Nachwachsender Leichtsinn

Wissenschaft und Technik haben in ihrer Geschichte reichlich Scherben produziert €“ und das nicht nur im Kriege. Manches, was durch sie in Scherben fiel, fügt sich inzwischen bedrohlich wieder zusammen: Heilloser Aberglaube, religiöser Wahn und Rassismus scheinen allenthalben auf dem Vormarsch. Wissenschaft als Instrument der Aufklärung und Emanzipation, als Methode

Heute schon in Genmais gebissen?  Foto: KatplattWissenschaft und Technik haben in ihrer Geschichte reichlich Scherben produziert €“ und das nicht nur im Kriege. Manches, was durch sie in Scherben fiel, fügt sich inzwischen bedrohlich wieder zusammen: Heilloser Aberglaube, religiöser Wahn und Rassismus scheinen allenthalben auf dem Vormarsch. Wissenschaft als Instrument der Aufklärung und Emanzipation, als Methode kritischer Welterkenntnis, gerät zunehmend ins Hintertreffen, während sie in ihren Zentren €“ von der Politik gefördert €“ mehr und mehr zum Handlanger oder Feigenblatt reiner Wirtschaftsinteressen verkommt.

Imageverlust trotz technischer Höchstleistungen, die immer schneller zu Produkten werden und im Handumdrehen, rund um den Globus, unseren Alltag verändern: Sehr wohl Notwendiges und Nützliches, manch Zwiespältiges, aber auch €“ und oft spät erkannt €“ gefährlicher Unfug, “Scherben” die keiner braucht.

Eine schon klassische “Scherbe” heißt “DDT

1939 als starkes Kontakt-Insektizid erkannt, rettete sein Einsatz in Malariagebieten unzählige Menschenleben. 1948 erhielt Paul Hermann Müller hierfür den Medizin-Nobelpreis. Die weltweit in großen Mengen versprühte, äußerst stabile, fettlösliche Verbindung erreichte im Laufe von Jahrzehnten über die Nahrungskette auch in menschlichem Fettgewebe und Muttermilch gefährlich hohe Konzentrationen. Seit den 80er Jahren darf DDT nur noch in wenigen Ländern verwendet werden. Obwohl inzwischen gar als krebserregend verdächtigt, zerfällt die Chemikalie immerhin im Laufe von Jahrzehnten doch so weitgehend, dass sie heute bei uns kein gravierendes Umweltproblem mehr darstellt und nach Produktionsstop verschwinden wird.

Nicht so die “Scherbe” Kernenergie

Schädlichkeit auch geringer Strahlendosen für Mensch und Natur und epochal lange Halbwertszeiten einiger Radionuklide sind lange bekannt. Der “fallout” kleinerer und größerer “Havarien” wird in geschichtlichen Zeiträumen nicht mehr “abklingen”.

Dauerhaftes Unheil droht nun in Gestalt gentechnisch veränderter Nutzpflanzen, die in den USA schon in großem Umfang, inEURopa und Deutschland noch überschaubar, auf die Natur losgelassen werden. Die Unwägbarkeiten bereits erster gentechnisch veränderter “Vorzeigesorten” sind ungleich komplexer, als jene, die seinerzeit mit dem Einsatz von DDT verbunden waren.

Zum Beispiel “Genmais” der Linie “Mon810″ von Monsanto/USA: 1998 erhielt er seine erste EU-Zulassung, 2005 genehmigte Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer erstmals kommerziellen Genpflanzen-Anbau in Deutschland. Diese “Bt-Pflanze”, der ein Gen des Bacillus thuringiensis eingebaut wurde, produziert nun ständig besonders in Blättern, Körnern und Pollen ein Bt-Toxin, das für Säuger als ungefährlich gilt und angeblich “hochspezifisch” nur den “Zielorganismus”, einen in Deutschland regional auftretenden Schmetterling, den Maiszünsler, abtöten soll. Neuere Untersuchungen machen wahrscheinlich, dass die Pflanze außer dem Schädling zumindest auch nützliche Gliedertiere, darunter seine natürlichen Feinde, geschützte Schmetterlinge und andere schädigt. “Mon810″ ist inzwischen in Österreich, Ungarn, Griechenland und Polen verboten, während Deutschland im April 2007 lediglich ein Saatgut-Handelsverbot aussprach. Im Mai ergab eine Greenpeace-Studie, dass der Toxingehalt von Pflanze zu Pflanze auf demselben Feld bis um das Hundertfache schwankt. Auch diese Angaben fehlten in den Unterlagen von Monsanto völlig.

Selbst einfachste, grundlegende Tests wurden also schlampig ausgeführt oder unterlassen, vielleicht auch verheimlicht.

Ehe überhaupt Langzeitfolgen untersucht werden, stimmt mit diesem “Türöffner” für Genpflanzen inEURopa, schon so einiges nicht. Dabei besteht €“ anders als bei DDT oder Kernenergie €“ für derartige Ackerpflanzen von Anfang an ohnehin kein Bedarf. Vermarktung gelingt nur, wo der Verbraucher getäuscht wird und Kennzeichnung unterbleibt. Dem Münchner Umweltinstitut zufolge gelangte 2005 in den USA durch “Verwechslung der Genkonstrukte” “Bt10-Genmais” mit Antibiotika-Resistenzgenen in die menschliche Nahrungskette. Im übrigen werden dort seit Jahren Mais, Sojabohnen und andere Lebensmittel als “Pharmacrops” angepflanzt, die Medikamente, Impfstoffe und Industriechemikalien produzieren.

Ob diese Technik in Zukunft jemals einen Ausstieg zulässt, ist zweifelhaft. Nicht nur bei massenhaftem Anbau ist Einkreuzung in herkömmlichen Mais durch Pollenflug vorprogrammiert, Manipulation anderer Pflanzenarten führte verschiedentlich sogar schon zur Einkreuzung in Ackerunkräuter. Da Langzeit-Risikoanalysen für jede neue Sorte unsicher, kompliziert, zeitraubend und teuer sind, Agrar-Gentechnik ein aggressiver Wirtschaftszweig ist und die ganz “schwarzen Schafe” wohl gerade erst auf den Markt drängen, bestehen gewisse Aussichten in Zukunft ernsthafte “Störfälle” zu erleben €“ mit Genkonstrukten, die weder zerfallen, noch abklingen, sondern einfach nachwachsen.

Foto Quelle/ Copyright: Katplatt, cc creative commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0, (via flickr)

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Der Artikel erschien zuerst im strassenfeger, einer Zeitung des MOB e.V..

Kommentare

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  1. Im Prinzip ist die Argumentation und ihre Schlußfolgerung (daß wir nämlich in Zukunft auch im Bereich der sog. “grünen” Gentechnologie negative Effekte zu erwarten haben) stichhaltig und an ihr ist nichts auszusetzen. Allerdings bin ich etwas über den einleitenden Absatz irritiert: dort steht “…heilloser Aberglaube, religiöser Wahn und Rassismus scheinen allenthalben auf dem Vormarsch. Wissenschaft als Instrument der Aufklärung und Emanzipation, als Methode kritischer Welterkenntnis, gerät zunehmend ins Hintertreffen…”

    Das beschriebene Risikopotential von gentechnisch veränderten Pflanzen und Saatgut ist aber keineswegs auf eine unzureichende wissenschaftliche Kontrolle zurückzuführen (denn 100% Sicherheit könnte auch eine noch so aufwendige Forschung nicht gewährleisten!). Und die Naturwissenschaften, um die es hier ja geht, standen seit langem nicht mehr im Verdacht “kritischer Welterkenntnis”. Ich möchte an dieser Stelle schlicht davor warnen, hier lediglich das Primat der Industrie am Werke zu sehen oder gar Verschwörungstheorien bzw. eine Allianz der Skrupellosigkeit zu sehen.

    Denn: ja!, Pannen (wie etwa die angesprochene fehlerhafte Deklarierung von BT10, das in den Handel gelangte… dies ist übrigens unbestritten und man braucht nicht auf das Münchner Umweltinstitut als alleinige Quelle zu verweisen) wird es immer geben und werden sich egal in welchem industriell-technischen Zweig nicht vermeiden lassen. Will sagen: wenn der Transrapid gebaut wird, so wird es Unfälle geben. Wenn wir Pflanzen gentechnisch verändern, wird das Folgen haben, die wir nicht berücksichtigt haben. Genauso wie wir feststellen müssen, daß auch die elektromagnetischen Wellen (Handy, WLAN etc.) nicht ohne gesundheitliche Folgen sind.

    Aber: das alles ist nicht eine Folge mangelnder Wissenschaftlichkeit! Denn, es liegt im Wesen der Wissenschaft (die immer nur falsifizierbare Erkenntnisse liefern kann), daß sie niemals absolute Gewißheit produziert. Wir werden mit Risiken leben müssen. Es ist lediglich eine gesellschaftliche Frage, welche Risiken wir um welchen Preis eingehen wollen. Hier muß argumentiert werden, hier muß diskutiert werden. Es ist aber zu naiv, die Schattenseiten auf die anklingende Weise zu attribuieren, nämlich Wissenschaft an sich reinzuwaschen, da sie (s.o.) “mehr und mehr zum Handlanger oder Feigenblatt reiner Wirtschaftsinteressen verkomme.” Das ist nämlich in meinen Augen nur ein randständiges Problem. Die Trennung zwischen “guter” Wissenschaft und “böser” Industrie, greift zu kurz.