.1994 nach dem großen Gemetzel und Blutvergießen waren die Menschen in Kivumu hungrig, durstig, geschändet, traumatisiert, krank, untereinander verfeindet, obdach- und mittellos. Die Gemeinde tot, Familien ausgelöscht oder zerbrochen, die Menschen streunten und vegetierten hasserfüllt und voller Angst umher. Häuser zerstört und Felder unbestellt. Die überlebenden Toten waren einsam und verlassen.
In der Ortsmitte der unbeschädigte Kirchenraum, in ihm Pater Vjeko, der einzige an Geist und Körper gesunde Mensch. In der Ausweglosigkeit wurden Pater und Kirche zum Anlaufpunkt der Hoffnungslosen. Hunger und Durst wurden hier aufgrund eingehender Geld- und Sachspenden ohne Ansehen der Personen gestillt. Gleichzeitig brachte Pater Vjeko mit endloser Geduld Kommunikation, Vertrauen, Versöhnung, Miteinander, Füreinander und damit den Neubeginn wieder in Gang.
Verteiltes Saatgut mussten die Familien von Kivumu sortenweise unter sich aufteilen, wenn sie als Selbstversorger den Monoanbau vermeiden wollten. Alternativ konnten später die Ernteerträge auf dem Dorfmarkt getauscht werden. Beide Aufteilungs- und Verteilungsverfahren konnten allerdings nur nach langen Überzeugungsgesprächen praktiziert werden. Als Kommunikationsübung wurde in der Kirche gemeinsam gebetet. Von den gespendeten Ziegen und Kühen musste wegen deren geringer Anzahl jeweils ein Tier immer mehreren Familien zugeteilt werden. Futterbeschaffung, Milch- und Fleischverwertung waren dadurch zwangsläufig Gemeinschaftsaufgaben, die Kommunikation, Vertrauen und Miteinander wieder als Werte aufkeimen ließen.
Einmaliges Fingerspitzengefühl
Pater Vjeko bildete mit den zahlreichen Witwen und Waisenkindern neue Familienverbände und Kinderfamilien. Für sein einmaliges Fingerspitzengefühl spricht, dass diese „künstlichen“ Familien heute noch Bestand haben. Weniger Glück hatte er mit einer Witwen-Kooperative. Sie fiel durch die Misswirtschaft eines unzuverlässigen Geschäftsführers wieder auseinander. Mit Hilfe massiver Spenden konnte den Witwen- und Kinderfamilien auf rechtlich abgesicherter Basis ausreichend Grund und Boden zugeteilt werden, so dass sie sich nach der Anschubhilfe selbst versorgen konnten.
Durch die Entwicklung und den Bau von mehr als 250 Standardhäusern wurde in Kivumu die Obdachlosigkeit fast beseitigt. Die Häuser zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit sonnengetrockneten Lehmsteinen gebaut werden. Die Steine und der Lehmputz werden direkt auf der jeweiligen Baustelle produziert. Diese Art des Hausbaues wird fast ausschließlich im Rahmen von Nachbarschaftshilfe (Gemeinschaftsbildung, Verständigung) ausgeführt. Sie ist äußerst kostengünstig und vor allem Bauholz sparend. Geld benötigt man für die Dachbeplankung, Fenster und Türen, Zement, Scharniere, Nägel und den Lohn für einen Baufachmann. Die Häuser werden zur Zeit für 700 Euro fertiggestellt. Gegenüber der bisherigen Ständerbauweise der üblichen Hütten werden 80 Prozent weniger Holz verarbeitet. Umweltschutz und umfangreiche Aufforstungen werden heute zumindest durch Rodungen für Bau- und Brennholz nicht mehr gänzlich in Frage gestellt.
Die Wasserversorgung in der 30.000-köpfigen, hügeligen Streusiedlung wurde durch den Bau einer gering verzweigten, zentralen Wasserleitung nach dem Hochbehältersystem sichergestellt und vor allen Dingen erleichtert. Unter alten Verhältnissen musste eine Familie für die tägliche Wasser- und Brennholzversorgung 6 – 8 Stunden einer Arbeitskraft (Frauen, Kinder) einsetzen. Die hygienischen Verhältnisse besserten sich schlagartig. Auf Wassermangel zurückzuführende Krankheiten und Schwächen wurden selten. In einzelnen Fällen konnten in Dürrezeiten Ackerflächen bewässert werden.
Rückgang der Aids-Epidemie
Im Gesundheitszentrum versorgen, betreuen und beraten die Franziskanerinnen vorrangig Kleinkinder, Schwangere und Aidskranke auch stationär. In Kivumu ist nach der Erhebung in 2007 die Aidsquote von 11 Prozent in 1994 auf 3 Prozent gesunken. Gezielte Spenden ermöglichen die Bevorratung mit den wichtigsten Medikamenten. Das massive Gebäude der Dispensary erlaubt die Lagerung von Grundnahrungsmitteln, so dass in Dürrezeiten oder bei Missernten der Bevölkerung kurzfristig ausgeholfen werden kann.
Das Schulangebot wurde durch eine Berufsschule für Maurer, Schreiner und Schneider wirkungsvoll erweitert. Die drei Grundschulen mit 5.000 Schülern wurden soweit unterstützt, dass ein geordneter Unterricht abgehalten werden kann. Die Schulgebäude sind zu großen Teilen nicht mehr nutzbar. Trotz Schichtunterrichts sind die einzelnen Klassen mit 50 und mehr Schülern belegt. Open-air-Unterricht ist an der Tagesordnung. Die Wasserversorgung ist spärlich und Stromanschlüsse gibt es nicht. Rechnerisch kommen auf eine Schultoilette über 100 Kinder. In einer Schule ist gar keine Toilette vorhanden. Bei den äußerst ärmlichen Verhältnissen in den Familien bedarf es dringend einer Schulküche.
Die Einschulquote von über 90 Prozent ist erfreulich hoch, doch dem steht eine Dropoutquote von mehr als 35 Prozent gegenüber. Verursacht wird dieser Ausfall, weil die Kinder zuhause für die Hausarbeit, die Feldarbeit, die Alten- und Krankenversorgung oder die Betreuung jüngerer Geschwister dringend benötigt werden oder Unterernährung und Schwäche einfach einen Strich durch die Rechnung machen. Hinzu kommen auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten, so dass z. B. Schulgeld, Lernmittel und Schuluniformen nicht bezahlt werden können.
Trotz noch vorhandener gravierender Nöte und Mängel ergibt die Rückschau eindeutig:
Pater Vjeko Curic, der selbst 1998 ermordet wurde, hat die Gemeinde Kivumu sowohl geistig als auch materiell nach der Stunde Null wieder ins Leben zurückgeführt. Die Lebensgeister sind wieder erwacht. Hilfe zur Selbsthilfe war sein Credo.
Ausgehend von 1994 und bezogen auf 2020 haben wir in 2007 Halbzeit bei der Umsetzung der Kivumu – Vision – 2020.
Deckung der Grundbedürfnisse – Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, Miteinander – für alle bei einem Leben in Würde.
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Weitere Artikel zum Thema können Sie hier nachlesen:
Ruanda – Von der Landwirtschaft zu Handel und Gewerbe
Ruanda – Leben und Zukunft in Kivumu
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