Nur das Beste aus dem Schwarm

Crowdsourcing ist, laut wikipedia, “ein 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson (Wired Magazine) geprägter Neologismus. Während Outsourcing die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen bezeichnet, setzt Crowdsourcing auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von ‘Freizeitarbeitern’ im Internet. Eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert bereitwillig

crowdsourcing.jpgCrowdsourcing ist, laut wikipedia, “ein 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson (Wired Magazine) geprägter Neologismus. Während Outsourcing die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen bezeichnet, setzt Crowdsourcing auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von ‘Freizeitarbeitern’ im Internet. Eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert bereitwillig Inhalte, löst diverse Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt.”

Internetseiten wie Wikipedia aber auch Softwareentwicklungen wie Linux oder Mozilla Firefox funktionieren rein über solches Crowdsourcing. Der Wortneuschöpfung liegt ein nicht allzu neues Konzept zugrunde: Die Idee von “Schwarmintelligenz” oder “kollektiver Intelligenz” ist ein schon länger bekanntes Phänomen. Neben systemtheoretischen Ansätzen gibt es auch soziologische und pseudowissenschaftliche Erklärungsversuche. So versteht etwa eine soziologische Interpretation unter kollektiver Intelligenz gemeinsame, konsensbasierte Entscheidungsfindung.

“Kollektive Intelligenz” oder “digitaler Maoismus”?

Unlängst ist nun der Streit über dieses Phänomen neu entbrannt. Eine Seite propagiert enthusiastisch “The Wisdom Of Crowds”, wie der Finanzjournalist James Surowiecki, indem er Beispiele für die These anführt, dass Gruppen oft schlauer sind als die Gescheitesten in ihrer Mitte. Selbstverständlich findet sich unter den Verfechtern der Überlegenheit des Prinzips Crowdsourcing auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, welcher visionär davon träumt, dass sich mit dem Web 2.0 jeder Mensch von aller Macht und jedwedem selbstherrlichen Expertentum befreien könnte. Die andere Seite wird beispielsweise von Autoren wie Jaron Lanier vertreten, für den die viel gepriesene “Schwarmintelligenz” nur eine trügerische “Wiederauferstehung der Idee ist, dass das Kollektiv unfehlbar” sei, und dass man die vielen Stimmen nur zu bündeln brauche, damit daraus der Weltgeist tönt. Das Gegenteil sei der Fall, so Lanier, mittels “Schwarmintelligenz” ließen sich nur statistische Zahlenwerte wie Wahlergebnisse feststellen, nicht aber Wissen generieren. Im Gegenteil, Systeme wie Wikipedia führten nur zu einem alles nivellierenden “digitalen Maoismus”. Das Internet fördert nach Laniers Meinung den Glauben daran, dass ein Kollektiv Intelligenz, Ideen und Meinungen hervorbringen könne, die denen des Individuums überlegen seien.

Open-Source-Experiment Journalismus

Dem Journalistik-Professor Jay Rosen von der New York University (NYU) gelingt es dagegen beiden gegensätzlichen Standpunkten etwas abzugewinnen und einen Kompromiss anzubieten. Rosen, der lange schon propagiert, die Presse müsse “interaktiver” werden, indem sie Open-Source-Strukturen einführt, hat in den vergangenen Monaten eine Plattform betrieben, die im Crowdsourcing-Verfahren genau dieses Verfahren selbst verhandeln sollte. “Wenn es einen neuen Trend gibt, dann kann man zwei oder drei Journalisten darauf ansetzen. Aber was passiert, wenn es 200 oder 300 Menschen sind?”, fragte der Professor.

“New Assignment” heißt das NYU-Projekt, das nun seine Ergebnisse vorstellte. Die Seite hat großartigen Werkstattcharakter, all die 80 darauf versammelten Texte versuchen, die Möglichkeiten, Stärken, Grenzen des Crowdsourcing abzutasten. Rosen selbst sieht seine Plattform und die bisherigen Texte nur als Anfang. In den kommenden Wochen will er NewAssignment.net verlinken mit einer Seite der Star-Bloggerin Ariana Huffington, die hofft, den US-Wahlkampf im kommenden Jahr durch ein engmaschiges Netz lokaler Reporter kritisch begleiten zu können.

Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Nachrichtenagentur Reuters mit 100.000 USD und von der Medienstiftung Sunlight sowie von Craig Newmark, dem Gründer der Online-Anzeigenbörse Craigslis, mit jeweils 10.000 USD.

Es wurden u.a. 80 Interviews mit den Machern der Crowdsourcing-Szene geführt, wie z.B. Alpheus Bingham von InnoCentive, Matt Flannery von Kiva.org, Bruce Livingstone von iStockphoto, Jimmy Wales von Wikipedia, Jeffrey Kalmikoff von Threadless und David Lionel von CrowdSpirit. Für jeden Interessierten dieses Themas stellt die Webseite zero.newassignment.net in Zukunft eine wichtige Informationsquelle dar.

Photo Quelle/ Copyright: Ross Mayfield, cc creative commons Namensnennung-NichtKommerziell 2.0 (via flickr)

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