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Vermischtes + Kultur

Evolution und Schöpfung. Bemerkungen zum Diskurs.

Freitag, den 20. Juli 2007 um 14:08 Uhr von Josef Bordat
Schöpfung oder Evolution? Screenshot via www.martin-wagner.org

Schaut man sich den Diskurs um Evolution und Schöpfung an, möchte man meinen, es gäbe zwei Sorten von Menschen. Die einen glauben, Gott habe die Welt in sechs Werktagen erschaffen, die anderen glauben beziehungsweise glauben zu wissen, eine Verkettung von Zufällen habe irgendwann zu einer gerichteten Entwicklung mit Selektion und Mutation als Prinzipien der Veränderung geführt. Erstere, das sind die Kreationisten – dumm, rückständig, konservativ, wohnhaft in Texas und Hessen –, letztere die Evolutionisten, aufgeklärt, (post)modern, herzlos, im Rest der Welt beheimatet. Irgendwann entscheidet man sich für Sorte A oder Sorte B, setzt sich an den Rechner und beleidigt die je andere Gruppierung. Wenn es doch nur so einfach wäre! Ist es aber nicht.
Man kann sich dem Thema Evolution und Schöpfung von unterschiedlichen Seiten nähern, ich möchte nur zwei Aspekte ansprechen: den wissenschaftstheoretischen Status der Evolutionstheorie (Theorie und Tatsache) und die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion durch die Einsicht in die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und der unterschiedlichen Perspektiven auf ein und dieselbe Sache (Kausalität und Finalität).

Da wäre zum einen die wissenschaftstheoretische Analyse des Tatsachen-Postulats seitens der Evolutionisten. Die behaupten nämlich, es handele sich bei der Evolutionstheorie nicht um eine Theorie, sondern um eine Tatsache. Kritiker weisen darauf hin, dass es den Anschein hat, man unternehme hiermit den Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren, weil Tatsachen im Gegensatz zu Theorien nicht der prinzipiellen Falsifizierbarkeit unterliegen (ein Kriterium jeder wissenschaftlichen Theorie nach Karl R. Popper). Meine Einschätzung ist, dass es sich bei der Evolutionstheorie zwar um eine erstaunlich evidente Theorie handelt, die aber dennoch nicht den Charakter einer Tatsache hat bzw. auch gar haben kann.
Grundsätzlich stellt sich im Diskurs um Evolution und Schöpfung die Frage, ob die naturwissenschaftliche Sicht ausreicht, den Menschen und die Welt, in der er lebt, zu erklären.

Kausalität und Finalität

Dem Thema in der Sache am gerechtesten wird wohl ein Ansatz, der unterschiedliche Ebenen differenziert, nämlich die von Kausalität und Finalität.

Dabei gilt es, den spezifischen Stärken der beiden Zugangsweisen Rechnung zu tragen: So wenig wie durch religiösen Glauben Partikularprobleme gelöst werden können, so wenig kann die vernunftgeleitete Wissenschaft die Ganzheit und Fülle des Lebens erklären. So wenig, wie der Glaube eines Menschen aktualisierend wirkt (auf diesen Fall hier und jetzt bezogen), so wenig wirkt der Mensch qua Vernunft in die Ewigkeit, weil seine Fähigkeit zum Vernunftgebrauch für diese „letzten Fragen“ nicht ausreicht – was schon der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant zugeben musste. Wenn es also um unsere Erkenntnis oder unser Erahnen von Ursachen geht, muss streng zwischen Kausalität und Finalität unterschieden werden. Religion und Wissenschaft teilen sich die Erkenntnisarbeit: Wissenschaftler erforschen die Kausalität und kommen zu erstaunlich genauen Abgaben über das Was?, das Wie? und das Warum gerade so? Doch Gott ist größer als das, was naturwissenschaftlich ergründbar ist. Darum widmet sich die Religion der Finalität und stellt die Frage nach dem Warum überhaupt? bzw. dem Wozu?

Die Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens

So kommt es, dass ein und dieselbe Sache sowohl von der Religion wie auch der Wissenschaft in sinnvoller Weise betrachtet werden kann, mit dem jeweils eigenen Erkenntnisinteresse. Die Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Hier liefert die Wissenschaft Hinweise auf die Art und die Gründe dieser Entwicklung (Evolutionstheorie) und die Religion stellt Vermutungen zum Ziel, Zweck und Sinn dieser Entwicklung an (Schöpfungsglaube). Daraus folgt, dass man an Gottes kreative Wirkungsmacht in ihrer finalen Konsequenz glauben kann, ohne die Theorie kausaler Entwicklungsschritte aufgeben zu müssen. Darwins Lehre sagt nichts aus über die mögliche finale Teleologie der Entwicklung des Lebens. Für die Fragen des Woher?, Wohin? und Warum? bleibt Raum, den Religion ausfüllen kann und ausfüllen muss.
Es hat aufgrund der Unterschiedlichkeit von Religion und Wissenschaft auch keinen Zweck, die beiden Methoden gegeneinander auszuspielen. Dogmatisch mit den ewigen religiösen Wahrheiten gegen die Fehlbarkeit von wissenschaftlichen Theorien zu wettern hat ebenso wenig Sinn wie die mangelnde empirische Nachweisbarkeit von Glaubenssätzen mit einer Flut von wissenschaftlichen Daten und Fakten zu überschütten. An die Stelle der Proklamation des Interpretationsprimats muss ein Dialog gesetzt werden, der nach Gemeinsamkeiten sucht, ohne fahrlässig die Unterschiede aufzuheben.

Vereinbarkeit von Evolution und göttlichem Wirken

Die katholische Kirche, das sei an dieser Stelle bemerkt, versucht, in diesen Dialog einzutreten. Das Lehramt der Kirche hat in zahlreichen Stellungnahmen darauf verwiesen, dass es sich aus Sicht des katholischen Glaubens bei der Schöpfungserzählung nicht um einen Bericht mit naturwissenschaftlichem Erklärungsanspruch handelt, sondern um – wie vieles in der Bibel – bildhaftes Darstellen von Phänomenen, die in ihrer Ursächlichkeit auf Gott zurückgeführt werden. Damit ist die Vereinbarkeit von Evolution und göttlichem Wirken in der Welt bekräftigt und die Möglichkeit für einen Austausch bereitet worden. Vgl. dazu etwa die Enzyklika Pius’ XII. Humani generis (1950), die feststellt, dass die Evolution und das, was der Glaube über den Menschen und seine Berufung lehrt, nicht im Gegensatz zueinander stehen, die Konzils-Konstitution Gaudium et Spes (1965) sowie – etwas aktueller – die Botschaft Papst Johannes Pauls II. an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung am 22.10.1996, abgedruckt im L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 44 (01.11.1996), S. 1f. Für die Kirche verläuft die Grenze also nicht zwischen Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie, sondern vielmehr zwischen spiritualistischer Deutung der Evolution und materialistischer, physikalistischer, in den Augen der Kirche: reduktionistischer Deutung der Evolution.

Das Ringen um die richtige Antwort

Es geht letztlich um die Frage aller Fragen: Was ist der Mensch? Hier stehen sich naturalisierende Positionen und solche, die Konzepte wie „Geist“ und „Seele“ als Entitäten an- und ernstnehmen, unversöhnlich gegenüber. Das Ringen um die „richtige“ Antwort scheint im Diskurs um Evolution und Schöpfung, aber auch bei Fragen der Bewertung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse (Hirnforschung) so angestrengt, dass es blind ist für den Umstand, dass Wissenschaft und Religion etwas ganz anderes meinen, wenn sie vom Menschen sprechen, dass Wissen und Glauben auf unterschiedliche Dimensionen des Menschseins zielen. Wenn das mal klar wird, wäre viel gewonnen. In Texas, in Hessen und anderswo.

Foto: screenshot via www.martin-wagner.org

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10 Reaktionen zu “Evolution und Schöpfung. Bemerkungen zum Diskurs.”

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  1. Richard Salzer

    am 20. Juli 2007 um 14:30 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ich finde die Kirche macht einen riesen Fehler sollte sie sich weiterhin soauf ihre Lehren berufenund als unumstößlich darstellen. Diesen FEhler hat sie min. schon einmal gemacht und ihr nicht gerade Erfolg gebracht. Ich bin aber wiederum kein verfechter der absoluten unkirchlichen Entstehungsgeschichte. Ich finde das Kirche und Wissenschaft sehr gut vereinbar sind auch Evolution und Kirche. MAn bedenke einfach mal enUrknall an sich. DAsist das eigentliche Wunder unsere heutigen Entstehung, warum nicht diesen Akt als göttlich darstellen. Wissenschaftlich gesehen ist er ja eh unerklärbar. Genauso evolution wenn die Kirche mal davon abtreten würde das alles LEben vor 5000 - 6000 Jahren enstande ist, was ja falsch ist. Das ist wirklich eine Tatsache!! Sondern einfach die Evolution die einzelen schritte als göttlich gelenkt als passives eingreifen verstehen würde. Es ist ja immer noch unerklärlich warum ein Homo Errectus 1,5 Mio. auf unsere Erde lebte und plötzlich kam der Homo sapiens und verdrängte ihn innerhalb weniger 10000 Jahre. Aber dafür ist sie zu stolz. Genauso wie die fundamentalen Evolutions anhänger die wie schon gsagt alles als Tatsche festlegen. Dabei hat noch niemand Evolution beobachten können.

  2. Peter Friedrich

    am 20. Juli 2007 um 15:21 Uhr | Link | Kommentar melden

    “… dass Wissenschaft und Religion etwas ganz anderes meinen, wenn sie vom Menschen sprechen, dass Wissen und Glauben auf unterschiedliche Dimensionen des Menschseins zielen. Wenn das mal klar wird, wäre viel gewonnen. In Texas, in Hessen und anderswo.”

    Da kann ich nur zustimmen. Leider sind religiöse Fundamentalisten jeglicher Art völlig anderer Ansicht.

  3. Franz

    am 20. Juli 2007 um 16:10 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ein bemerkenswert ausgewogener Artikel ohne Polemik. Gratulation. Damit übertrifft dieser Beitrag bei weitem alles, was man in “normalen” Medien zu diesem Thema findet.

    Franz

  4. derda

    am 20. Juli 2007 um 17:19 Uhr | Link | Kommentar melden

    ich schließe mich franz an. in seiner eher überschaubaren dimension ein sehr tiefgehender artikel. dialektisch und inhaltlich wie formal auf der thematik angemessenem niveau!

  5. Turbo

    am 20. Juli 2007 um 22:00 Uhr | Link | Kommentar melden

    Josef Bordat hat einen durchaus lesenswerten Artikel geschrieben, oh ja.

    Was ihm abgeht, ist das Differenzieren zwischen den relevanten Ebenen,
    ich nenne es hier mal “Aspekte”, die bei dieser komplexen Thematik die
    wirkliche Bedeutung haben.

    Es gibt zwar die hier vereinfacht als “Evolutionisten” dargestellten Darwinisten,
    wobei vergessen wird, daß seit Darwins Lebzeiten schon das sogenannte
    “Missing Link”, also die stufenlosen, “gleitenden” Übergänge zwischen men-
    schenähnlichen Primaten und tatsächlichen “Menschen” vermißt bleiben.

    Diese weigern sich schlicht, das wissenschaftliche Faktum der reinen Arten
    in sich anzuerkennen. Es gibt nämlich viele Rassen, Arten und Ausformungen,
    aber eben keinerlei Vermischungen in der Form, daß eine Weiterentwicklung
    daraus entsteht. Sie lassen sich von sogenannten Wissenschaftlern bereden.

    Dann gibt es auch die Kirchen, die Religionen. Wobei wieder einmal extrem
    unsauber, wissenschaftlich gesprochen!, nicht unterschieden wird zwischen
    interreligiösen weltweiten Gemeinsamkeiten - und Kirchen, und deren ureigen-
    ste, machtpolitische und geldpolitische Interessen-Gemengelage.

    Ein echter Christ und ein echter Religiöser einer anderen Religion haben durch-
    aus keinerlei große Probleme im Grundkonsens aller gläubigen Menschen.

    Wohl haben das Kirchen. Und sie allein haben Interesse an Gegensätzlichkeiten,
    nicht an Brüderlichkeiten und schon gar nicht an der Barmherzigkeit und Liebe
    aller Menschen untereinander, unter einer für die Wissenschaft “nicht beweisbaren”
    Gottesvorstellung.

    Eine Reduktion auf primitive “darwinistische” Denke gegen primitive kirchengelenkte
    Religionsdenke greift nicht etwa nur zu kurz, sondern MUSS DANEBEN GREIFEN.

    Und eben das - wird dem sehr ernsten und in die Ewigkeit weisenden Fingerzeig
    nicht gerecht. Deswegen meine Zwischenbemerkung hier.

    Zuerst müssen die Ausgangslagen, bzw. -aspekte genau definiert, erfasst werden,
    danach kann man sauber eine Lageanalyse betreiben und erst aufgrund der DANN
    erst vorliegenden Faktenlage - läßt sich ein Entschluß bzw. ein “Operationsplan”
    eigenen Vorgehens sicher begründen.

    Die überall vorhandenen Nebelkerzen - gehören schleunigst entsorgt und aus dem
    Sinn entfernt. Damit Perspektiven und Horizont wieder erkennbar und bewertbar
    werden können.

    Mehr wollte ich dazu eigentlich nicht sagen.
    Turbo

  6. Peter Friedrich

    am 20. Juli 2007 um 23:45 Uhr | Link | Kommentar melden

    “… dass Wissenschaft und Religion etwas ganz anderes meinen, wenn sie vom Menschen sprechen, dass Wissen und Glauben auf unterschiedliche Dimensionen des Menschseins zielen. Wenn das mal klar wird, wäre viel gewonnen. In Texas, in Hessen und anderswo.”

    Da kann ich nur zustimmen. Leider sind religiöse Fundamentalisten jeglicher Art völlig anderer Ansicht.

  7. Readers Edition » Gott bloggt - Ein Interview

    am 15. September 2007 um 03:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Farlion: Ich hatte die Domain gottblog.de schon seit etwas über einem Jahr bei mir in meinem Domainfundus liegen und nachdem der CDU-Politiker Profalla jetzt den Einzug der Kruzifixe in deutsche Schulen und deutsche Behörden forderte, und ich ein Verfechter des säkularen Staates bin, war ich der Meinung, da sollte man jetzt vielleicht mal ein bisschen was tun. Dazu kommt natürlich noch die Forderung der hessischen Kultusministerin, den Kreationismus in den Biologieunterricht einfließen zu lassen und ich war einfach der Meinung, man sollte diese ganzen Sachen der christlichen Kirche in Deutschland jetzt mal ein bisschen satirisch aufarbeiten. […]

  8. Der Eklat um die Rede des Papstes. Ein Lehrstück in Sachen Freiheit und Vernunft « Jobo72’s Weblog

    am 6. Februar 2008 um 17:14 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] [11] Am Beispiel von Evolution/Schöpfung habe ich das an anderer Stelle verdeutlicht. […]

  9. H.W. Spice

    am 1. Oktober 2008 um 14:44 Uhr | Link | Kommentar melden

    Hallo Freunde,

    erlauben Naturgesetze die Darwinsche Evolution oder verhindern sie die Entstehung von Leben aus nichtlebender Materie?

    Ein Teilaspekt in der Evolutionstheorie ist die präbiotische Evolution. Aus ihrem Selbstverständnis heraus haben Millionen von Jahren in der Entwicklungsphase unseres Planeten ausgereicht, die Entstehung von lebenden Zellen aus toter Materie zu ermöglichen.
    Da alles Leben irgendwann einmal entstanden sein muss, bestimmt dieser Gesichtspunkt letztlich über unsere Herkunft, wobei das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Thematik doch recht gespalten erscheint.
    Die neuesten Forschungsergebnisse schließen die sogenannte Ursuppentheorie als Schoß für die Genese von lebenden Zellen aus. Die aus der Ursuppe angelieferten Bausteine (Aminosäuren, Zucker und Phosphor) werden zu Peptidketten miteinander verknüpft. Die Kondensation läuft nun dergestalt ab, dass die Carboxyl- und Aminogruppen unter Wasseraustritt miteinander reagieren um lange Ketten bilden zu können.
    Nun ist bekannt, dass Wasser die Kettenbildung nicht nur erschwert, sondern die Eigenschaft besitzt, bereits gebildete Moleküle innerhalb kürzester Zeit wieder zu zerstören.
    Dazu einige Anmerkungen bekannter Wissenschaftler: „Die aus dem Stoffwechsel von Zellen bekannten Eiweiße bestehen aus Aminosäuren, die zu langen, unverzweigten Ketten verknüpft sind (…) Die Anwesenheit von Wasser verhindert eine Polykondensationsreaktion, also die Kettenbildung.“
    (Junker und Scherer 1998 S.140)
    „Es gibt noch eine Reihe weiterer Argument gegen die Ursuppentheorie, wie etwa die Tatsache, dass sich längerkettige Biomoleküle (Polykondensationsprodukte wie zum Beispiel Oligopeptide oder Proteine, Olignucleotide usw.) im Urozean nicht bilden können.“
    (Neukamm, 30.08. 2000)
    „Bei der Synthese eines Peptids muss man auf jeden Fall das Wasser entfernen und freie Energie hinzufügen.“
    (Dose, K. 1983 S.919)
    Orgel schreibt u.a.: „Bei einer Wasserkonzentration höher als 99,5% findet keine Polykondensation von NucLeotiden statt, weil die Ketttenspaltung durch Hydrolyse bis zu hundertmal schneller verläuft als der Kettenaufbau.“

    Als nächstes stellt sich die Frage, haben kleinere Gewässer wie Seen, Flüsse oder auch Tümpel einen Vorteil gegenüber dem kalten Urmeer?
    Von der Temperaturseite her bestimmt. Chemische Reaktionen laufen bei höheren Temperaturen schneller ab. Die Problematik der Anlieferung von Bausteinen in der benötigten Quantität und Reinheit verändert sich in größeren Gewässern nicht wesentlich, in kleineren geht die Anlieferungswahrscheinlichkeit gegen Null.
    Die Problematik der Kettenabbrüche besteht weiterhin.
    Der Vollständigkeit halber einige Aussagen von anerkannten Wissenschaftlern zu der Wahrscheinlichkeit, dass sich Leben dergestalt entwickelt haben könnte.
    „Sie brauchen natürlich für das einfachste Molekül des Lebens, ein Proteinmolekül, sagen wir mal Hundert Aminosäuren, die sich zu einer Kette zusammenschließen. In der ersten Position haben sie zwanzig Möglichkeiten. Wenn die zweite Position dazukommt, wenn Sie eine Zweierkette nehmen, dann haben sie schon zwanzig mal zwanzig Möglichkeiten. Für jede weitere Position wieder mal zwanzig. Am Ende haben Sie zwanzig mal zwanzig, mal zwanzig, und das Hundertmal. Das ist zwanzig hoch hundert oder zehn hoch hundertdreißig etwa. Zehn hoch hundertdreißig ist schon eine Zahl, die Sie und auch ich uns nicht mehr vorstellen können. Wenn Sie fragen, wie viel Materie ist im gesamten
    Universum, das kann man heute abschätzen, zumindest im sichtbaren Universum, dann ist das von der Größenordnung von zehn hoch achtzig Protonen. Protonen sind also die kleinsten Bausteine eines Moleküls. Zehn hoch achtzig. Zehn hoch hundertdreißig ist zehn hoch fünfzig mal größer als zehn hoch achtzig. Das ist also eine Zahl, die alles, was im Universum existiert, übersteigt. Das heißt also, Leben kann nicht durch Zufall entstanden sein. Dass mal alles ausprobiert wurde und eins hat dann zufällig mal gepasst. Sondern es muss ein Vorgang sein, indem systematisch optimiert wurde.
    (M. Eigen, 5.07.2007)
    „Nun ist bekannt, dass biologische Makromoleküle nicht retrograd aus der Ursuppe entstanden sein mussten, sondern durch Oberflächendiffusion auf zweidimensionale Strukturen entstehen können. Die Thermodynamik begünstigt in freier Lösung die Spaltungsreaktion, auf Oberflächen treibt sie ein System dagegen zur Synthese.
    (Neukamm, 2000, S.5)

    Fazit 1: Offene Gewässer in jedweder Form sind aufgrund der Eigenschaft des Wassers, die Polykondensationsreaktion nicht zuzulassen, für die Entstehung von Leben auszuschließen!

    Den Anfang des Lebens auf der Erde nachzuvollziehen, erweist sich als äußerst kompliziert.
    Wächtershäusers Theorie des Biofilms bildet einen weiteren Ansatzpunkt für neue Hypothesen. Seine Theorie des Biofilms basiert auf den chemischen Reaktionen von Metallsulfiden und Kohlenmonoxid, Schwefelwasserstoff und weiteren Vulkangasen auf katalytischen Schwermetalloberflächen. Als Resultat sollte es dann kurzfristig zur Bildung von autokatalytischen Syntheseprozessen kommen. Voraussetzung sind hohe Temperaturen sowie ein ständiger Zufluss von Mineralien aller Art. Dieses Umfeld finden wir nur in der Tiefsee.
    Um den zerstörerischen Einfluss des Wassers auf die Molekülbildung zu vermeiden, muss in diesem Prozess ein fertiges Molekül entstehen, denn nur ein lebendes Molekül entgeht der Zerstörung.
    Das Umfeld für Wächtershäuser Theorie, stellvertretend für ähnliche Theorien, ist in der Tiefsee zu finden, genauer gesagt, in den „Black Smokers“.
    Die Black Smokers sind bis zu 20m hohe, säulenförmige Schlote, aus denen unter hohem Druck Gase und Mineralien ausgestoßen werden. Dieses Ökosystem erfordert hochspezialisierte Lebensformen um dort leben und überleben zu können.
    Eine Anpassung dort nicht ansässiger Lebensformen an diese Umweltbedingungen ist völlig ausgeschlossen, jede dort nicht hingehörende Art würde sofort zu Grunde gehen.
    Ein Auszug aus Wikipedia ist in diesen Zusammenhang von Relevanz: „Felder hydrothermaler Tiefseequellen sind nur ungefähr 20 Jahre aktiv. Dann verstopfen die ausgefällten Mineralien die Röhren und Spalten und die Quellen versiegen. Damit stirbt natürlich auch die Fauna in der nun für sie lebensfeindlich gewordenen Umgebung. Wie das Leben an neue Felder hydrothermaler Quellen kommt, ist bisher unerforscht.“
    Jetzt haben wir ein Problem, denn 20 Jahre sind ein doch etwas wenig für die Entstehung von Leben aus nichtlebender Materie. Ein kleiner Denkfehler von Herrn Wächtershäuser.
    Verfolgen wir seine Theorie weiter. An der TU München sind die Theorien Wächtershäusers Thema von Forschungsaufgaben geworden. Es wurde versucht, die Möglichkeit „eines Ur-Metabolismus unter anaeroben Bedingungen, wie sie in Vulkangebieten herrschen, nachzuweisen.“
    Als Ergebnis bekam man Essigsäure (CH3COOH).
    Interessanterweise schrieb Frau Huber in ihrem Bericht folgenden Satz: „Auch Thioessigsäuremethylester, ebenfalls eine aktivierte Form der Essigsäure und möglicherweise der evolutionäre Vorläufer von Acetyl-CoA, wurde entdeckt. Thioessigsäure und Thioessigsäuremethylester hydrolysieren in wässriger Lösung schnell zu Essigsäure. Solange sie jedoch an die Sulfidoberfläche gebunden sind, stehen sie für weitere Biosynthese-Reaktionen zur Verfügung.“
    Was ich bereits erwähnt hatte wird bestätigt, nur ein fertiges Biomolekül, ausgestattet mit replikatorischen Fähigkeiten, kann sich, ohne vom Wasser zerstört zu werden, von der Sulfitoberfläche lösen.
    Nun ist es nicht unser Ziel, Essigsäure oder dergleichen herzustellen, sondern lebensfähige Biomoleküle, die sich durch Vereinigung zu einer Lebensform entwickeln sollen.
    Beginnen wir mit den Einzelheiten der Theorie Wächtershäusers und anderer.
    Als erstes muss die Anlieferung der elementaren Bausteine zur Synthese einer RNA gewährleistet sein (Ribosezucker, Phosphat sowie die Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Uracil). Daraus wird eine Kette von Nucleotiden synthetsiert. Jedes Nucleotid besteht aus einer Base, Ribosezucker und Phosphat.
    Noch einmal postuliert: Die Anlieferung der Bausteine ist rein spekulativ mit der Wahrscheinlichkeit gegen Null!
    Als Beispiel sei hier nur das Problem der Anlieferung von Ribose erwähnt. Ausgangstoff der Zuckerbildung ist bei der theoretisch zu Grunde liegenden Formose-Reaktion Formaldehyd.
    Dose schrieb bereits 1987 folgende Bemerkung:
    „In realistischen Ursuppenexperimenten sind nennenswerte Mengen an Zuckern niemals angeliefert worden.“
    Bei den hohen Temperaturen, die in und um die hydrothermalen Quellen herrschen, (bis 350°C und ph-Werte zwischen 4 und 8) wäre nach Larralde bei einer angenommenen Temperatur von 100°C nach etwa 70 Minuten die Hälfte des Zuckers abgebaut.

    Sämtliche im Labor durchgeführten Modellversuche ergaben, dass Bausteine, die eine identische stereometrische Ausrichtung wie die Matrize haben, etwas effizienter eingebaut werden. Im Grunde spielt die chirale Struktur bei der Kondensation keine entscheidende Rolle, sie werden wahllos eingebaut mit dem Ergebnis des unvermeidlichen Kettenabbruchs. Leben akzeptiert nun einmal nur absolute Enantiomeren- bzw. Diastereomerenreinheit des jeweiligen Bausteins.
    Beherrschbar ist dieses Problem bei der Herstellung kurzer Ketten im Labor, bei längeren Ketten bzw. einer ungesteuerten Kondensation sind Lösungsansätze gesausowenig vorstellbar wie die Annahme, das irgend etwas schneller als das Licht sein kann. Dieser Vergleich hat seine absolute Berechtigung!
    Hierzu noch einige Anmerkungen:
    „(…) Somit weist die Konstitution von Nucleinsäuren mindestens 3 Merkmale auf, die auf ein planvolles, konzeptionell sinnvolles Vorgehen deuten:
    Die absolute Selektivität bezüglich optisch aktiver Bausteine, die schon Louis Pasteur Mitte des letzten Jahrhunderts als ein untrügliches Kennzeichen belebter Natur erkannte und den Polymerketten die helikale Verwindung und damit ihre biospezifische 3D-Konfoemation verleiht.
    Die statistische Co-polykondensation (Kettenbildung) von 4 verschiedenen Nucleosidphosphaten zu linearen Ketten mit trivalenter Phosphorsäure als Internucleosidbrücke, was ohne eine ausgefeilte und optimierte Synthesestrategie zu biochemisch unbrauchbaren Netzwerken und ohne präzise Reaktionskontrolle nicht zu biologisch sinnvollen Nucleobasensequenzen führt.(…)“
    (Rossmann, T. April 2000, S.36-39)

    Fazit 2: Der Einbau von Molekülen gleicher chiraler Struktur als Grundvoraussetzung für die Synthese von biologisch aktiven Kettenmolekülen ist in präbiotisch ablaufenden Kondensationsprozessen nicht zu realisieren.

    Da sich die Theorie von Wächtershäuser und Co im wesentlichen in der Tiefsee abspielt, einige Anmerkungen zu diesem Ökosystem.
    Der Tiefseeraum als Teilsystem der Weltmeere erstreckt sich ab einer Wassertiefe von 1000m bis Meeresgrund und entspricht in seiner Ausdehnung in etwa die Hälfte der Erdoberfläche.
    Die hydrothermalen Quellen der Tiefsee nehmen dagegen nur einen winzig kleinen Raum ein. Ihr Vorkommen beschränkt sich auf die Umgebung der Erdplattenbrüche des mittelozeanischen Rückens. Die Lebensdauer der „Black Smokers“ ist begrenzt und liegt zwischen 10 bis 100 Jahren.
    Die Fauna ist auf den dort herrschenden Bedingungen zugeschnitten mit der Einschränkung, dass sie ihren Lebensraum aufgrund ihre hochspezialisierten Anpassung niemals verlassen können.
    Thermodynamisch betrachtet ist dieser Raum ein offenes System, weil Austauschprozesse mit der Oberfläche, dem Meeresgrund und den theoretisch angedachten Seitenwänden stattfinden können. Die Prozesse finden fast nur an den Randzonen statt, das System insgesamt befindet sich im quasistatischem Gleichgewicht. Als quasistatisch wird ein System bezeichnet, das mit seiner Umgebung Austauschprozesse durchführt und trotzdem im thermodynamischem Gleichgewicht bleibt. Die Zustandsanalyse besagt, das diese System als abgeschlossenes System betrachtet werden kann, denn befand sich der Raum mit seiner Peripherie vor der angedachten Isolation im Gleichgewicht, dann können nachher auch keine spontanen Reaktionen mehr stattfinden, weil dass mit einer Zunahme der Entropie verbunden wäre. Damit kann ihm die Entropie zugeordnet werden, die auch ein isoliertes System gehabt hätte.
    Wenn wir die im Labor durchgeführten Versuche analysieren, fällt auf, dass die Experimente nach einiger Zeit zum Erliegen kommen, die Selbstorganisation kommt nicht zustande. Nach der Theorie sollte wenigstens in Ansätzen eine Art von Selbstorganisation der Materie stattfinden und ein sogenannter Hyperzyklus entstehen, der in der Lage ist, das racematiche Gemisch von Bausteinen stereochemisch zu sortieren, dann die optisch aktiven Enantiomere anzulagern, um danach die Polymerketten bilden zu können. Als vorläufiges Endprodukt stände dann ein funktionsfähiges Biomolekül zur Verfügung, dass mit der Fähigkeit ausgestattet sein müsste, sich selbst zu replizieren. All diese Vorgänge können nur auf der Oberfläche des Metallsulfids stattfinden, denn ein noch unfertiges Biomolekül wird vom Wasser wieder in seine Bestandteile zerlegt.
    Chemische Reaktionen laufen meist nur in der Richtung ab, die von den äußeren Bedingungen wie Temperatur, Druck und Konzentration her bestimmt wird. Bei einer vollständigen Umsetzung der Ausgangsstoffe ist die Rückreaktion nicht oder nur unter extremen Reaktionsbedingungen möglich.
    Beispiel: FE+S=FeS
    Diese Reaktion läuft spontan ab und kommt dann zum Erliegen.
    Chemische Reaktionen, die auch eine entgegengesetzte Richtung einschlagen können, besitzen ein anderes Verhaltensmuster, ihre Ausgangsstoffe werden bei der Reaktion nicht vollständig umgesetzt.
    Beispiel: N2+3H2=2NH3
    (Bei zirka 400°C und einem Druck von 200bar +Katalysator entsteht aus einem Gemisch von Stick- und Wasserstoff Ammoniak. Bei Erhöhung der Temperatur zerfällt es wieder in seine Ausgangsstoffe.)
    Auch bei dieser Reaktion stellt sich ein Gleichgewicht ein. Die äußeren Bedingungen bestimmen dann seine Lage. Bei höheren Temperaturen wird das Gleichgewicht schneller erreicht.
    Wenn wir die beiden Seiten der Reaktion mit dem Verhaltensmuster von zwei Teilsystemen, die miteinander Teilchen austauschen,vergleichen, stellen wir eine weitgehende Analogie fest.
    Ein Teilchenaustausch zwischen den Teilsystemen tritt dann ein, wenn bisherige Bedingungen der Variablen innerhalb der Systeme so verändert werden, dass eine Freigabe der bisher bestehenden Bedingungen erfolgt. Es kommt dann zu spontan ablaufenden Reaktionen, die dann das System zwangsläufig in ein neues Gleichgewicht mit einer höheren Entropie führt.

    Erweitern wir unsere bisherige Betrachtungsweise mit der Annahme, dass sich auf der Metallsulfitoberfläche bereits organische Moleküle gebildet haben, legen unsere korrekte Beweisführung einmal beiseite und untersuchen ihre möglichen Überlebensstrategien:
    Strategie 1: Sie lösen sich von dem Metallteil und verteilen sich im Wasser. Aufgrund der Eigenschaft des quasistatischen Raumes vergrößert die Entropie die Verteilung der einzelnen Moleküle und verhindert deren Vernetzung.
    Strategie 2: Um der Vernichtung zu entgehen, wären sie gezwungen, unvorstellbar hohe Entwicklungsstadien auf dieser Oberfläche zu durchlaufen.

    Fazit 3: Der von Eigen postulierte Hyperzyklus oder die von der Theorie beschriebene Selbstorganisation der Materie beinhalten als Bedingung, dass sämtliche Prozeßabläufe außerhalb des chemischen Gleichgewichts stattfinden müssen. Nun entsteht in den Räumen, die hierfür in Frage kommen, nach spontan ablaufenden Prozessen stets ein neues Gleichgewicht mit einer höheren Entropie. Ein offener Raum, der sich außerhalb des thermodynamischen Gleichgewichts befindet, wie freie Erde unter freiem Himmel, wäre allein schon aufgrund der ungehinderten Sonneneinstrahlung fülr eine Polykondensation unbrauchbar. Bei der Kondensation von Kettenmolekülen stellt sich das thermodynamische Gleichgewicht dann ein, wenn die Anzahl der Bindungen die gleiche Größenordnung einnimmt wie die der Spaltungen. Diese Unvereinbarkeit zwischen Theorie und Realität verhindert den erwarteten autokatalytisch einsetzenden evolutionsfähigen Prozess.
    Was zu beweisen war!

    Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden, Leben ist im Universum nicht vorgesehen, denn das gesamte Universum ist in aggressiver Weise lebensfeindlich eingestellt. Chemisch-physikalische Gesetzmäßigkeiten lassen eine Selbstinszenierung von Lebensformen nicht zu, im Gegenteil, sie wirken wie Wächter gegen eine Selbstorganisierung von Leben. Das es auf der Erde, und nur auf der Erde, Leben gibt, verändert die Gesetzmäßigkeiten in keinster Weise, denn das Leben wurde der Erde implantiert, es wurde von Gott erschaffen, eine Tatsache, die die schöne materialistische Illusion von der Selbstentstehung von Leben ad absurdum führt.
    Jede Sonde, die auf einen außerirdischen Planeten landet, um Proben zu entnehmen, wird entgegen der Theorie der präbiotischen Evolution bestätigen, dass man zwar Wasser, einzelne Aminosäuren etc. finden kann, doch niemals auch nur ein einziges lebendes Biomolekül, denn außerhalb des Raumschiffes Erde gibt es nur tote Materie, sonst nichts.

    Mit freundlichen Grüßen

    H.W. Spice

  10. Josef Bordat

    am 2. Oktober 2008 um 09:01 Uhr | Link | Kommentar melden

    Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, H.W. Spice!

    Das mit den lebensfeindlichen Bedingungen abseits der Erde (bzw. – positiv ausgedrückt –: den erstaunlich guten Bedingungen auf der Erde) beschreibt auch der Astrophysiker Owen Gingerich in seinem Buch „Gottes Universum. Nachdenken über offene Fragen“ (2008). Auch er ist der Ansicht, dass sich aus diesem Umstand auf einen Schöpfergott schließen lässt.

    Eine Rezension zu dem Buch finden Sie hier:
    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12320&ausgabe=200810

    Herzliche Grüße,
    Ihr
    Josef Bordat

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