Olympia im Reich der Mittel

In einem Jahr, genau am 08.08.2008 um 08 Uhr 08 p.m., werden sie eröffnet, die 29. Olympischen Spiele der Neuzeit. Zum ersten Mal wird das bevölkerungsreichste Land der Erde das Spektakel ausrichten. Mit Peking wurde 2001 ein Austragungsort gewählt, der vielversprechend schien, denn schon lange geht es den Sportartikelfirmen, den

olympia.jpgIn einem Jahr, genau am 08.08.2008 um 08 Uhr 08 p.m., werden sie eröffnet, die 29. Olympischen Spiele der Neuzeit. Zum ersten Mal wird das bevölkerungsreichste Land der Erde das Spektakel ausrichten. Mit Peking wurde 2001 ein Austragungsort gewählt, der vielversprechend schien, denn schon lange geht es den Sportartikelfirmen, den Brauereien und anderen Nahrungsmittelkonzernen darum, die Wachstumsmärkte Asiens zu erobern. Darum gab es die Fußball-WM der Herren in Japan und Südkorea (2002), die der Damen in China (2007) und eben €“ als non plus ultra des postmodernen Konsumgütermarketings €“ Olympia 2008 in Peking.

An Medienrummel und die gnadenlose Kommerzialisierung, die selbst den 100-Meter-Endlauf für einen kurzen Werbeblock unterbricht (€žWir sind gleich wieder zurück!€œ), haben wir uns indes längst gewöhnt. Wir schalten um, gehen auf€™s Klo oder an den Kühlschrank. So manche Seminararbeit entsteht in der Werbepause.

Menschenrechte, Doping und Nationalismus

Doch das, was man der Presse in bezug auf Peking 2008 entnehmen kann, stimmt alles andere als froh. Die Jugend der Welt trifft sich in einem Land, in dem Olympia sich aus Menschenrechtsverletzungen, Doping und Nationalismus konstituiert.
Dem Planziel Wirtschaftswachstum €“ und Olympia ist eine wichtige Facette des Wachstums €“ wird alles untergeordnet, Sozial- und Umweltstandards ebenso wie die Menschenrechte. Neu ist das keineswegs, sind doch im modernen China Zwangsumsiedlungen an der Tagesordnung und Meinungsfreiheit etwas, das sich nur im Internet finden würde, wenn, ja wenn es einen uneingeschränkten Zugang zum Internet gäbe. Gibt es aber nicht und wird es auch so schnell nicht geben. Denn die chinesische Regierung fährt mit ihrem Sic-et-non-Schlingerkurs zwischen marktwirtschaftlichen Reformen und diktatorischen Repressionen sehr gut, da jene den Westen mehr reizen als diese ihn abschrecken.

Richtig schade ist allerdings, dass man mittlerweile ein Pharmaziestudium mit mindestens befriedigend abgeschlossen haben muss, um Sendungen wie das €žOlympia-Telegramm€œ überhaupt noch verfolgen zu können. Das IOC hat unterdessen den Anti-Doping-Kampf verstärkt. Nur: Es liegt die Befugnis für die Durchführung von Doping-Kontrollen während der Olympiade, also in dem Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, bei den Sportfachverbänden, die auf die Mithilfe der Nationalverbände angewiesen sind. Es ist aber vermessen zu erwarten, dass der chinesische Gewichtheberverband aggressiv Kontrollen bei seinen Aktiven durchführt. Ausschließlich bei Olympia zu kontrollieren, wäre jedoch gleichbedeutend damit, dass die Polizei ihre traditionelle Silvester-Verkehrskontrolle irgendwann im Mai, möglichst vormittags, durchführt, um dann freudestrahlend zu resümieren: Kaum jemand fährt besoffen! Nicht mal die Chinesen!

Chinesische Sportler: Halb Maschine, halb Parteimitglied

Noch etwas anders trübt schon jetzt die erstaunlich gute Perspektive der chinesischen Athleten: Ihr anachronistisches Auftreten. Jedenfalls schaue ich mir Olympia nicht wegen 12jähriger Mädchen an, die nach fünffachem Salto mit dreifacher Schraube als Doppelolympiasiegerinnen die schmalen Lippen nur auseinander bekommen, um zu bekunden, sie seien voll Hoffnung, das chinesische Volk und seine wohlmeinende Regierung glücklich gemacht zu haben. Der chinesische Sportler €“ halb Maschine, halb Parteimitglied €“ ist dringend zu vermenschlichen, um auch die Massen jenseits der Staatsgrenze zu begeistern.

Es steht also angesichts dieser Vorzeichen zu befürchten, dass die olympische Idee irgendwo im Ozean versinken und nur in Bruchstücken an die Küste des €žReichs der Mittel€œ gespült wird. Angesichts von Menschenrechtsverletzungen, Doping und der Rückkehr des klassenkämpferischen Nationalismus€™ ins olympische Wettkampfprogramm wird bereits heute eine erste Goldmedaille verliehen. Sie geht an Pierre de Coubertin, den Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit. Disziplin: €žSich-im-Grabe-umdrehen€œ, Männer €“ Einzelwertung.

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