Bürgermedien: Ein Zwischenbericht

Während meines Vortrags auf dem Internationalen Bürgerjournalismus-Forum von OhmyNews in Seoul wurde ich gefragt, ob ich nicht einen jährlichen Bericht über den Fortschritt des Bürgerjournalismus machen könnte. Zusammengefasst, sieht es nun folgendermaßen aus: Wir sind schon einen langen Weg gegangen. Derzeit spürt man nicht nur eine wachsende Erkenntnis, sondern auch

Gillmor.jpgWährend meines Vortrags auf dem Internationalen Bürgerjournalismus-Forum von OhmyNews in Seoul wurde ich gefragt, ob ich nicht einen jährlichen Bericht über den Fortschritt des Bürgerjournalismus machen könnte. Zusammengefasst, sieht es nun folgendermaßen aus:

Wir sind schon einen langen Weg gegangen. Derzeit spürt man nicht nur eine wachsende Erkenntnis, sondern auch eine steigende Würdigung, warum es Bürgerjournalismus geben sollte. Investitionen verschiedener Medienunternehmen und anderer Interessenten erlauben vielfältige Experimente. Ertragreiche Modelle erhalten derzeit eine erste Gestalt. Und, und das ist am wichtigsten, es gibt eine wahre Flut an großartigen Ideen.
Aber wir haben noch einen langen, langen Weg zu gehen. Wir brauchen viel mehr Experimentierfreudigkeit im Journalismus als auch in den einzelnen Informationsprojekten der Communities. Die Geschäftsmodelle sind, im besten Falle, unbestimmt – und einige bemerkbare Fehler sind auch entmutigend. Sich mit Themen wie ethischen Werten, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu befassen, ist essentiell. Gleiches gilt für Technik und Ausbildung, vor allem in Hinsicht auf die immer wichtigere Medienkompetenz.
Kern meiner Rede waren deshalb die zehn folgenden Punkte:

1. Anerkennung von Bürgermedien

Niemand kann daran zweifeln, dass wir inzwsichen die Aufmerksamkeit von Jedem haben. Eine Google-News-Suche nach “citizen journalism” ergab für heute mehr als 700 Beiträge, wenngleich einige Duplikate und andere von OhmyNews selbst waren.

Insbesondere Videobeiträge wurden zu einem nicht mehr wegzudenkenden Element des Phänomens Bürgermedien. Das berühmte „Macaca“-Video vom letztjährigen Senat-Wahlkampf in Virginia half den Ausgang mitzuentscheiden. Auch das Handy-Video vom Massaker an der Virginia Tech erinnert uns daran, dass solche Amateurvideos die breite Bevölkerung vor allem in den ersten Minuten eher erreichen als professionelle Beiträge.
Auch namhafte Nonprofitunternehmen etablierten sich nun auch stärker in der Szene. Anführer der Liste war die Knight Foundation (welche eines unserer Projekte gegründet hat) mit ihrem Multimillionendollar-Projekt 21st Century News Challenge.

2. Traditionelle Medien steigen mit ein

Es ist ermutigend zu sehen, dass traditionelle Medienunternehmen, ob groß oder klein, sich nun ernsthaft in diesem Bereich engagieren. Na gut, die gewaltige Mehrheit an Tageszeitungen hat heutzutage Mitarbeiterblogs, was kein schlechter Start ist, doch die zukunftsorientierteren Unternehmen laden ihre Leserschaft ein, am eigentlichen Journalismus mitzuwirken – und an dieser Stelle wird es wirklich spannend.
LeMonde zum Beispiel bietet Leserblogs an und machte einige der neuen Autoren zu Online-Stars. Die Ft. Myers New Presse(Florida) fragte ihre Leser, ob diese nicht Lust hätten, hinter die Kulissen der Stadtregierung zu schauen und erzielte damit ausgezeichnete Ergebnisse. Die deutsche Bildzeitung forderte ihre Leser auf, „Bürger-Papparazzi“ zu werden – in meinen Augen eine fragwürdige Aktivität, wenn man den Schutz der Privatspäre betrachtet, aber dennoch ein Vorbote der Zukunft. Das schwedische Aftonbladet bietet ein Blogportal.
Derzeit arbeite ich mit verschiedenen Unternehmen an Projekten, die, wenn sie erfolgreich werden, wundervoll sein werden und uns in jedem Fall helfen werden zu erkennen, was funktioniert und was nicht. Experimentieren – wie wir noch sehen werden – ist in den Reihen der Amateure und der Profis weit verbreitet, und das ist eine tolle Sache.

3. Gegenreaktionen

Neue Dinge stoßen immer auf Gegenreaktionen. Manchmal erreichen einen diese in Form schlecht informierter, reaktionärer Angst und sogar Hass. Manchmal nehmen sie auch die Form ernsthafter Kritik an. Aber immer ist es wichtig, Aufmerksamkeit zu schenken.
Welche Sorgen zeigen sich in der ernsthafteren Kritik? Unter anderem der Gedanke, dass massenhafter Amateurjournalismus zu einem Qualitätsverlust führen könnte.
Betrachten wir die Encyclopedia Britannica. Die Leute dort sehen ihr Kerngeschäft, wenn nicht sogar ihren Lebensinhalt, durch die Onlinewelt in Frage gestellt, allen voran durch Wikipedia. Natürlich sind die beiden Projekte sehr verschieden; dennoch hat Britannica den Kampf aufgenommen, indem sie ihren neuen Blog in die Hände von Bürgermedienkritikern gegeben haben. Einige davon haben sich in hohem Maße selbst diskreditiert, die Argumente von anderen wurden systematisch zerlegt. (Michael Gorman’s “Web 2.0: The Sleep of Reason Brings Forth Monsters” und Clay Shirky’s Gegendarstellung, “Old Revolutions, Good; New Revolutions, Bad” sind erstklassige Beispiele.)
Berechtigterweise hat die Kritik hat auch ethische Bedenken genannt. Sie führt an, dass die Standards traditioneller Medien – natürlich oft übertreten – dazu dienten, offenkundige Beeinflussung von Journalisten durch ihr Thema zu vermeiden. Wir kommen später dazu.

4. Tools und Ideen

Es gab noch nie eine so gute Zeit, um neue Ideen auszuprobieren. Wir sind geradezu begraben unter einer Lawine von Tools und Ideen, die das Potential dazu haben, Journalismus vielfältiger und besser zu machen.
Diese Ideen und Tools finden sich überall. Betrachten wir an dieser Stelle nur einige Wenige unter den Tausenden, die ich hier auflisten könnte:
Jay Rosen’s NewAssignment.net, wo journalistisches “Crowdsourcing” mehr und mehr an Profil gewinnt, und wo das Potential, den Journalismus zu verbessern, atemberaubend ist.
Map mashups, so wie die mächtige Tunisian Prison Map, die ein Licht wirft auf ein unterdrückendes Regime, das abweichende politische Meinungen erstickt.
Neue Kommunikationstechnologien wie das Apple iPhone oder das Nokia N95, deren Entwicklungen herausragende Fortschritte in der Medienproduktion bewirken.
Placeblogger, wo Lisa Williams eine neue Form lokaler Medien versammelt hat und an einem Geotagging-System arbeitet, das wesentlich für lokale Werbung werden könnte.
Pambazuka News, ein afrikanischer Podcast-Service, der sich selbst als „wöchentliches Forum für soziale Gerechtigkeit in Afrika“ bezeichnet.
Was sie alle gemeinsam haben, ist der Sinn für das Erforschen. Sowas muss gefeiert werden.

5. Geschäftliche Fragen

Der Bruch in der traditionellen Medienwirtschaft wächst weiter. Stellenstreichungen in großen Unternehmen und die Litanei von Angst und Hass in der Nachrichtenwelt ist entmutigend. Die Bemühungen der Bürgermedien, Geschäftsmodelle zu finden, sind ebenso anstrengend. Doch die vergangenen Jahre haben einige ermutigende Zeichen gesetzt. Leider nicht so viele, dass wir auch nur halbwegs zufrieden sein könnten – dies bezeugt das Scheitern hochkarätiger Startups.

Marktnischen und einige Bürgernachrichtenseiten wachsen schnell, wenn die Qualität gut genug ist und natürlich besonders, wenn Inserenten einen brauchbaren Markt darain sehen. Als Om Malikbeschloss, seine Seite auszubauen, jubelten beispielsweise die Menschen, die sich für das Aufkommen eines neuen Journalismus’ interessierten. In Israel schloss Scoop – eine Seite, die sich OhmyNews als Vorbild genommen hat – einen großen Deal mit “Orange” ab, einem großen Telekomanbieter. NowPublic machte ein Geschäft mit Associated Press, die in ihrer neuen Agentur Amateurfotos für die Nachrichten verwenden.

Wohltätigkeitsorganisationen schenken der Sache nun ebenfalls mehr Aufmerksamkeit. Die 21st Century News Challenge der Knight Foundation pumpte einiges an Geld in den aufstrebenden Markt, indem sie dort eine Reihe verschiedenartiger Projekte mit enormem Potential finanzierte.
Trotz all dieser Vormärsche gibt es auch eine Reihe von Fehlschlägen. Der Niedergang von Backfence erhielt große Aufmerksamkeit, obwohl es nicht das einzige Projekt war, das am Wegesrand liegen blieb. Das aus meiner Sicht vielleicht enttäuschendste Ereignis war der Niedergang des nonprofit Radios Open Source, eine Seite, die wohl einer der innovativsten Arbeiten überhaupt leistete.

6. Experimentieren ist billig

Die Kosten, um neue Ideen auszuprobieren, tendieren gegen null. Das bedeutet, dass sehr viele Menschen die Möglichkeiten der neuen Medien testen und noch testen werden.
Clay Shirky hat dieses Phänomen intensiv untersucht. Für seine Untersuchung weist er auf SourgeForce, eine Seite, auf der open-source Softwareentwickler Projekte zum Download, Analysieren, und hoffentlich verbessern anbieten. Clay fand heraus, dass die Mehrzahl der Projekte dort, egal nach welcher Definition, Fehlschläge waren. Jedoch sind Zehntausenden von Fehlschlägen einzeln betrachtet sehr günstig und sie schufen sie eine Bühne für die kleinen, aber doch wesentlichen Erfolgsprojekte.
Was bedeutet das? Er schreibt:

“Die geringen Kosten von Misserfolgen implizieren, dass niemand, der eine neue Idee hat, jemanden Anderes davon überzeugen muss, damit er diese ausprobieren kann. Es bestehen kaum institutionelle Barrieren zwischen dem Gedanken und der Aktion. Das, was die Nachrichtenindustrie schon vor Jahren hätte ausprobieren sollen, geschieht nun auf einem viel verzweigteren Weg. Zugegeben, einiges davon wird von Leuten innerhalb der Medienunternehmen geleistet, doch das meiste nicht – und das wird auch nicht geschehen. In Zukunft wird es an Universitäten stattfinden, in Gesellschaften, in Garagen oder an Küchentischen.”
Mit anderen Worten, man braucht nicht nur keine Erlaubnis, sondern auch nicht viel Geld. Das ist der Grund, warum ich so optimistisch in die Zukunft der Medien und in die des Journalismus blicke.

7. Einige verfolgenswerte Experimente

Die Möglichkeiten sind endlos, aber ich habe einige konkrete Vorschläge, welche Arten von preiswerten Projekten ich gerne sehen würde. An einigen arbeite ich bereits selbst aktiv.
Eines ist im explodierenden Bereich der Mobilität. Dieser hat einige Bestandteile: Wir nehmen mittlerweile das Netz mit uns, sind nicht länger an den PC gebunden. Dies ist nichts Neues in Teilen von Europa und Asien, aber in den Vereinigten Staaten, die diesbezüglich hoffnungslos hinterhinken, ist es eine neue Wirklichkeit. Und da die Gerätschaften (wie die “Telefone” von Apple und Nokia, bei denen Sprachkommunikation fast die uninteressanteste Option ist), in ihrer Funktionalität und Raffinesse wachsen, können wir nicht nur Informationen erhalten und auf sie einwirken, wann und wo wir wünschen, sondern wir können auch zeitnah zum Kollektivwissen beitragen, wo immer wir uns auch gerade aufhalten.
Ein anderer Bereich ist noch weitestgehend unangetastet. Für mich gehört er ihn eine Kategorie mit etwas, von dem mir Microsoft Forscher Treber Smith einmal erzählte. Zusammengefasst sagte er, dass nicht nur jede Person eine Geschichte erklären könne, sondern in zunehmendem Maße auch — mittels Strichcodes und Funksteuerung — jeder Gegenstand. Wenn man sich das weiterdenkt, ist das Potential atemberaubend.

Meine Experimentierphilosophie:

Offenheit: Benutzen Sie offene Technologien und seien Sie anderen gegenüber offen über das, was Sie tun. Sicher, eine wirklich großartige Idee kann solch ein heißes Geschäftsprojekt sein, das man im heimlich arbeiten sollte, aber die meisten Ideen finden mehr Zugkraft mit Hilfe anderer, die sich für das, was Sie tun, interessieren.
Benutzen Sie Tools, die es bereits gibt: Das Rad neu zu erfinden ist selten ein produktiver Gebrauch von Zeit im Bereich der preiswerten Experimente. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele, wenn nicht gar alle Tools, die Sie benötigen, bereits vorhanden sind.
Zusammenarbeit:
Arbeiten Sie mit allen und Jedermann.
Riskieren Sie etwas: Dies ist bei weitem das wichtigste. Silicon Valley, in dem ich mehr als eine Dekade gelebt habe, hat mir eine entscheidende Wahrheit beigebracht: Dass eine Kultur der Risikobereitschaft Vorbedingung für breiteren Erfolg ist. Die niedrigen Kosten des Versuchs und dementsprechend die niedrigen Kosten des Misserfolgs, entfernen praktisch alle Gründe für Hemmungen vor dem Risiko.8. Ethik, Verlässlichkeit, Benehmen
Die Kritiker bewegen sich möglicherweise auf ihrem stichhaltigsten Grund, wenn sie Fragen des Vertrauens in die Bürgermedien aufwerfen. Es ist nicht ausreichend für uns, darauf hinzuweisen, dass auch die traditionellen Medien in dieser Hinsicht Probleme haben. Wir müssen die Probleme zugeben und an Lösungen arbeiten.
Einige Beispiele von fraglicher Tätigkeit unterstreichen die Probleme. Was ermuntert, ist, dass sie aufgezeigt und öffentlich wurden, nicht nur von den Bürgerjournalisten, sondern in einigen Fällen auch durch die großen Medienorganisationen.
So wurde zum Beispiel das “Wal-Marting Across America “-Blog, angeblich von zwei unabhängigen Fans des Einzelhandelgiganten, als ein PR Stunt enttarnt.
Und die abscheuliche Pay-Per-Post Handhabung, von Jason Calacanis passend “dumm und böse” benannt, hat gezeigt, daß ethische Themen in der Blogosphäre genauso wichtig wie in den traditionellen Medien sind.
Und als Folge nicht neuer Sorgen über Online-Benehmen begannen einige wohlmeinende Leute eine nützliche Diskussion darüber, ob Blogger — und darüber hinaus alle Bürgerjournalisten — eine Art Verhaltenskodex brauchen, um ihre Tätigkeiten zu steuern und ihre Herangehensweise zu erklären. Meine Beobachtung hier ist, dass es sich um eine wertvolle Diskussion handelt, dass es aber unwahrscheinlich ist, dass Blogger einen fremden Kodex in irgendeiner auch nur entfernt formalen Art und Weise befolgen, und das ist wahrscheinlich eine gute Sache.

9. Unterstützung des Vertrauens


Unterdessen haben wir reichlich Gelegenheit, Wege zu finden, die Glaubwürdigkeit der Bürgermedien — und die aller Journalisten, welches Format auch immer sie verwenden — mit aktuellen Techniken und Tools zu erhöhen.
NewsTrust ist ein solches Projekt. Es verwendet eine Kombination von Begriffen, einschließlich einiger social networking tools, „um Leuten zu helfen, Qualitätsjournalismus – oder ‚Nachrichten, denen Sie vertrauen können’ – zu identifizieren“. Die User der Site bewerten die Nachrichten aufgrund der Qualität, nicht nur aufgrund von Popularität.
Dies wirft auf, was ich für absolut notwendiges Ziel in diesem Bereich halte: Sich von der Idee “Meiner Tageszeitung” zu “Unserer Tageszeitung”zu bewegen. Wir kommen Letzterem näher und näher, dank RSS Aggregatoren und anderer Tools, die uns helfen, Nachrichten aus den von uns selbst gewählten Quellen zusammen zu stellen.
In letzter Zeit haben Sites wie Digg und NewsVine diesem Mix ein starkes Maß Popularität zukommen lassen. Sie schaffen User-Gemeinschaften, die Artikel hoch- und runterwählen, und in diesem Prozeß helfen, wenigstens einiges von dem, was wichtig, interessant oder mindestens merkwürdig in gegenwärtigen Events und Entertainment ist, zu kennzeichnen.

Aber Popularität ist nicht des Rätsels Lösung. Wir müssen Renommee hinzufügen, eine Sache, die einfach gesagt-, aber unglaublich schwierig zu erreichen ist. Es soll genügen zu sagen, dass, wer immer dieses löst, einiges an Problemen löst; aus meiner Sicht handelt es sich hier um einen Heiligen Gral, der das Gute vom Schlechten, das Nützliche vom Trivialen, das Vertrauenswürdige vom Schwindel trennen könnte.

10. Medienkompetenz

Was in zunehmendem Maße deutlich wird, ist die Notwendigkeit, Medienkompetenz in einem medial durchsetztem Zeitalter zu erhöhen. Wo Leute Schöpfer von Medien und nicht bloße Konsumenten sind, ist die Aufgabe komplizierter — aber wichtiger als je zuvor.
Denken Sie an Medienkompetenz im Sinne von Grundregeln, nicht an ein Bündel von Anweisungen über Verhaltensweisen. Sie unterscheiden sich ein wenig, abhängig von der Rolle, die man im medialen Ökosystem spielt.
Aber sogar jene von uns, die Medienproduzenten sind, sind viel häufiger Konsumenten. Wenn wir in dieser Rolle sind, sollten wir folgende Grundregeln betrachten:

Seien Sie skeptisch. Wir müssen eigentlich allen Medien gegenüber skeptisch sein. Das bedeutet, keine Vertrauenswürdigkeit als gegeben hinzunehmen, und es gilt für alles was wir in Medien aller Arten lesen, sehen oder hören, ob in traditionellen Nachrichten Organisationen, Blogs, Online-Videos oder wo auch immer.

Benutzen Sie ein internes “Vertrauens-Maß”. Allem gegenüber skeptisch zu sein, bedeutet nicht, allem gegenüber gleichmäßig skeptisch zu sein.
Deshalb müssen wir an die modernen Medien mit denselben Analyseformen herangehen, die wir in einer weniger komplizierten Zeit erlernten, als es nur einige Primärquellen der Information gab.
Stellen Sie sich eine Glaubwürdigkeitsskala vor, die von +10 bis zu -10 reicht. Ich gebe einem New York Times oder Wall Street Journal Artikel ein automatisches +8 oder 9; ich nehme keine Vollkommenheit an, aber ich vertraue darauf, dass den Artikeln der meisten Reporter für jene Publikationen ein starkes Bemühen es richtig zu machen, zugrunde liegt. Im Gegensatz dazu begänne eine anonyme Anmerkung zu einem willkürlichen Blog bei -8 oder 9; sie hätte einen langen Weg vor sich, um überhaupt eine Glaubwürdigkeit von +-0 zu erreichen.

Erlernen Sie Medientechniken. Jüngere Leute sind darin bereits ziemlich gut.
Was ich jedoch vermute ist, dass sie – und fast jeder andere auch – in dieser Hinsicht nur mangelhaft verstehen, wie Kommunikation gestaltet wird, um zu überzeugen und wie wir manipuliert werden können. Wir müssen uns selbst und unseren Kindern beibringen, wie Medien funktionieren, in Arten und Weisen, die weit über das Wissen hinausgehen, wie man mit einem Mobiltelefon Schnappschüsse macht oder etwas in einem Blog postet.

Berichten Sie. Niemand mit gesundem Menschenverstand kauft nur aufgrund einer Fernsehwerbung ein Auto. Man macht seine Hausaufgaben. Das ist die Art der Recherche und des Nachbearbeitens, die Jounalisten machen. Also lassen Sie es uns “berichten” nennen. Wir müssen die Unsinnigkeit, jede wichtige Entscheidung über unser Leben auf Grundlage dessen, was wir lesen, hören oder sehen zu fällen, erkennen – und die Notwendigkeit zu berichten, manchmal in bedeutsamer Weise erkennen, um gute Entscheidungen zu treffen.

Sie werden jede einzelne dieser Regeln im Journalisten-Handbuch finden. Aber der Medienschaffende, der anderen Menschen kleine oder große Dinge über die Welt in jedweder journalistischen Weise erklären möchte, sollte einige Grundregeln mehr kennen. Für Journalisten, ob „Amateur“ oder Profi, sind es diese:

Gründlichkeit. Reporter versuchen, soviel wie möglich über ein Thema zu erfahren. Es ist besser, mehr zu wissen, als Sie veröffentlichen können, als große Löcher in Ihrer Geschichte zu lassen. Die besten Reporter möchten immer einen Anruf mehr machen, immer eine weitere Quelle überprüfen.

Genauigkeit. Genauigkeit ist der Ausgangspunkt für jeden guten Journalismus. Sorgen sie für richtige Fakten und dann überprüfen Sie sie noch mal. Sie wissen, wo Sie nachsehen müssen, um Behauptungen zu verifizieren und Fakten von Fiktion zu trennen.

Gerechtigkeit. Ob Sie eine ausgewogene Geschichte präsentieren oder von einem Gesichtspunkt aus argumentieren, Ihre Leser werden sich betrogen fühlen, wenn Sie die Fakten schräg darstellen oder vorhandene entgegengesetzte Meinungen unaufrichtig darstellen.

Unabhängigkeit. Unabhängig zu sein kann vieles bedeuten, aber die Unabhängigkeit der Gedanken mag das Wichtigste sein. Professionelle Journalisten können relativ unabhängig sein in bestimmten Interessenskonflikten, aber manchmal sind sie ihren Quellen und dem Zugang zu jenen Quellen so verbunden, dass sie nicht im geringsten unabhängig sind.

Transparenz. Um es einfach zu sagen: Wenn Sie ein Pferd im Rennen haben, sagen sie es.
Decken Sie – sofern sie relevant sind für das worüber Sie reden – ihre Motive, Hintergründe und finanziellen Interessen auf.

Dieser Artikel erschien zuerst auf OhmyNews. Veröffentlichung und Übersetzung durch die Readers Edition mit Genehmigung von OhmyNews.

Foto von jdlasica via Flickr. Copyright: CC, Bestimmte Rechte vorbehalten.

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