Die Goldene Regel und der interkulturelle Dialog

Die Goldene Regel ist ein grundlegendes ethischen Prinzip, das eine Ethik der Gegenseitigkeit begründet. Gegenseitigkeit ist ohne Empathie nicht denkbar, also ohne das ehrliche Bemühen, den Anderen in seiner Andersartigkeit zu verstehen. Dieses Verständnis wiederum ist eine Voraussetzung für den interkulturellen Dialog. Und der interkulturelle Dialog zählt wohl zu den

Buddha.jpgDie Goldene Regel ist ein grundlegendes ethischen Prinzip, das eine Ethik der Gegenseitigkeit begründet. Gegenseitigkeit ist ohne Empathie nicht denkbar, also ohne das ehrliche Bemühen, den Anderen in seiner Andersartigkeit zu verstehen. Dieses Verständnis wiederum ist eine Voraussetzung für den interkulturellen Dialog. Und der interkulturelle Dialog zählt wohl zu den größten Herausforderungen unserer Zeit.

Ein zeitlos gültiges Prinzip

Die Eignung der Goldenen Regel als eine Dialogregel ergibt sich aus ihrer weltweiten Verbreitung und ihrer universalen Bekanntheit. Dabei ist sie nach religionswissenschaftlichen Erkenntnissen unabhängig an mehreren Orten entstanden, was sie zu einer sittlichen Grundformel der Menschheit macht, zu einem zwingend und zeitlos gültigen ethischen Prinzip. Seit vielen Jahrhunderten findet man die Goldene Regel in verschiedenen Kulturen und Religionen.
In der Buddhismus finden wir sie („Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein, und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?“, Samyutta Nikaya V. 353, 35-354, 2), ebenso im Jainismus („Gleichgültig gegenüber weltlichen Dingen sollte der Mensch wandeln und alle Geschöpfe in der Welt behandeln, wie er selbst behandelt sein möchte.“, Sutrakritanga I. 11.33) und im Hinduismus („Tue keiner dem anderen, was er nicht will, daß es ihm selbst widerfahre.“, Mahâbhârata XIII, 5571). Diese Texte der asiatischen Religionen stammen aus der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends.

Bestandteil vieler philosophischer und literarischer Quellen

Es sind aber nicht nur die religiösen Wertbildungssysteme, die in dieser Zeit die Goldene Regel verbreiten. Sie ist auch Bestandteil vieler philosophischer und literarischer Quellen. Konfuzius etwa sagt: „Was du selbst nicht wünschst, das tu auch nicht anderen Menschen an.“ (Gespräche 15, 23), von Thales von Milet stammt die Bemerkung: „Wie können wir das beste und rechtschaffenste Leben führen? Dadurch, daß wir das, was wir bei anderen tadeln, nicht selber tun.“ (nach Diogenes Laertius I, 36), Pittakos, einer der sieben Weisen, prägte den Satz: „Worüber du dich bei deinem Nächsten ärgerst, das tue selbst nicht.“ (nach Stobäus III, 1, 172) und der Vorsokratiker Maiandrios von Samos stellt fest: „Was ich dem Nächsten zum Vorwurf mache, werde ich selber nach Kräften nicht tun.“ (nach Herodot III, 142).

Auch in den drei abrahamitischen Religionen erscheint die Goldene Regel an exponierter Stelle. Für das Judentum lassen sich zwei Quellen ausmachen: das Buch Tobit aus dem 2. Jh. v. Chr. („Was dir selbst verhaßt ist, das mute auch einem anderen nicht zu!“, Tob 4, 15) und der Babylonische Talmud (7. Jh.): „Alles, von dem du willst, dass es dir nicht geschehe, das tue auch anderen nicht.“ (Sabbat 31a).

In Christentum und Islam gültig

Für das Christentum wird die Goldene Regel mit dem Evangelium verbindlich, das Jesus mit den Worten zitiert: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut ihr auch ihnen.“ (Mt. 7, 12). Außerdem weist die lex nova die Reziprozitätsstruktur und die Empathie der Goldenen Regel in verstärkter Form auf: „Das ist mein Gebot: Liebet einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15, 12), so wie das von Jesus als wichtigstes alttestamentliches Gebot bezeichnete „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12, 31) sich neben dem Pathos des Liebesbegriffs dadurch auszeichnet, dass es ebenfalls reziprok angelegt ist, auch wenn sich die Gegenseitigkeit hier nicht auf den ersten Blick erkennen lässt, weil der ausgleichende Charakter des Mutualitätskonzepts in den Handelnden hineingelegt wird, so dass es gar nicht mehr auf den Anderen und dessen Handeln ankommt (sonst müsste es heißen: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie er dich“.). Im Liebenden selbst findet der empathische Ausgleich statt, da sich dessen Liebe gleichermaßen nach außen (auf andere) wie nach innen (auf sich selbst) bezieht. Paulus bekräftigt im Brief an die Galater dieses zugleich raffinierte wie weitreichende Gebot und sorgt so für eine rasche Verbreitung in Kleinasien (Gal 5, 14).

Schließlich erwähnt auch der Islam eine Form der Goldenen Regel: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.“ (Hadith 40, 13), wobei fraglich ist, wen Mohammad mit „Bruder“ meint. Hier ist neben der universalistischen Lesart auch eine Beschränkung auf den Glaubensbruder denkbar, was weite Teile der Menschheit ausschließen würde.

Die Goldene Regel mit ihren positiven und negativen Formulierungen erfasst zwei Grundaspekte jeder Ethik: Wird in der positiven Form der Goldenen Regel („Verhalte dich dem Anderen gegenüber so, wie du willst, dass er sich dir gegenüber verhält.“) kontextualistisches Wohlwollen gefordert, verweist die negative Fassung („Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“) auf die kontraktualistisch zu definierenden Grenzen der Eingriffsmöglichkeit in die Sphäre des autonomen Anderen, orientiert am Begriff der Gerechtigkeit.

Ferner manifestiert sich im Impetus der Goldenen Regel ein entscheidender zivilisatorischer Fortschritt vom Vergeltungsprinzip zum Grundsatz des Wünschenswerten. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge für Auge, Zahn für Zahn.“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von ethisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Dabei ist auf die Deutung der Goldenen Regel im Sinne des Wünschenswerten zu achten, also darauf, dass man fragt: „Wie hätte der andere gerne, dass ich ihn behandele?“ und nicht „Wie würde der andere mich wohl behandeln?“, denn diese Frage steht zu nahe am Vergeltungsprinzip, von dem ja Abstand genommen werden soll. Eine moderne Formulierung der Goldenen Regel könnte demnach lauten: „Behandele andere so, wie du selbst an ihrer Stelle wünschtest behandelt zu werden.

Wohlwollen und Gerechtigkeit

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Fanatismus, eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, zeigt sich darin die Stärke der Goldenen Regel, deren Prinzipien Toleranz und Wertschätzung den überlegenen Ansatz gegenüber der fanatischen Intoleranz und Verachtung des Anderen darstellen. Dazu ist die Goldene Regel unter den beiden ethischen Grundaspekten zu betrachten, die in ihrer positiven und negativen Form zum Ausdruck kommen: Wohlwollen und Gerechtigkeit.

Bei der Toleranz geht es darum, nicht nur Wohlwollen, sondern auch Gerechtigkeit walten zu lassen, was Intoleranz gegenüber Intoleranten ausdrücklich möglich und nötig macht. Die Fairness des im Ethos der Goldenen Regel geführten Dialogs darf nicht missbraucht werden. Dies ist der Fall, wenn das Dialogangebot etwa genutzt wird, um sich unter dem Schutz der Toleranz auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Bei der Wertschätzung geht es umgekehrt nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Wohlwollen. Das bedeutet, dass die Forderung nach Autonomie und Freiheit des Subjekts verknüpft werden muss mit der Achtung der kulturellen Integrität aller Kommunitäten, die in ihren jeweiligen Eigenheiten ernst genommen werden müssen.
Nur wenn es gelingt, die Toleranz und die Wertschätzung, welche die Goldene Regel anmahnt, in diesem erweiterten Verständnis (Gerechtigkeit und Wohlwollen) zu sehen, kann der interkulturelle Dialog gelingen.

Abbildung via Wikipedia. Copyright: public domain
Dieser Text erschien in englsicher Sprache auf Ohmynews.

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