbraucht. Alles kein Problem, sagt Gore im Kongress, denn er kaufe dafür CO2-Ablässe. Gore kauft schlauerweise seine CO2-Ablässe von sich selbst, von der “Generation Investment Management LLP”, einer “unabhängigen, privaten, durch die Eigner gemanagten Gesellschaft, die 2004 in London and Washington, D.C. gegründet wurde” wie es im Prospekt heißt. Er steht dieser Gesellschaft als Vorsitzender vor und ist Gründungsmitglied. Diese Gesellschaft ist ein Hedgefond, der den Handel mit CO2-Ablässen betreibt. Das ist der geniale Trick: ich verbrauche soviel Energie wie ich will und kaufe von mir selbst Ablässe. Wenn das Luther noch erleben dürfte. Kurz zusammengefast heißt es, dass die Wohlhabenden nicht ans Energiesparen denken müssen, da sie sich freikaufen. Sparen müssen die Ärmeren, denn sie können die Ablässe nicht bezahlen.

    So funktioniert der Ablasshandel von Al Gore, und die ganz Welt jubelt und macht auch noch Musik dazu…