Die “Polarstern” ist auf großer Fahrt nach Nordnorwegen und Spitzbergen, wo die europäischen Tiefseeökosysteme untersucht werden. Die Expedition ist in drei Teiletappen untergliedert, sie verläuft im Rahmen eines lang geplanten Projektes zum Polarjahr 2007/08. Nachdem in den letzten Wochen erst Schüler und dann Wissenschaftler die Bordwissenschaftler auf ihrer Reise begleitet haben, reisen nun drei europäische Lehrer in die Arktis. Sie haben die Gelegenheit, die aktuelle Polarstern-Expedition von Longyearbyen (Spitzbergen) bis Tromsö (Nordnorwegen) zu begleiten. Während dieser Reise werden sie einen lebendigen Eindruck von aktueller Tiefseeforschung erhalten, den sie danach mit an ihre Schulen nehmen können.
Donnerstag, 19. Juli
Es war sehr kalt und zu allem Überfluss sehr früh, als wir zusahen, wie das ROV „Quest“ zu Wasser gelassen wurde. Es hatte unser kleines Druckexperimennt an Bord: Die Tasche, die eine Plastikflasche mit Luft, eine Plastikflasche mit Weißwein und ein Stück Styropor enthielt. Das ROV musste heute für eine Bergungsaktion auf eine Tiefe von 2500 m abtauchen. Vor zwei Jahren war eine „Verankerung“ in zwei Teile zerrissen worden. Heute sollte ihr unterer Teil gefunden und durch das Anbringen von Auftriebskörpern nach oben gebracht werden. Die AWI – Tiefseeforschungsgruppe hat vor einem Jahr damit begonnen, diese Bergungsaktion zu planen. Zuerst schickten sie ein akkustisches Signal in Tiefe und hofften, dass die Verankerung antworten und seine exakte Position übermitteln würde. Danach musste das ROV sie auffinden und sie darauf vorbereiten, an die Wasserobfläche aufsteigen zu können. In den folgenden Stunden konnte man nichts mehr tun, als darauf zu warten, dass die Verankerung auftauchte. Der letzte schwierige Teil war dann die Bergung der schwimmenden Verankerung, ohne sich in ihrer langen Leine zu verfangen. Alle arbeiteten ausgezeichnet zusammen, wodurch die gesamte Operation erstaunlich reibungslos ablief.
Was aber war mit unserem Experiment geschehen: War es erfolgreich? Wir nahmen die Tasche vom ROV, öffneten sie und fanden ein winziges verschrumpeltes Stück Styropor. (s. Abb.) Beeindruckend! Die Flasche mit Wein hatte sich überhaupt nicht verändert, während die Flasche mit Luft durch den Wasserdruck deformiert und teilweise mit Wasser gefüllt worden war. Perfekt!
Man kann also sagen, dass dieser Tag für alle erfolgreich war!
Freitag, 20. Juli 2007
Heute erreichten wir einen besonderen Ort unserer Fahrt: das Molloy Deep. Es ist die tiefste Stelle des nördlichen Nordatlantiks und reicht bis zu einer unglaublichen Tiefe von fast 5600 m hinab. Wenn man den höchsten Berg Europas, den Mont Blanc, in dieses Loch werfen würde, so würde er komplett davon verschluckt und es wären immer noch 700 m Wasser über seinem Gipfel. Der Wasserdruck ist hier ungefähr doppelt so hoch wie an allen anderen Stellen, wo wir bisher waren. Für die Ausrüstung der Wissenschaftler ist das eine große Herausforderung. Aber sie waren bereit, dieses Risiko einzugehen, um Sediment- und Wasserproben und verschiedene Messwerte in diesem Abgrund sammeln zu können. Die Biologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut erklärte uns, dass sich seit dem Beginn der Beobachtungen in diesem Gebiet im Jahre 1999 sowohl die Eigenschaften des Meeresbodens als auch die Fauna dramatisch verändert haben. Man kann also sagen, dass hier irgend etwas vor sich geht. Was und Warum sind die Fragen, die die Wissenschaftler der „Polarstern“ beantworten wollen.
In der Zwischenzeit hat sich das Wetter merklich verändert. Während wir am Anfang unserer Fahrt blauen Himmel und wenig Wind hatten, müssen wir uns nun mit einer Mischung aus starkem Wind, Nebel, Regen und manchmal sogar Schneefall abfinden. Die Beliebtheit unseres Meteorologen lässt dadurch etwas nach, obwohl er behauptet, dass er das Wetter nicht macht, sondern nur vorhersagt.
Wie wir gehört haben, unterscheidet sich dieses Wetter deutlich von dem Wetter zu Hause.
Samstag, 21. Juli 2007
Das Leben auf der „Polarstern“ unterscheidet sich stark vom Leben zu Hause; zum Glück erleichtern einem einige Besonderheiten den Alltag. Solange das Schiff nicht im Hafen liegt, gibt es praktisch keine verschlossenen Türen. Wir brauchen keine Schlüssel. Wenn man will, kann man in den Maschinenkontrollraum oder zur Brücke gehen oder jede Kabine betreten. Das ist dank der guten Einweisungen durch die Besatzung allerdings kein Problem. Es gibt hier weder ein Handy noch Internetanschluss, abgesehen von sporadischen Emails. Daher ist es ziemlich anders als zu Hause, wo man 24 Stunden am Tag mit der ganzen Welt verbunden ist.
Wir haben jedoch andere interessante “Kommunikationsmöglichkeiten” an Bord, z. B. mit dem Meeresgrund. Wenn Sie glauben, dass er einem keine Antwort gibt, dann irren Sie sich. Er reflektiert akkustische Singale und liefert Informationen über Tiefe und Zusammensetzung der oberen Sedimentlagen des Meeresbodens. Auf diesem Fahrtabschnitt wird dieses so genannte Parasound-System von vier Leuten bedient. Diese Reise ist eine Art Testfahrt zur Optimierung, weil das gesamte System erst vor kurzem neu installiert worden war.
Die Sensation des Tages war eine Barbecue-Party draußen auf dem Arbeitsdeck bei 1,5°C. Viel Salat, verschiedene Fleischsorten, sogar Hummerschwänze und Straußenfleisch wurden serviert. (Das Straußenfleisch war in Kapstadt (Südafrika) eingekauft worden, als die „Polarstern“ in diesem Frühjahr von einer Reise in die Antarktis heimkehrte. Wahrscheinlich gibt es kein Stück Fleisch auf dieser Erde, das jemals eine weitere Strecke vom Metzger zum Grill zurückgelegt hat, als dieses Straußen-Steak!) Nach einiger Zeit mussten Manche zurück an die Arbeit oder ins Bett, weil sie für den nächsten Morgen wichtige Experimente eingeplant hatten. Die meisten Wissenschaftler hatten aber ihre Arbeit bereits beendet und konnten noch ein wenig länger aufbleiben .
Sonntag, 22. Juli
Der heutige Tag begann mit dem Mittagessen. Vielleicht hatte das etwas mit dem Barbecue des Vortages zu tun. Sogar das tägliche Treffen um 9:30 wurde wegen der erwartet geringen Beteiligung abgesagt.
Aber auch an diesem Tag ging das Leben an Deck weiter. Nachmittags stand die Bergung eines schwedischen Landers auf dem Programm (Geräte, die am Meeresgrund Messdaten sammeln und Proben nehmen). Es war der erste Tauchgang des Landers zu einer über 5500m großen Wassertiefe. Der enorme Druck würde die Komponenten bis dicht an den Rand ihrer Belastungsgrenzen bringen. Diese gewaltige Kraft wollten wir auch erfahrbar machen und schickten einen Styroporklotz, wie einige Tage zuvor, mit dem Lander in die Tiefe. Nun warteten wir gespannt zusammen mit dem schwedischen Team und hofften, dass das Experiment gelingen und der Lander wieder auftauchen würde.
Da heute nicht – wie letzte Woche – Freitag der Dreizehnte war, verlief alles ausgezeichnet. Der Druck jedoch hinterließ seine Spuren. Wegen der enormen Tiefe implodierten zwei Sensoren des Landers und das Styropor war sogar noch weiter zusammengepresst worden als das andere.
Dies war der letzte Lander-Einsatz dieser Expedition. Sofort nach dem Ende dieser Bergung starteten wir Richtung Tromsö, eine Reise, die drei Tage lang dauern wird. Auf dem Weg werden wir mehrmals anhalten, um Proben zu nehmen, aber es werden keine in situ Experimente mehr stattfinden. (in situ = “an Ort und Stelle”; das Versuchsobjekt wird in seiner natürlichen Umgebung untersucht. Gegenteil: in vitro = “im Reagenzglas”)
Nach dem Abendessen durften die Wissenschaftler den Kollegen ihre vorläufigen Ergebnisse vorstellen und wir wurden gebeten, diese Konferenz zu eröffnen. Als unseren eigenen Beitrag hatten wir einen kleinen aber lustigen Film über unsere Druck-Experimente gemacht. Wir meinen sogar, dass wir den lautesten Applaus bekommen haben!
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Thale Kristine Smaaldahl (28) unterrichtet Mathematik und Naturwissenschaften an der Weiterführende Schule Tromsdalen in Norwegen, Mieke Eggeremont (31) aus Belgien ist Biologielehrerin am Königlichen Atheneum III in Gent und Michael Bauer (35) unterrichtet Biologie und Physik am Erich Kästner Gymnasium in Eislingen, Deutschland.
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Lesen Sie hier den Wochenbericht 3 der Lehrer: klick
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