Die am Sonntag stattfindenden Parlamentswahlen in der Türkei sind von historischer Bedeutung. Nicht nur die Kräfteverhältnisse der politischen Parteien im Parlament werden neu definiert, sondern auch die Identität des Staates Türkei und seiner Gesellschaft.
Wie überall, wo gewählt wird, begleiten auch diese Wahlen Prognosen, wobei das Gros der Voraussagen der islamischen AKP eine starke Führung bescheinigen. Manche sprechen von 41%, andere gar von 47% Wählerstimmenanteil für die AKP Erdogans. Das lässt die Republikanische Volkspartei (CHP), geführt von Deniz Baykal, daneben ziemlich dürr aussehen.
Nach ihrem Wahlsieg 2002, mit dem sie auch die absolute Mehrheit der Parlamentssitze errang, regierte die AKP wie in einem Einparteiensystem – mit entsprechender Personalpolitik – und zeigte sich wenig geneigt, die Macht zu teilen. Dieser AKP-Absolutismus mündete bei der letzten Präsidentschaftswahl in ein unentwirrbares Dilemma, nachdem die AKP prompt den Islamisten Abdullah Gül als Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten nominierte und sich weigerte, einem nicht-islamischen Kompromisskandidaten zuzustimmen. Die Folge waren landesweite, heftige Massenproteste, angeführt von einer tief frustrierten Oppositon und begleitet von jenen, die ein vollständiges Abdriften der säkular konzipierten Türkei in einen islamisch dominierten Staat befürchteten. Ein tiefer Riss zog sich durch die türkische Gesellschaft.
Desäkularisierung der Türkei
An den Symbolen lässt sich dort, wo sie keine Tarnlüge sind, die Richtung erkennen. So argwöhnen säkulare Türken in den Kopftüchern der Gattinnen der beiden AKP-Granden Erdogan und Gül eine Art “Zukunftsfahne” ihres Landes, das sich nun, fast 70 Jahre nach Atatürks Tod, für einen Weg zurück in “Vor-Atatürkische” Zeiten entscheiden könnte. Wann beginnt die Zukunft ?
Die türkische Gesellschaft entscheidet am Sonntag, wie stark der Einfluss des Islam künftig den politischen Charakter des Landes prägen soll. Zwei Lager stehen einander in konsequenter Unvereinbarkeit gegenüber: Die von einem mächtigen Militärapparat gestützten Säkularisten, auch “Weiße Türken” genannt, und eine breite, rurale Bevölkerungsschicht, die ihr Zivilisationsdesign aus den Werten des Islam bezogen haben will. Die “Schwarzen Türken” schwören auf den Islam. Es verwundert nicht, dass gerade Erdogan sich als “Schwarzen Türken” bezeichnet.
Islamische Lebens- und Staatsgestaltung verspricht die von Islamisten geführte AKP, welche während ihrer Regierungszeit hochmotivierte Vorarbeit für die Islamisierung der türkischen Gesellschaft geleistet hat. Die Früchte sind nicht ausgeblieben. Der prominente Istanbuler Künstler Zülfü Livaneli sieht gar einen “Gottesstaat” heraufdräuen und erinnert an den vergleichsweise sehr moderaten Islam, wie ihn seine Großeltern noch gelebt hatten und dessen Wurzeln auf die Osmanen zurückgingen. Sultane seien nie nach Mekka gepilgert, Kopftücher trugen nur Bedienstete und Bauersfrauen. Doch heute infiltriere ein fanatischer Islam, der auf Gewalt setze, die Türkei. Livaneli empfindet es als ernüchternd, dass die Großmütter moderner waren als ihre Enkelinnen es heute sind.
War tiefe Verbundenheit mit Religion zuvor noch hauptsächlich ein Lebens- und Wesensmerkmal der Provinz, so durchziehen heute Zeichen islamischer Frömmigkeit in vermehrter Dichte auch die großen Städte. Die religiöse Provinz ist in die Moderne übersiedelt und hat ein anderes Stadtbild zu zeichnen begonnen. Allerdings eines jenseits einer modernen Werteverpflichtung. Die Renaissance vormoderner Traditionen zeugt von einem nationalen Identitätswunsch, wie ihn Atatürk nicht angedacht hatte.
Innerstädtisches Pilgertum zu den Moscheen, besonders der Istanbuler Eyüp-Moschee, der Grabstätte des Propheten Ebu Eyüp i-Ansari, kommen immer mehr in Mode, sowie das Kopftuch der Frauen, welches bereits das städtische Straßenbild dominiert. Der smarte Modedesigner Atil Kutoglu hat sich inzwischen auch der islamischen Schickeria angebiedert und entwirft für die “moderne islamische Frau” schicke Kopfbedeckungen. Leute wie Kutoglu, (der hauptsächlich in Europa zu Hause ist), scheinen keinerlei Probleme mit der Islamisierung ihres Landes zu haben, sie richten es sich überall fein ein. Ob Diktatur oder Gottessaat – Mode braucht man immer.
Doch es gibt nicht nur Opportunisten und Optimisten. Manche, so auch Livaneli, befürchten einen Militärputsch oder bürgerkriegsähnliche Zustände, sollte die AKP aus den Parlamentswahlen siegreich hervorgehen. Letzteres ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, wenn nicht vorhersehbar. Selbst wenn der bartlose Erdogan kumpelhaft verschwitzt in die Masse kräht und leutselig eine “moderne Demokratie” ausruft, rieselt den Säkularisten bei soviel irreführendem Darstellungswillen der kalte Schauer über den Rücken. Der Ruf dieses Polit-Muezzins ist eine infame Lüge. Gegenüber den Türken und gegenüber der Welt.
Die Beeinflussung und Konditionierung der Kinder und Jugendlichen nach den Prinzipien des Islam läuft seit langem auf Hochtouren. Universitäten sollen künftig auch den religiösen Imam-Hatib-Studenten geöffnet sein, in den Schulen sollen Gebetsstätten errichtet werden und das Kopftuch wird den Gang durch die Instanzen antreten. In manchen Schulen seien bereits 98% aller neuen Stellen mit Angehörigen der muslimischen Lehrergewerkschaft besetzt worden, meint ein Lehrer. Auch ein großer Teil neuer Schuldirektoren entstamme der islamischen Lehrergewerkschaft, Tendenz steigend. Verwundert es, wenn immer mehr Schüler während der Ferien Koranschulen besuchen ? Pakistan ist ein Bruderstaat der Türkei, dessen sollte man sich angesichts solcher Entwicklungen bewusst sein.
Deutschland – eine Lachnummer bei den Frommen
Während türkische Instanzen und von Ankara ferngesteuerte Verbände bereits den Anspruch erheben, in die deutsche Gesetzgebung – zugunsten ihrer in Deutschland beheimateten religiösen Schäfchen – einzuwirken, erfährt auch das Entwicklungsgeschehen in der Türkei wesentlichen Einfluss aus dem Ausland. Fetullah Gülen (Fetullah Hodscha) ist so ein Master-Mind, der aus dem Ausland operiert. Ihm, dem prominenten Sektenführer, wurde vorgeworfen, den türkischen Säkularstaat auszuhebeln und einen Gottesstaat errichten zu wollen. Gülen flüchtete vor 7 Jahren in den Schutz der US-Amerikanischen Demokratie. Hodscha herrscht und operiert seither aus dem Exil. Hinter ihm steht der religiöse Geldadel der Türkei. Somit ist es ein Leichtes, religiöse Institutionen zu finanzieren, welche die Islamisierung, besonders die der Nachfolgegenerationen, vorantreiben. Seine “Goldene Generation von Muslimen” würde die moralischen Werte des Islam stärken und die Politik schließlich in ein Instrument religiöser Machtinteressen transformieren. Ist man denn nicht schon soweit ?
Die Absicht ist eindeutig : Hinter der Fassade eines gemäßigten Images, das nach außen Demokratiewillen zeigt, soll der Staat ausgehoben werden, seine Instanzen durchwandert, das Bildungssystem infiltriert und der türkische Staat neu aufgebaut und organisiert werden. Dieselben Strukturen wenden islamische Verbände übrigens auch in Europa an, wobei sie bislang in Deutschland die größten Fortschritte verzeichnen konnten. Kein Staat lässt sich derartig bequem überrumpeln wie der deutsche. Das hat sich in der Fundamentalistenwelt längst herumgesprochen. Deutschland als Lachnummer bei den Frommen.
Am Sonntag wird sich abzeichnen, welche Richtung die Türkei in Zukunft gehen möchte. Wird sie die Ideale Atatürks, seine Vision von einem westlich orientierten, modernen und säkularen Staat, zu den Akten legen und sich eine neue Identität erschaffen? Eine, die exakt aus jenen alten Stoffen genäht sein wird, die der Staats-Schneider Atatürk einst vehement verworfen hatte? Feiern Fez, Shalvar und Kopftuch ein Comeback ? Am Sonntag werden wir es wissen.
Photo Quelle/ Copyright: serdar, cc creative commons Namensnennung-NichtKommerziell 2.0 (via flickr)
Ein tendenziöser Artikel ohne grosse Substanz, der dem gängigen Alarmismus das Wort redet.
Kein MP vor Erdogan hat in der Türkei derart westliche, rechtsstaatliche Werte eingeführt und sie umgekrempelt, um den Anforderungen des EU-Beitrittsprozesses zu genügen. Die Pauschalisierung der AKP als “religiöse” oder “Islamisten” ist sehr ungenau und in etwa so treffend als würde man die CDU generell als “Christen” in eine ultrareligiös-fundamentalistische Ecke drängen wollen.
Dass Pakistan der “Bruderstaat der Türkei” ist (was bedeutet das?) wird als Signal für die Islamisierung der Türkei genommen. Das ist in etwa so zutreffend, als würde man aus der Tatsache, dass Pakistan ein politischer Verbündeter der USA ist, schliessen, dass auch demnächst in den USA muslimische Bräuche eingeführt würden.
Die grösste Absurdität äussert sich in dem Artikel, wenn der Autor in bester Ulfkotte-Manier Deutschland bereits als von “Frommen” “überrumpelten” Staat sieht.
Soviel Unsinn war hier selten.