Die gegenwärtige Ausgabe des Londoner Magazins Monocle €“ ein recht selbstbezogenes “Heft über weltweite Dinge, Business, Kultur und Design” €“ widmet sich dem Thema Stadt: Die am besten bewohnbaren Städte; wie zuvor unbeachtete Städte wie das baskische Bilbao oder Boulder in Colorado sich in urbane Zentren von Weltruf gewandelt haben; was eine gute Stadt ausmacht, vom Prozentsatz der Grünflächen bis hin zur Qualität der staatlichen Schulen.
Zu den faszinierendsten Berichten gehört der Beitrag “Good Hood €“ Ideal world”, der die Details eines hypothetischen “perfekten Stadtzentrums” ausmalt, in welchem die schönsten Teile Kopenhagens, Barcelonas, Tokios und Londons zusammengetragen und mit einem Höchstmaß an städtischer Ethik und Umweltbewusstsein versehen werden.
Umweltbewusstsein und Konsum
Alle Gebäude müssen per Gesetz Grünflächen, Solaranlagen und Wasserkollektoren vorweisen können; Autos werden missbilligt, der Großteil aller Einwohner geht zu Fuß, fährt Fahrrad oder Scooter. Im Park befindet sich ein urbaner Sportclub mit einem eigenen Koreanischen Badehaus; und sogar die funktionalsten Verwaltungsgebäude, z.B. Polizei- und Feuerwehrstationen oder Ärztezentren, stammen von bekannten Architekten wie Peter Zumthor, John Pawson und Kengo Kuma.
Diese Nachbarschaft brüstet sich mit dem Besten an globalisierter Konsumerfahrung. Der örtliche Friseur ist Michio, der sowohl in Londons Mayfair als auch im japanischen Aoyama Zweigstellen betreibt, die Drogerie ist ein Outlet der Schweizer Apotheke Helvetica, die Wäscherei die legendäre Lavenderia Milano; und alles für den Computer findet sich im hypercoolen Apple Store.
Was fehlt?
Betrachtet man diese zugegebener Maßen schillernde Umgebung, fällt besonders auf, was es hier nicht gibt: Ein geistiges, spirituelles Kerngebäude. Der Autor hat seinen Ort definiert als einen, in dem man “Kaffee trinkt, sich unterhält und Geld ausgibt” €“ Gebete, Meditation und Transzendenz stehen nicht auf dem Plan; ein Tempel, eine Kirche, eine Moschee oder Synagoge ist nicht in Sicht.
Ist das wirklich so schlimm? Nicht nur in dieser hypothetischen Stadt, sondern auch in echten urbanen Zentren? Es gibt verschiedene Gründe, die bestätigen, dass es das auf lange Sicht tatsächlich ist, und dass der andauernde Abriss von diesen Gebäuden €“ wie es mit Kirchen in England geschieht, die, wenn man mit derselben Rate fortfährt sie zu schließen, im Jahr 2040 nicht mehr existieren werden €“ ernsthafte Konsequenzen haben wird.
Vier Gründe, weshalb wir Tempel brauchen
Erstens bietet das Vorhandensein eines spirituellen Gebäudes einer Nachbarschaft einen Raum zur Vermittlung bestimmter Werte, die in einer rein faktischen Erziehung oft zu kurz kommen. David Myers bemerkt in seinem Band The American Paradox: Spiritual Hunger in an Age of Plenty (Yale University Press, 2000), dass von den vierzehn Männern, die im Januar 1942 am Wannsee zusammenkamen um die “Endlösung” des Holocaust zu formulieren, acht Doktortitel hatten. Beeindruckende Ausbildung ist demnach kein Garant für ein gesundes moralisches Urteil; andersherum gibt eine Form religiöser Erziehung zwar keine Garantie für soziales Benehmen, hilft aber oft, es zu erzeugen.
Zweitens bietet ein spirituelles Gebäude in einer materialistischen Welt, in der hoher Konsum häufig mit persönlichen Werten gleichgestellt wird, einen neutralen, nicht-materialistischen Kern einer Nachbarschaft. Innerhalb seiner vier Wände treffen alle sozialen Gruppen aufeinander und kommunizieren miteinander und stärken so Solidarität und Empathie.
Der dritte Grund für die Aufnahme solcher Gebäude ist der, dass sie oft zu den schönsten und ästhetischsten gehören und dadurch zu dem Leben Aller, die sie betrachten, beitragen können.
Zu guter Letzt kann ein religiöses Gebäude uns eine der wertvollsten Dinge unserer Zeit nahe bringen: Transzendenz. Unabhängig davon, ob eine Person einen religiösen Glauben hat oder nicht, erfahren die meisten Menschen ihre tiefsten Gefühle in einem Gebäude, das ausdrücklich spirituellen Zwecken dienen soll. Diese Gefühle können alles sein, von innerem Frieden bis hin zu einem Moment des himmlischen Verständnisses; was sie vereint, ist ihre Wichtigkeit im Leben derjenigen, die sie erfahren.
In anderen Worten sollte jeder Stadtteil €“ sogar so einer, der in anderer Hinsicht so perfekt ist wie Monocle€™s “Good Hood” €“ die universelle Weisheit bedenken, die in Jonas Ridderstrales und Kjell Nordstroms “Karaoke Capitalism” (2004) so deutlich benannt wird, nämlich dass “eine vernünftige Gesellschaft eine Balance finden muss zwischen dem Marktplatz, dem Tempel und dem Turm €“ dem ökonomischen System, dem ideologischen System und dem regulativen System”. Ein Stadtkern ohne Tempel ist per definitionem im Ungleichgewicht; mit ihm gleicht sich die Balance wieder aus.
Dieser Artikel erschien zuerst auf OhmyNews. Veröffentlichung und Übersetzung mit Genehmigung von OhmyNews.
Es wurden deutlich mehr Kriege im Namen der Religion und Demokratie geführt als im Namen der Filosofie. Meditationsräume ob drinnen oder draußen sind unverzichtbar, aber das gleich wieder mit der Ideologie machthungriger Glaubenbeamter zu koppeln wird dem notwendigen offen inneren Dialog nicht gerecht.
Diese Ruhzonen in städtischer Urbanität sind schon seit Jahren Standard moderner Städteplanung. Leider ist es oft ein vergeblicher Kampf diese Konzepte auch durchzusetzen. Immobilieninvestoren mögen solch unvermietbaren Flächen überhaupt nicht. Erst wenn deren Fehen Rückwirkung auf die Vermietbarkeit hat, sind sie bereit solche Örtlichkeiten zu schaffen.