Vor mehr als zwanzig Jahren hat Agnes, die heutige Schulleiterin einer der drei Primary-Schools in Kivumu, die Gründung dieser Schule schon miterlebt. Damals stellte die Regierung das Schulwesen von der Baumschule zur heutigen etablierten Schulform mit Gebäuden um.
Was unter Baumschule zu verstehen ist, wie sich die Gegenwart in Kivumu zeigt, welche Aussichten und Hoffnungen für die Zukunft bestehen und welche Fortschritte zu verzeichnen sind, schildert Agnes aus eigenem Miterleben als Insiderin…
Unterricht unter schattigen Bäumen
Wenn du heute die Schulkinder siehst, mit welch schweren Taschen sie sich abquälen müssen, kannst du kaum glauben, dass zu damaliger Zeit Schularbeiten wirklich nur in der Schule gemacht wurden. Auf dem Schulweg hattest du nur deinen Kopf, deine Hände, deine Schenkel und sonst nichts zu tragen. Mit deinem Kopf nahmst du das Gelernte auf. Mit den Händen brachest du einen großen Dorn, um damit zu schreiben. Die Oberschenkel benötigtest du, um darauf zu schreiben.
Natürlich gab es damals noch keine Schule mit Klassenräumen. Die einzelnen Klassen fanden sich dort zusammen, wo es einen Schatten spendenden Baum gab. Glücklicherweise gab es damals in Kivumu viele ausladende Bäume und Büsche mit großen Dornen.
Wir bildeten eine Klasse, indem wir ein großes, schweres Brett, auf dem die rote Lehmerde getrocknet war, als Tafel an einen Baumast hingen und gruppierten uns so, dass wir den Lehrer und die Tafel im Blickfeld hatten. Jeder von uns hatte zu Beginn des Unterrichts mehrere Dornen vorbereitet. Wir nahmen aber nicht jeden Dorn, er musste zwar angetrocknet aber nicht ganz trocken sein, damit er nicht die Haut ritzte. War der Dorn zu scharf, dann knipsten wir die Spitze ab. Er durfte aber auch nicht zu stumpf sein, sonst schrieb er nicht.
Der Lehrer erklärte das Thema und schrieb ein Beispiel oder eine Übung an die Tafel, die wir dann auf unseren Oberschenkeln, die auch mit der roten afrikanischen Erde eingerieben waren, nachschreiben mussten. Anschließend ging der Lehrer von Schüler zu Schüler und kontrollierte das Geschriebene. Wehe dem, der einen Fehler hatte. Der Lehrer hakte die richtigen Schreibweisen zartfühlend ab, doch gnadenlos ritzte er die Haut, wenn er eine falsche Antwort entdeckte.
Züchtigungen als Lehrmethode
In der Tat gab es viele unterschiedliche Strafen bei schlechten Leistungen oder Verspätungen. Abgesehen vom Hautritzen, mussten säumige Schüler zum Beispiel die große Tafel nach Hause tragen und sie am nächsten Morgen wieder zurückbringen. Die Holztafel durfte nämlich nicht hängen bleiben, da sie sonst über Nacht zu Brennholz verarbeitet worden wäre. Strafe bestand auch darin, den Platz für die Klasse vorzubereiten. Das Gras musste geschnitten, störende Steine entfernt werden. Auch musste der Platz frei von Schlangen und Ameisen sein. Diese Strafen verblassten aber alle gegenüber den Stockschlägen. Nicht nur, dass der Hosenboden dabei blutig geschlagen wurde, sie trafen auch andere Körperteile, so dass Knochenbrüche und langfristige Behinderungen nicht selten waren. Züchtigung wurde das ganze Unterfangen genannt.
Das Wort Schule wurde zu unserer Zeit immer in Anführungszeichen gesetzt, da sie alles andere als eine Green Hills Akademie war. Schule war hier als eine Ansammlung von Klassen zu verstehen, die nicht unbedingt eng zusammen lagen oder immer am gleichen Platz waren. Hier, diese Kivumu Schule konnte heute auf diesem Hügel stattfinden und morgen verteilt sein über die Hügel der Umgebung. Es lag immer daran, wo die größten Schatten gespendet wurden und welche Strafen am Vortag verhängt wurden. Ein weiterer Schulweg gehörte als Kollektivstrafe auch zum Strafregister.
Nicht selten wurde der Klassenbaum morgens gefällt vorgefunden. Dann hatten Schüler, die sich zu Unrecht oder zu hart bestraft fühlten, des nachts auf ihre Art Rache geübt. Oder es hatten sich Eltern, deren Kinder nicht zum Unterricht zugelassen wurden, abreagiert. In solch einem Fall musste kurzfristig ein schattiger Platz in der Nähe gefunden werden, der von anderen Klassen noch nicht belegt war.
Fehlende Klassenräume zwingen zum Schichtunterricht
Unsere Schuluniform bestand damals aus dem weißen Sackleinen der Maissäcke, die uns zur Linderung der Hungersnot aus Amerika geschickt wurden. Weil die Sisalsäcke zu porös waren, benutzten die Amerikaner schönes weißes Leinentuch. Es wurden schöne Schuluniformen aus dem Tuch geschneidert mit einem kleinen Haken allerdings, dass das verpönte schwarzweiße Handschlag-Enblem auf den amerikanischen Hilfslieferungen nicht abgescheuert werden konnte. Wenn es dann endlich verblasste, war die Uniform so verschlissen, dass sie zur Schule nicht mehr getragen werden durfte. Sidney Poitier, der erste schwarze Oscar-Gewinner, hat übrigens als armer Junge auf den Bahamas zuerst diese Kleidung getragen.
Heute stehen wir auf dem Schulhof, der im Karree von den Schulgebäuden umgeben ist. Die ersten Gebäude wurden als Lehmhäuser vor dreißig Jahren gebaut. Dem Bedarf folgend wurden nach und nach weitere Gebäude gebaut. Die letzte Zeile als Klinkerbau wurde nach 1994 erstellt. Für die über 5.000 Schüler haben wir drei solcher Schulen in Kivumu. Von den insgesamt 67 Klassenräumen sind 42 wegen Baufälligkeit und Gefährdung nur noch in Ausnahmefällen (Regen) zu nutzen. Wegen fehlender Klassenräume müssen wir im Schichtunterricht und wie früher in der Baumschule arbeiten. Trotzdem haben unsere Klassen immer noch mehr als 50 Schüler. Fehlende Sanitäranlagen machen uns große Sorgen. In einer Schule fehlen sie total oder es gibt eine Toilette für bis zu 179 Schüler. Wenn wir unter diesen Umständen den Kindern etwas von Hygiene erzählen, werden wir als Lehrer nicht mehr ernst genommen.
Die Wasserversorgung ist auch noch nicht durchgängig gegeben. Einige Regenwassertanks hat die Regierung schon gebaut. Dachrinnen können aber nur an den wenigen neueren Dächern installiert werden. Die alten Gebäude müssen von Grund auf rehabilitiert werden. In den Klassenräumen haben wir größtenteils nur Sitzbalken und behelfsmäßige Schreibunterlagen. An den Stirnwänden haben wir große Tafeln, die wir wechselseitig während des Unterrichts benutzen. Die Kinder müssen sich so immer bewegen und empfinden das Sitzen nicht so beschwerlich. In Kivumu sind wir mit den drei Schulen in das Projekt “Laptops für alle Schüler” eingebunden. Wenn im nächsten Jahr die ersten Geräte geliefert werden, müssen wir zumindest passendes Mobiliar für die Kinder haben.
Die meisten Kinder kommen wegen fehlender Nahrung zu Hause nüchtern zur Schule
Sie werden dann hier in der Schule schwach, unkonzentriert und sogar krank. Wir bemühen uns eine Schulküche zu organisieren, damit für alle ein geregelter Unterricht stattfinden kann. Der Raummangel trifft auch das Lehrerkollegium. Es gibt keine Räume, in denen wir uns vorbereiten können. Bücher und Schulmittel haben wir alle zu Hause gelagert und bringen sie nach Absprache untereinander und jeweiligem Bedarf in die Schule. Jeder Schule steht ein PC zur Verfügung. Über diese werden die einheitlichen Lehrpläne und die Lehrerfortbildung von der Regierung vermittelt. Betrieben werden die Geräte über Solarenergie und Batterien, was noch zu vielen Störungen führt.
Das Herzstück der Streusiedlung Kivumu ist der Franziskaner-Konvent mit den Brüdern und Schwestern. Ihre Hilfe und Unterstützung gibt uns allen immer wieder Mut und Hoffnung für die Zukunft. Die Kirchenmänner betreiben eine Berufsschule mit Ausbildungswerkstätten für Maurer, Zimmerleute und Schneider. Geplant sind weitere Werkstätten für Schlosser und Elektriker. Alle Ausbildungszweige sollen zukünftig auch kaufmännisch unterrichtet werden, damit die Absolventen nach zwei Jahren selbstständig ihr Handwerk betreiben können. Die Franziskaner verhandeln zur Zeit mit der Distriktverwaltung die Abwicklung der Instandsetzung unserer Schulen. Bis auf den Bauführer werden fachkundige Helfer aus allen Fakultäten der Berufsschule und das Material von den Franziskanern gestellt, die auf Grund der Spenden aus Deutschland dazu in der Lage sind. Die Zimmerleute werden übrigens auch die Schulmöbel als ihre Qualifizierungsarbeit bauen.
Zu dem Sanierungskonzept gehört auch die Anschaffung eines Stromaggregates, das die Werkstätten und die Schulen verlässlich mit Strom versorgt. Mehrere Solarkocher sind das Kernstück der Schulküchen. Die Nahrungsmittel werden täglich frisch von den Kindern als Schulverpflegung mitgebracht und die von der Kirche unterstützten Frauen des Ortes werden den Küchendienst übernehmen. Die Küchenkapazitäten sollen so ausgelegt werden, dass sie in Notsituationen (Dürre, Trockenheit, Unwetter, Ernteverlust) als Gemeinschaftsküche für die Bewohner von Kivumu dienen können. Die Schwierigkeiten bei der Verteilung von Notrationen der Nahrungsmittel würden bei einer Gemeinschaftsküche gar nicht auftreten, da man sich ja nur einmal satt essen kann.
Damit die Bewohner von Kivumu in die gemeinschaftliche Hilfsaktion zur Selbsthilfe eingebunden werden können, wird nach der Sanierung der Mikrofinanz-Bank in Kivumu ein Gebäude zur Verfügung gestellt. Mit 13 Euro Einlage kann dort jeder Volljährige geschäftsfähig werden und ist damit nicht mehr ausschließlich auf den Tauschhandel angewiesen und kann dann sogar mit Kleinkrediten eigenverantwortlich wirtschaften. Alle Beteiligten am Sanierungskonzept in Kivumu sind fest davon überzeugt, dass sich das angestoßene Schneeballsystem für jeden Einzelnen positiv entwickeln wird.
Foto via Wikiversity, copyright: GNU
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