Evolution und Schöpfung. Bemerkungen zum Diskurs.
Artikel von Josef Bordat vom 20.07.2007, 14:08 Uhr im Ressort Vermischtes, Kultur | 10 Comments
Schaut man sich den Diskurs um Evolution und Schöpfung an, möchte man meinen, es gäbe zwei Sorten von Menschen. Die einen glauben, Gott habe die Welt in sechs Werktagen erschaffen, die anderen glauben beziehungsweise glauben zu wissen, eine Verkettung von Zufällen habe irgendwann zu einer gerichteten Entwicklung mit Selektion und Mutation als Prinzipien der Veränderung geführt. Erstere, das sind die Kreationisten – dumm, rückständig, konservativ, wohnhaft in Texas und Hessen –, letztere die Evolutionisten, aufgeklärt, (post)modern, herzlos, im Rest der Welt beheimatet. Irgendwann entscheidet man sich für Sorte A oder Sorte B, setzt sich an den Rechner und beleidigt die je andere Gruppierung. Wenn es doch nur so einfach wäre! Ist es aber nicht.
Man kann sich dem Thema Evolution und Schöpfung von unterschiedlichen Seiten nähern, ich möchte nur zwei Aspekte ansprechen: den wissenschaftstheoretischen Status der Evolutionstheorie (Theorie und Tatsache) und die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion durch die Einsicht in die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und der unterschiedlichen Perspektiven auf ein und dieselbe Sache (Kausalität und Finalität).
Da wäre zum einen die wissenschaftstheoretische Analyse des Tatsachen-Postulats seitens der Evolutionisten. Die behaupten nämlich, es handele sich bei der Evolutionstheorie nicht um eine Theorie, sondern um eine Tatsache. Kritiker weisen darauf hin, dass es den Anschein hat, man unternehme hiermit den Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren, weil Tatsachen im Gegensatz zu Theorien nicht der prinzipiellen Falsifizierbarkeit unterliegen (ein Kriterium jeder wissenschaftlichen Theorie nach [1] Karl R. Popper). Meine Einschätzung ist, dass es sich bei der Evolutionstheorie zwar um eine erstaunlich evidente Theorie handelt, die aber dennoch nicht den Charakter einer Tatsache hat bzw. auch gar haben kann.
Grundsätzlich stellt sich im Diskurs um Evolution und Schöpfung die Frage, ob die naturwissenschaftliche Sicht ausreicht, den Menschen und die Welt, in der er lebt, zu erklären.
Kausalität und Finalität
Dem Thema in der Sache am gerechtesten wird wohl ein Ansatz, der unterschiedliche Ebenen differenziert, nämlich die von [2] Kausalität und [3] Finalität.
Dabei gilt es, den spezifischen Stärken der beiden Zugangsweisen Rechnung zu tragen: So wenig wie durch religiösen Glauben Partikularprobleme gelöst werden können, so wenig kann die vernunftgeleitete Wissenschaft die Ganzheit und Fülle des Lebens erklären. So wenig, wie der Glaube eines Menschen aktualisierend wirkt (auf diesen Fall hier und jetzt bezogen), so wenig wirkt der Mensch qua Vernunft in die Ewigkeit, weil seine Fähigkeit zum Vernunftgebrauch für diese „letzten Fragen“ nicht ausreicht – was schon der Aufklärungsphilosoph [4] Immanuel Kant zugeben musste. Wenn es also um unsere Erkenntnis oder unser Erahnen von Ursachen geht, muss streng zwischen Kausalität und Finalität unterschieden werden. Religion und Wissenschaft teilen sich die Erkenntnisarbeit: Wissenschaftler erforschen die Kausalität und kommen zu erstaunlich genauen Abgaben über das Was?, das Wie? und das Warum gerade so? Doch Gott ist größer als das, was naturwissenschaftlich ergründbar ist. Darum widmet sich die Religion der Finalität und stellt die Frage nach dem Warum überhaupt? bzw. dem Wozu?
Die Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens
So kommt es, dass ein und dieselbe Sache sowohl von der Religion wie auch der Wissenschaft in sinnvoller Weise betrachtet werden kann, mit dem jeweils eigenen Erkenntnisinteresse. Die Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Hier liefert die Wissenschaft Hinweise auf die Art und die Gründe dieser Entwicklung (Evolutionstheorie) und die Religion stellt Vermutungen zum Ziel, Zweck und Sinn dieser Entwicklung an (Schöpfungsglaube). Daraus folgt, dass man an Gottes kreative Wirkungsmacht in ihrer finalen Konsequenz glauben kann, ohne die Theorie kausaler Entwicklungsschritte aufgeben zu müssen. Darwins Lehre sagt nichts aus über die mögliche finale Teleologie der Entwicklung des Lebens. Für die Fragen des Woher?, Wohin? und Warum? bleibt Raum, den Religion ausfüllen kann und ausfüllen muss.
Es hat aufgrund der Unterschiedlichkeit von Religion und Wissenschaft auch keinen Zweck, die beiden Methoden gegeneinander auszuspielen. Dogmatisch mit den ewigen religiösen Wahrheiten gegen die Fehlbarkeit von wissenschaftlichen Theorien zu wettern hat ebenso wenig Sinn wie die mangelnde empirische Nachweisbarkeit von Glaubenssätzen mit einer Flut von wissenschaftlichen Daten und Fakten zu überschütten. An die Stelle der Proklamation des Interpretationsprimats muss ein Dialog gesetzt werden, der nach Gemeinsamkeiten sucht, ohne fahrlässig die Unterschiede aufzuheben.
Vereinbarkeit von Evolution und göttlichem Wirken
Die katholische Kirche, das sei an dieser Stelle bemerkt, versucht, in diesen Dialog einzutreten. Das Lehramt der Kirche hat in zahlreichen Stellungnahmen darauf verwiesen, dass es sich aus Sicht des katholischen Glaubens bei der Schöpfungserzählung nicht um einen Bericht mit naturwissenschaftlichem Erklärungsanspruch handelt, sondern um – wie vieles in der Bibel – bildhaftes Darstellen von Phänomenen, die in ihrer Ursächlichkeit auf Gott zurückgeführt werden. Damit ist die Vereinbarkeit von Evolution und göttlichem Wirken in der Welt bekräftigt und die Möglichkeit für einen Austausch bereitet worden. Vgl. dazu etwa die Enzyklika Pius’ XII. [5] Humani generis (1950), die feststellt, dass die Evolution und das, was der Glaube über den Menschen und seine Berufung lehrt, nicht im Gegensatz zueinander stehen, die Konzils-Konstitution [6] Gaudium et Spes (1965) sowie – etwas aktueller – die [7] Botschaft Papst Johannes Pauls II. an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung am 22.10.1996, abgedruckt im [8] L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 44 (01.11.1996), S. 1f. Für die Kirche verläuft die Grenze also nicht zwischen Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie, sondern vielmehr zwischen spiritualistischer Deutung der Evolution und materialistischer, physikalistischer, in den Augen der Kirche: reduktionistischer Deutung der Evolution.
Das Ringen um die richtige Antwort
Es geht letztlich um die Frage aller Fragen: Was ist der Mensch? Hier stehen sich naturalisierende Positionen und solche, die Konzepte wie „Geist“ und „Seele“ als Entitäten an- und ernstnehmen, unversöhnlich gegenüber. Das Ringen um die „richtige“ Antwort scheint im Diskurs um Evolution und Schöpfung, aber auch bei Fragen der Bewertung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse (Hirnforschung) so angestrengt, dass es blind ist für den Umstand, dass Wissenschaft und Religion etwas ganz anderes meinen, wenn sie vom Menschen sprechen, dass Wissen und Glauben auf unterschiedliche Dimensionen des Menschseins zielen. Wenn das mal klar wird, wäre viel gewonnen. In Texas, in Hessen und anderswo.
Foto: screenshot via[9] www.martin-wagner.org
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2007/07/20/evolution-und-schoepfung-bemerkungen-zum-diskurs/
Links im Artikel:
[1] Karl R. Popper: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Popper
[2] Kausalität: http://de.wikipedia.org/wiki/Kausalit%C3%A4t
[3] Finalität: http://www.textlog.de/4086.html
[4] Immanuel Kant: http://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant
[5] Humani generis: http://stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm
[6] Gaudium et Spes: http://www.stjosef.at/konzil/GS.htm
[7] Botschaft: http://www.stjosef.at/dokumente/evolutio.htm
[8] L’Osservatore Romano: http://de.wikipedia.org/wiki/L'Osservatore_Romano
[9] www.martin-wagner.org: http://www.martin-wagner.org/schoepfung_evolution.jpg