Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu retten

Ein innovativ strukturiertes Dorf spendet Hoffnung für thailändische HIV- und AIDS-Waisen… Was haben der gefeierte Musicalstar Bruce Gaston, die Prinzessin von Thailand, BMW und eine deutsche Dokumentarfilmer-Mannschaft gemeinsam? Sie alle unterstützen Baan Gerda, ein neuartiges Waisenhaus für HIV-positive Kinder in Thailand. Karl Morsbach, der Gründer neuartigen Gesellschaft, hört das Wort

pho1Ein innovativ strukturiertes Dorf spendet Hoffnung für thailändische HIV- und AIDS-Waisen… Was haben der gefeierte Musicalstar Bruce Gaston, die Prinzessin von Thailand, BMW und eine deutsche Dokumentarfilmer-Mannschaft gemeinsam? Sie alle unterstützen Baan Gerda, ein neuartiges Waisenhaus für HIV-positive Kinder in Thailand. Karl Morsbach, der Gründer neuartigen Gesellschaft, hört das Wort Waisenhaus allerdings nicht gerne. Nach seinen Vorstellungen ist es eher eine konstruierte Gemeinschaft oder eine Organisation, die wie ein Dorf aufgestellt ist und in der die Kinder in einer liebevollen Umgebung leben können.

Benannt nach Morsbachs verstorbener Mutter, liegt das Dorf zwei Stunden nördlich von Bangkok in der grünen und schlangenreichen Gegend Lopburi. Inmitten schattiger Bäume, Plastikdinosaurieren in Kindergröße und Teichen mit schwebenden lila Lotusblüten, gibt es 13 Pfahlhäuser, in denen die Pflegefamilien €“ zwei Erwachsene und bis zu neuen Kinder €“ wohnen. Angemalt mit leuchtenden Farben und belebt durch überschwänglich lachende Kinder, sind sie weit entfernt von den berüchtigten staatlichen Waisenhäusern für HIV- und AIDS kranke Kinder.

Insgesamt leben dort 71 Kinder.

Die Erwachsenen, die die Rollen als Pflegeeltern übernommen haben sind entweder HIV-positiv oder AIDS-Witwen. Gerade diese als Pflegekräfte auszuwählen war eine ganz bewusste Entscheidung €“ da hier auch die nötige Umgebung für extrem stigmatisierter Erwachsene geboten wird und sie zudem ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse HIV-kranker Kinder aufbringen können. Kindern und Eltern bilden zusammen ihre eigene Familie, die nicht durch Blut, sondern durch Liebe zusammengehalten wird. “Wir ziehen die Kinder in einer liebevollen Umgebung groß. In der Hoffnung, dass sie diese Liebe in ihrem späteren Leben weitergeben”, so das Baan Gerda Handbuch, eine Bibel für jeden, der das gleiche Modell umsetzen möchte.

Die Errichtung dieses Dorfes ist eine beachtliche Leistung von Morsbach und seiner thailändischen Frau Tassanee, da sie in der Lage waren genügend Kapital zu beschaffen, um ihre Visionen umzusetzen und darüber hinaus großzügige Spenden von Unternehmen, gut betuchten Bekannten und aus einem Sponsoringprogramm, das die erfolgreiche Weiterführung von Baan Gerda sicherstellt, heranzogen. Zunächst bestand die Idee darin, irgendwo ein Haus zu bauen, um sich dort um Kinder im Endstadion zu kümmern und ihnen dort ein Sterben in Frieden und Behaglichkeit zu ermöglichen €“ eine Alternative zu den widerlichen und verrufenen “Todes Hospizen”, die das Los zu vieler thailändischer Waisen sind, die an diesem Virus leiden.

“Als wir hier vor sieben Jahren bauten, dachten wir, sie würden sterben”, grübelt Morsbach.

Jetzt, dank der kostengünstigen Verfügbarkeit antiretroviraler Mittel (ARV) pflegt man einen gesunden Lebensstil und eine liebevolle familienorientierte Umgebung, so dass sie binnen der letzten drei Jahre kein Kind mehr verloren haben.

Morsbachs Geschichte ist schon etwas ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass er nun “Vater” von 71 Kindern ist. Von einem erfolgreichen Geschäftsmann in einem Unternehmen in Bangkok wurde er zu einem Aktivisten für die Rechte von Kindern, nachdem er erkannt hatte, dass “er nicht auf dieser Erde war, um andere Menschen reich zu machen”. Gemeinsam mit seiner Frau baute er fünf Schulen an der Grenze zu Burma auf, um den Kindern auf dem Land den Zutritt zur Bildung zu ermöglichen. Nachdem er jedoch ein teilweise schmerzliches Photo und einen Artikel in der Bangkoker Zeitung über Kinder, die am HIV-Virus sterben gesehen hatte, änderte er seinen Fokus, um nun die HIV-Epidemie in Thailand zu bekämpfen. Nachdem sie zwei Jahre Spenden in Deutschland gesammelt hatten, um ihre Ziele zu verwirklichen, kehrte das Paar nach Thailand zurück und baute das auf, was siche heute zu einer blühenden und einzigartigen Organisation entwickelt hat und die darüberhinaus zu einem Mdoellprojekt vergleichbar mit denen der UNESCO geworden ist.

Wenn man näher hinsieht, sind Morsbachs Erfahrungen als Geschäftsmann und seine jetzige Position als Gründer von Baan Gerda nicht allzu verschieden. Er etablierte ein Punktesystem, das auf demselben beruht, dass er einst für seine Angestellten benutzte, um die Bemühungen der Eltern zu belohnen: Sie bekommen Punkte für Liebe, Sauberkeit, dafür, wie viel Fernsehen ihre Kinder sehen und so weiter. Diejenigen, die eine bestimmte Anzahl an Punkten erreichen, werden mit eine Bonus zum Jahresende belohnt. “Glückliche Kinder brauchen glückliche Eltern”, sagt er. Die Eltern müssen außerdem aufmerksam die Gesundheit der Kinder überwachen und sicherstellen, dass sie ihre Medikamente zwischen sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends einnehmen, keine Entschuldigungen keine Ausnahmen.

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Zusätzlich zur Medizin bekommen die Kinder von einer freiwilligen Ärztin Besuch, die als Teil der Versorgung regelmäßige Check-ups durchführt. Diese hat mittlerweile einen engen Bezug zu den Kindern und tut es nur aus Liebe, nicht für Geld. Ein australischer Zahnarzt spendete eine Ausrüstung, so dass sie nun eine Zahnklinik in ihrem Medizinzentrum vor Ort einrichten können. Morsbach zeigte sich auch an der geheimnisvollen alten japanischen Heilkunst Reiki interessiert und so erhalten nun alle Kinder kostenlos Reiki-Behandlungen von praktischen Ärzten in Deutschland – heilend über tausende von Kilometern hinweg.

Das klingt ein wenig befremdend für einen ordentlichen Deutschen…

… aber Morsbach behauptet, dass er “weit davon entfernt ist zu glauben, dass das nicht funktioniert”. In der Tat führt er zahlreiche Beispiele von Kindern auf, deren Gesundheit sich nach einer Reiki-Sitzung merklich über Nacht verbesserte. Er praktiziert es sogar selbst an den Kindern. Mit seiner großen Vision und unternehmerischem Glück kam Morsbach voran und begann so etwas ähnliches wie eine Hütten-Industrie im Dorf. Er nutzte seine Kontakte zur Wiener Modeszene, um die Frauen des Dorfes nicht nur zu professionellen Schneiderinnen auszubilden, sondern um dann auch umweltfreundlichen und sozial verträglichen Handel mit Kleidung und Accessoires zu betreiben und nach Österreich zu exportieren. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, neue Fähigkeiten in punkto Gelderwerb zu erlernen. Die Männer sind gelernte Zimmermänner und mit ihren Fähigkeiten sind sie in der Lage, Dinge für das Dorf anzufertigen.

Da die meisten Kinder während des Tages in der Schule sind, begrüßen viele dieses Training als einen Weg ihre tägliche Routine zu durchbrechen und diese berufliche Weiterbildung wird zu einem unbezahlbaren Gewinn, falls sie sich jemals dafür entscheiden sollten, Baan Gerda zu verlassen.

Die Kinder sind erstaunlicherweise sehr gut angepasst, wenn man das Trauma die eigenen Eltern sterben zu sehen oder aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, bedenkt. Zunächst kamen die Kinder aus einem Tempel-Hospiz, heute kommen viele durch Mund-zu-Mund-Propaganda hierher. So fanden sie ein Kind beim durchwühlen des Mülls an einem Supermarkt. Sie wurde, wie viele Kinder, buchstäblich zum Sterben zurückgelassen. Deshalb kreuzen auch die Eltern nur mit einem Koffer in der Hand auf, nachdem sie aus ihrer Gemeinschaft verstoßen wurden. Morsbach ist der Ãœberzeugng, dass die Kinder in Baan Gerda nicht aufgrund ihrer HIV-Krankheit verurteilt werden sollten. Ein fröhlicher, optimistischer Mann, dessen Glas halb voll ist:

“Es ist wichtig die positive Seite zu sehen €“ die Kinder sind glücklich.”

Jetzt da sie alle für die meiste Zeit bei guter Gesundheit sind, bemüht sich Morsbach um ihren Geist, ihre soziale und emotionale Entwicklung. In den vergangenen Monaten erhielten die Kinder am Wochenende Musikstunden vom berühmten amerikanischen Musiker Bruce Gaston, der in Thailand lebt. Er verliebte sich in diese Kinder wie es jedem passiert, nachdem er das Haus besucht hat – jetzt macht er die zweistündige Reise aus Bangkok jeden Samstag, um sie für einige Stunden zu unterrichten bevor er wieder zurück nach Bangkok eilt, um mit seiner Band seine regelmäßiges Samstagnacht-Konzert zu spielen. Er hat sie zu seinem Projekt gemacht, eine Art thailändische Hühnerfamilie, und kürzlich spielten sie sogar ein Konzert in Bangkok vor geladenen Gästen. Die Tatsache, dass die Kinder HIV haben war ein nebensächliches Detail der Einladung. Nun wird darüber gesprochen mit den Kindern eine Oper zu inszenieren, in der sie sich selbst und den menschlichen Kampf ums Ãœberleben reflektieren können.

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Sogar der pragmatische Deutsche Morsbach verbringt eine Menge Zeit damit über die Zukunft nachzudenken und wie die Kinder in die “reale” Welt integriert werden können, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist bei Unternehmen um Geld zu bitten. Mit den Spenden zahlreicher Firmen haben sie eine Bücherei, einen Computer- und einen Musikraum gebaut. “Einige Menschen kritisieren uns dafür, dass wir das Geld dazu benutzen, um Dinge wie eine Klavier zu kaufen, wenn wir das Geld doch dafür verwenden könnten, ein Kind mit Medizin zu retten.” Nachwievor betont er deshalb, dass die Kinder nicht nur physisch gesund sein müssen, sondern auch mental gut trainiert sein müssen bis sie eines Tages die Highschool beenden und auf eine Universität oder in die Berufsschule gehen und somit unweigerlich das Dorf verlassen.

Jedes Jahr wird mit den Kindern ein spezieller Ausflug veranstaltet.

Einmal sollte es in einen großen Vergnügungspark nach Bangkok gehen. Aber obwohl sie einiges über den HIV-Status der Kinder erfahren hatten, hielten Beamte sie davon ab den Park zu besuchen. Ein Freiwilliger der Gruppe postete diese Ablehnung auf einer Internetseite und bald kam eine ganze Gruppe von Studenten, um jedes der Kinder einzeln an die Hand zu nehmen und unbemerkt in den Park zu marschieren. Dieses Ereignis wurde sogar in einer kürzlichen Dokumentation über das Dorf unter dem Titel “Himmelswiese: Die kleinen Wunder von Baan Gerda” von einem deutschen Dokumentarfilmer aufgegriffen.

Neben diesem Ausflügen wird auch Weihnachten zusammen gefeiert, fahren sie einmal am Jahr zum Strand und haben Sporttage. Oft kommen interessierte Besucher vorbei, wie zum Beispiel Künstler, Tanztherapeuten und Englischlehrer. Morsbach ermutigt die Besucher zu kommen €“ vor allem Studenten. Er glaubt, dass so das Stigma, das in Thailand immer noch gegenüber HIV herrscht, abgebaut werden kann, da, wie er sagt “viele Menschen Angst haben die gleiche Luft wie diese Kinder mit HIV zu atmen”. Der Nachteil an dieser Sache ist, dass dieser Platz so zu einer Art Zoo wird, vor allem an den Wochenenden, wenn die Besucher überall herumschlendern und Fotos mit den Kindern machen. Dennoch ist das ein kleiner Preis, den man bezahlen muss, wenn man bedenkt, dass ohne diese Aufmerksamkeit die Kinder und viele Erwachsene schon tot wären.

Obwohl sich die Dinge langsam ändern, erkennt er an, dass “unser größter Feind nach wie vor die Stigmatisierung ist”. Er erzählt von einem Mädchen, das, bevor sie hierher ins Dorf kam, gezwungen wurde, den Unterricht außerhalb des Klassenraums beizuwohnen. Sie musste sich so an die Tür setzen, dass sie die Tafel sehen konnte. Und das nur, nachdem die Schule gezwungen wurde sie wieder aufzunehmen, nachdem sie sie von der Schule verwiesen hatten.

Langsam, so gegen 15.15 Uhr kommt Leben auf den Platz als 60 Kinder von der nahe gelegenen Schule, die vom König von Thailand erbaut wurde, nach Hause kommen. Die meisten von ihnen bleiben am Spielplatz stehen, um das kleinste Kind €“ ein einjähriger Junge, der aufgrund einer Beindeformation nicht laufen kann €“ zu knuddeln. Die Liebe ist offensichtlich als der Küsseregen über ihn hereinbricht und ihn auf seinem kleinen Plastikdreirad hin und her wirft. Ein anderes kleines Kind hat eine geschwächte Lunge und die Eltern sind sich nicht sicher wie lange es noch leben wird. Noch trottet es mit leichtem Schritt und einem breiten Grinsen im Gesicht herum. Es weiß, das es das nicht für immer tun kann, deshalb macht es das Beste aus jedem Tag.
Eine Lehrstunde dafür, wie man jeden wachen Moment schätzen sollte, ebenso wie Baan Gerda eine Lehrstunde und ein Modell dafür ist, wie erfolgreich und liebevoll man mit Waisen, die HIV und AIDS haben, umgehen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf OhmyNews. Ãœbersetzung durch Readers Edition und Veröffentlichung mit Genehmigung von Ohmynews.

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